Frost im Frühling

Liebe oder Karriere? Wie entscheidet sich eine junge Frau, die an einem schönen Frühlingstag zwei Anträge erhält: zuerst von ihrem Liebsten, der wie sie jung, schön und abhängig beschäftigt ist (sie will ihn ja, würde ihn nur gerne noch ein kleines bisschen hinhalten), dann vom reichen greisen Nachbarn, dessen Werbung in der Tat eher wie die eines Headhunters als eines Verliebten klingt und dadurch das Unerhörte doch plötzlich möglich erscheinen lässt, wäre da nicht… eine banale Geschichte, denkt man, und wird doch davon berührt.

Rudolf Blaumanis (1863-1908)

Frost im Frühling

aus dem Lettischen von Nicole Nau

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Blüten

Oben blauer Himmel, blitzende Wolkenschäfchen und das unaufhörliche Trillern der Lerchen; unten leuchtendes Grün, weiße Blüten, ein mannigfaltiger Duft, flinke Hände und Jubel in den Herzen. Flinke Hände, Jubel in den Herzen: ich weiß nicht, ob es allen so ging. Aber beim Falkenhof-Anders war es wohl so. Denn wenn auch die Sonne erst Frühstückszeit anzeigte, so war doch der große Acker, eine ebene Erhebung in der Mitte der Wiese, schon fast zur Hälfte gepflügt, und die geröteten Wangen des Burschen und sein dampfendes Pferdchen zeugten davon, dass diese Arbeit nicht ohne Mühe vonstattengegangen war. Als er die Furche bis zu den üppigen Traubenkirschen gezogen hatte, die am Rain in voller Blüte standen, hielt er den Grauen an, hob den Pflug, trieb das Eisen mit Kraft in die Erde und ließ sich im Schatten der Sträucher nieder. Der bittersüße Duft war so stark, dass er Anders schon fast unangenehm war. Er zog sein Messer heraus, schnitt einen tiefhängenden Zweig voller Blüten ab und rutschte ein Stück ab vom Strauch. Dann nahm er seinen Hut und wand die Blüten um das Band, während er fröhlich vor sich hin sang. „Raidaidaida!“ Der geschmückte Hut flog in die Luft, fiel in das leuchtende Grün, und der Bursche lachte. „Dummer Hut, da liegst du und weißt nicht, ob die Lerchen singen oder die Herbststürme heulen! Trallala, lalla, lullie! Was für ein schönes Wetterchen! Was für ein schönes Wetterchen – das Herz möcht‘ vor Freude…“ Anders machte sich lang, schloss die Augen, grinste und lag so eine gute Weile da. Die Sonne grinste zurück. küsste seine blühenden Wangen und trocknete seine feuchte weiße Stirn. Endlich hob er den Kopf, stützte ihn in die Hand und blickte zum Hügel, hinter dem der Schornstein des Hauses zu sehen war. Eine dünne Rauchsäule zeigte an, dass es zum Frühstück etwas Warmes geben würde. „Wer wird es wohl bringen? Sie? Ach, lieber Gott, lass es sie sein, die kommt und nicht Annule oder die alte Liese!“ Und der junge Mann behielt den Hügel entschlossen im Auge, und sah dort nach sechs, sieben Minuten langem Warten ein hellrosa Kopftuch, eine dunkelrosa Jacke, eine weiße Schürze und einen grauen Rock. Sein Lächeln wurde noch froher und seine Augen begleiteten die junge Frau bei ihrem Abstieg, beim Gang über die Wiese und ließen auch nicht ab von ihr, als sie ihr weißes Bündel in den Schatten der Traubenkirsche legte.
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Frühling in der Stadt

Gunars Saliņš (1924-2010)

Frühling in der Stadt

An einem Tag, der nieselte
so lau und lind,
spürte ich an der Backe,
spürte ich am Kinn,
keinen Bart,
nein, zartes Grün aus mir sprießen.

Da haste dir aber ein Plätzchen gewählt! brumme ich und, so gut es geht,
weiche Passanten aus dem Weg.

Doch bevor ich im Untergrund versinken kann,
spricht mich einer ganz sacht von hinten an:
Was bist du dumm! Kannst du nicht sehen –
wo soll das Gras denn sprießen in der Stadt,
wenn es sprießen muss,
auf Stein etwa?

Ich wandte mich um: auch auf seiner Wange
grünte das
zarte Gras,
und blühten die ersten Buschwindröschen…

Es war Frühling in der Stadt.

(aus dem Lettischen von Nicole Nau)