Limbaži

(Bild: die Cēsu iela in Limbaži – zu einer etwas anderen Zeit. Gefunden auf letonika.lv)

Matthias Boosch: Black Friday und andere Lettland-Geschichten.
BaltArt-Verlag, 2016

Ich ging die Straße entlang. Rotbraune Blätter an den Bäumen, sowjetisch anmutende Autos, aufgesprungener Asphalt.
«Cēsu iela», stand auf einem Straßenschild. Das also war der Ort, in dem ich das nächste Jahr verbringen wollte.
Ein Freund hatte mich auf die Idee gebracht, als er nach einer Lettlandreise überzeugt war, man könne dort besser als anderswo «dem Leben zuhören».
Ich ging an einem alten Holzhaus vorbei, wie man es von Schweden her kennt. Folgte der Cēsu iela.
Limbaži. Eine Kleinstadt im Norden Lettlands. Ich freute mich auf das nächste Jahr.
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Vater, Mutter, Meer

Ein Ausschnitt aus Andra Manfeldes Roman „Virsnieku sievas“ (Offiziersfrauen). Rīga: Dienas Grāmata, 2017
Aus dem Lettischen von Nicole Nau

Das Meer wie eine beschlagene Scheibe. Du schaust in die Ferne und siehst nichts. Pustest, wischst die Brillengläser mit einem Zipfel deiner Hosentasche ab und arbeitest weiter. Fragen sind überflüssig. Was bringen Fragen über das, was man nicht ändern kann? Auch im Schlaf bist du auf Posten, wenn du deine Frau an die Hand nimmst, bist du auf Posten, oder du schläfst. Du gehst ihr das Meer zeigen. An jenem Tag gab es überhaupt keine Wellen. Auch keine Schiffe. Ein paar Grenzschützer verschmolzen ihre Silhouetten in der Ferne mit den Weiden. Betonsterne lagen hilflos herum, eingezwängt auf den Schrägen der Mole, sie erinnerten an angespülte, schwarz gewordene Schrottteile. Hinter die Absperrung dürfen Zivilisten nicht.
„Wie schön.“ Die Frau blickte lange aufs Meer oder in Richtung Leere. Als Kind der Steppe bemerkte sie nicht, dass das Meer an jenem Tag langweilig war wie eine Zeitung, wie das Leben. Ein blanker Kessel aus bläulichem Gusseisen, ohne eine einzige Wellenbeule. Die Sonne hatte die Schatten in der Niederung verschluckt und streichelte nun immer heißer ihre Gesichter. Die Weiden standen in Ruhestellung. Seine Tochter fragte, ob die Sowjetunion genau dort aufhörte, wo das Meer anfing. Sie zog mit ihrem Fingerchen eine Grenzlinie in den Sand, aber das Salzwasser schwappte seine Unbeweglichkeit und Entschlossenheit darüber, und innerhalb einer Minute war die kleine Grenzrinne zu und die weißen Söckchen und Sandalen der Tochter waren nass. Seine Frau fing an zu schimpfen, nasse Sandalen würden ihre Form verlieren, die Füße würden ohnehin zu schnell wachsen, da käme man nicht hinterher, Lera solle sofort die Schuhe ausziehen und vom Meer weggehen. Er fühlte sich alt und müde. Jetzt bist du ganz oben, Oberst.
Die Arbeit ist ein Posten, die Familie ist ein Posten, der Körper ist ein Posten. Du stehst Wache wie das ewige Feuer und niemand, verdammt, niemand kommt dich ablösen. Lange noch wirst du hier der Hauptkerl mit den Schulterstücken sein, zumindest in dieser Keimzelle der Gesellschaft, zu lange, um darüber nicht zu wimmern, wenn man in der Einsamkeit auf die Knie fällt und den Flachmann an die Brust drückt. Wacht darüber, dass das Feuer niemals verlöscht! Ruhm und Ehre den Helden des Vaterlands! Ruhm denen, die niemals weichen und die siegen werden! Ruhm denen, die das Teuerste hingaben!
„Papa, hört hier die Heimat auf?“
Ja, so könnte man sagen.
Schau, hier verschwindet der Rand unseres Staates im Meer. Fern im Zentrum von Liepāja ist der Sand wie gelber Puderzucker, die Dünen sind damit bestreut wie Pfannkuchen, durch Lachen und Niesen wird der Sand in alle Richtungen verteilt. Hier in der Militärstadt ist der Sand grau und grob gemahlen, er erinnert an den Teig, den man in Kastenformen gießt um Brot zu backen. Sieh, die Wellen verzieren die Grenzen unserer Heimat mit glattgewaschenen Steinen, Glasscherben, roten Ziegelsplittern. Schmücken sie mit Bernstein, mit Muscheln, mit dem weichen Seegras, das in der Tiefe des Meeres wallt wie flaumiges grünes Haar, doch wenn es an Land gespült wird, anfängt zu stinken.
„Mama, wann gehen wir ans Meer?“
„Wenn Papa heimkommt.“
Papa kommt zusammen mit der Dunkelheit heim. Die Dunkelheit öffnet die Tür und lässt Papa ein.
„Bist du noch nicht im Bett? Jetzt aber…“
„Papa, Papa!“

Einārs Pelšs

Mit obigem und untigem Werk des lettischen Dichter Einārs Pelšs feiere ich den heutigen Welttag der Poesie. Die Originale habe ich auf Satori gefunden (http://www.satori.lv/article/labu-uztaisit-ir-gruti und http://www.satori.lv/article/tava-kompi-saule-uzsak-loku)

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sieben acht || neun elf
zwölf dreizehn || fünfzehn sechszehn
zwanzig dreissig || fünfzig sechzig
sechzig siebzig || achtundsechzig
neunundsechzig || hundereins hundertdrei
entscheidende änderung || nichts konkretes

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Glückwunsch, Estland!

Estland hat heute Geburtstag: am 24.02.1918 wurde die estnische Republik ausgerufen.

Deshalb leihe ich mir heute bei lyrikline ein paar estnische Gedichte in deutscher Übersetzung aus. Eine kleine, ganz spontane Auswahl nach zwei Kriterien: die Autoren müssen bereits ein halbes Jahrhundert erlebt haben und das Gedicht mir gefallen.

Auf der Originalseite findet man Gedichte von insgesamt 18 estnischen AutorInnen mit Übersetzungen in verschiedene Sprachen. Man kann sich das Gedicht vorlesen lassen, was man unbedingt versuchen sollte – bekanntlich ist Estnisch eine der schönsten Sprachen der Welt. (Nur ein Beispiel für den Wohlklang des Estnischen: ööülikool heißt wörtlichlich übersetzt Nachthochschule, aber geben Sie das mal auf Youtube ein!)

Doris Kareva

Herb, karg ist das Licht des Nordens,
der Schlitten wird dort von schweren Schatten gezogen,
wach sind die Eulen, die Wölfe.
Das Wort knirscht zwischen den Zähnen.

Ich weiβ nicht, ich kann hier nicht sein,
die Geschichte macht mich frösteln.
Alle Grenzen sind Käfige,
jede Geschichte ist abgeschlossen.

Wovon ich spreche, vom
Tanz der Staubkörner
in der bodenlosen Sonne.

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Unübersetzbares und Unerklärliches

ar visiem valsts svētkiem
aizmirsās veļus pabarot

(Christian Rohlfs: Fabelwesen)

Christian Rohlfs: Fabelwesen

Im November hat Lettland Geburtstag. Am 18.11.1918 wurde die lettische Republik ausgerufen, nachdem jahrhundertelang fremde Gewalten über die Bewohner dieses Landes geherrscht hatten. Die Vorbereitungen zur Hundertjahrfeier im kommenden Jahr haben schon im vorigen angefangen. Heuer können wir die 99 noch etwas ruhiger feiern, wie es der lettischen Natur im November entspricht. Lettisch valsts svētki = Staatsfeiertag.

Im November wandern die Seelen der Verstorbenen übers lettische Land. Man sieht sie manchmal schemenhaft im Abendnebel oder hört sie im Dunklen durchs Laub rascheln. Auf Lettisch heißen diese wandernden Seelen veļi. Das Jahr über leben sie in ihrem eigenen Land und gehen dort ähnlichen Tätigkeiten nach wie die lettischen Bauern. Im Oktober, November, mancherorts noch im Dezember, besuchen sie ihre Nachfahren. Diese decken ihnen einen Tisch mit Essen und Trinken und ziehen sich dann respektvoll zurück, damit die Veļi ungestört unter sich sein können. Lettisch pabarot veļus = den Veļi Essen geben, die wandernden Seelenwesen füttern.

Wenn man dieses Vorwissen voraussetzt, könnte man die eingangs zitierte Zeile aus Knut Skujenieks Gedicht vielleicht so übersetzen:

Über all dem Staatsfeiertag
vergaß ich glatt die Ahnen zu bewirten.

Aber das gibt nichts von der Stimmung wieder, es fehlen die lettischen Novemberassoziationen. Kalter Nebel. Schatten, die durch die dunklen Abende wandern. Ahnen und Ahnungen. Und dahinein ein ungeahntes politisches Ereignis: eine Staatsgründung! Das verträumte Land wird zur Repulik! Bauern werden Bürger! Die lettischrote Fahne mit dem weißen Streifen wird zur Staatsflagge!

Die Veļi haben das vielleicht geahnt. Denn auf Christian Rohlfs‘ Zeichnung „Fabelwesen“ (aus dem Skizzenbuch „Hagen“, Kunsthalle zu Kiel) sehen wir flatternde Wesen, deren Flügel und Körper zu Fahnen in den Farben der baltischen Staaten werden – oben das Blau-Schwarz-Weiß der Esten (Staatsgründung 24.02.1918), unten etwas weniger deutlich das Gelb-Grün-Rot der Litauer (Staatsgründung 16.02.1918), mittendrin, klar und fröhlich, das Rot-Weiß-Rot der Letten. Dieses spezielle Rot heißt sogar Lettischrot, lehrt mich Wikipedia.
Baltic_Flaggen
Aber kann das denn sein? Der deutsche Künstler Christian Rohlfs scheint keine besondere Beziehung zum Baltikum gehabt zu haben (außer vielleicht über die aus Riga stammende Tänzerin Tatjana Barbakoff, der er einen ganzen Zyklus widmete). Aber die Zeichnung stammt aus dem Jahre 1906, und da gab es keine baltischen Staaten und keine baltischen Staatsflaggen. Die lettische und die estnische wurden in diesen Farben zwar schon seit Ende des 19. Jahrhunderts von Studentenvereinigungen getragen, aber die litauische entstand später. Es bleibt unerklärlich.

Wie so vieles im November.

(siehe auch das Nachwort zu Paul Bankovskis‘ Roman 18; ein anderes heute passendes Gedicht von Knuts Skujenieks)

Alexandertag

Knuts Skujenieks (*1936)

jahrhundertelang krumm gelegen
viel gereimt
und viel geträumt
dann gereckt und hoch

was wundert dich
dein rückenschmerz?

(aus dem Lettischen von Nicole Nau)

Dieses Gedicht stammt aus Knut Skujenieks kleinem Gedichtband TAGAD ES ESMU ALEKSANDRS (Jetzt bin ich Alexander), der 2006 im Verlag Neputns (Unvogel) erschienen ist. Der 18. November ist nicht nur lettischer Staatsfeiertag, sondern auch Namenstag aller Alexanders.

gadsimtos salīcis
sacerējies
un sasapņojies
tu izslējies stāvus

ko tu brīnies
ka mugura sāp?

Tagad-esmu-aleksandrs_wordpress