Einārs Pelšs

Mit obigem und untigem Werk des lettischen Dichter Einārs Pelšs feiere ich den heutigen Welttag der Poesie. Die Originale habe ich auf Satori gefunden (http://www.satori.lv/article/labu-uztaisit-ir-gruti und http://www.satori.lv/article/tava-kompi-saule-uzsak-loku)

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sieben acht || neun elf
zwölf dreizehn || fünfzehn sechszehn
zwanzig dreissig || fünfzig sechzig
sechzig siebzig || achtundsechzig
neunundsechzig || hundereins hundertdrei
entscheidende änderung || nichts konkretes

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Glückwunsch, Estland!

Estland hat heute Geburtstag: am 24.02.1918 wurde die estnische Republik ausgerufen.

Deshalb leihe ich mir heute bei lyrikline ein paar estnische Gedichte in deutscher Übersetzung aus. Eine kleine, ganz spontane Auswahl nach zwei Kriterien: die Autoren müssen bereits ein halbes Jahrhundert erlebt haben und das Gedicht mir gefallen.

Auf der Originalseite findet man Gedichte von insgesamt 18 estnischen AutorInnen mit Übersetzungen in verschiedene Sprachen. Man kann sich das Gedicht vorlesen lassen, was man unbedingt versuchen sollte – bekanntlich ist Estnisch eine der schönsten Sprachen der Welt. (Nur ein Beispiel für den Wohlklang des Estnischen: ööülikool heißt wörtlichlich übersetzt Nachthochschule, aber geben Sie das mal auf Youtube ein!)

Doris Kareva

Herb, karg ist das Licht des Nordens,
der Schlitten wird dort von schweren Schatten gezogen,
wach sind die Eulen, die Wölfe.
Das Wort knirscht zwischen den Zähnen.

Ich weiβ nicht, ich kann hier nicht sein,
die Geschichte macht mich frösteln.
Alle Grenzen sind Käfige,
jede Geschichte ist abgeschlossen.

Wovon ich spreche, vom
Tanz der Staubkörner
in der bodenlosen Sonne.

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Unübersetzbares und Unerklärliches

ar visiem valsts svētkiem
aizmirsās veļus pabarot

(Christian Rohlfs: Fabelwesen)

Christian Rohlfs: Fabelwesen

Im November hat Lettland Geburtstag. Am 18.11.1918 wurde die lettische Republik ausgerufen, nachdem jahrhundertelang fremde Gewalten über die Bewohner dieses Landes geherrscht hatten. Die Vorbereitungen zur Hundertjahrfeier im kommenden Jahr haben schon im vorigen angefangen. Heuer können wir die 99 noch etwas ruhiger feiern, wie es der lettischen Natur im November entspricht. Lettisch valsts svētki = Staatsfeiertag.

Im November wandern die Seelen der Verstorbenen übers lettische Land. Man sieht sie manchmal schemenhaft im Abendnebel oder hört sie im Dunklen durchs Laub rascheln. Auf Lettisch heißen diese wandernden Seelen veļi. Das Jahr über leben sie in ihrem eigenen Land und gehen dort ähnlichen Tätigkeiten nach wie die lettischen Bauern. Im Oktober, November, mancherorts noch im Dezember, besuchen sie ihre Nachfahren. Diese decken ihnen einen Tisch mit Essen und Trinken und ziehen sich dann respektvoll zurück, damit die Veļi ungestört unter sich sein können. Lettisch pabarot veļus = den Veļi Essen geben, die wandernden Seelenwesen füttern.

Wenn man dieses Vorwissen voraussetzt, könnte man die eingangs zitierte Zeile aus Knut Skujenieks Gedicht vielleicht so übersetzen:

Über all dem Staatsfeiertag
vergaß ich glatt die Ahnen zu bewirten.

Aber das gibt nichts von der Stimmung wieder, es fehlen die lettischen Novemberassoziationen. Kalter Nebel. Schatten, die durch die dunklen Abende wandern. Ahnen und Ahnungen. Und dahinein ein ungeahntes politisches Ereignis: eine Staatsgründung! Das verträumte Land wird zur Repulik! Bauern werden Bürger! Die lettischrote Fahne mit dem weißen Streifen wird zur Staatsflagge!

Die Veļi haben das vielleicht geahnt. Denn auf Christian Rohlfs‘ Zeichnung „Fabelwesen“ (aus dem Skizzenbuch „Hagen“, Kunsthalle zu Kiel) sehen wir flatternde Wesen, deren Flügel und Körper zu Fahnen in den Farben der baltischen Staaten werden – oben das Blau-Schwarz-Weiß der Esten (Staatsgründung 24.02.1918), unten etwas weniger deutlich das Gelb-Grün-Rot der Litauer (Staatsgründung 16.02.1918), mittendrin, klar und fröhlich, das Rot-Weiß-Rot der Letten. Dieses spezielle Rot heißt sogar Lettischrot, lehrt mich Wikipedia.
Baltic_Flaggen
Aber kann das denn sein? Der deutsche Künstler Christian Rohlfs scheint keine besondere Beziehung zum Baltikum gehabt zu haben (außer vielleicht über die aus Riga stammende Tänzerin Tatjana Barbakoff, der er einen ganzen Zyklus widmete). Aber die Zeichnung stammt aus dem Jahre 1906, und da gab es keine baltischen Staaten und keine baltischen Staatsflaggen. Die lettische und die estnische wurden in diesen Farben zwar schon seit Ende des 19. Jahrhunderts von Studentenvereinigungen getragen, aber die litauische entstand später. Es bleibt unerklärlich.

Wie so vieles im November.

(siehe auch das Nachwort zu Paul Bankovskis‘ Roman 18; ein anderes heute passendes Gedicht von Knuts Skujenieks)

Alexandertag

Knuts Skujenieks (*1936)

jahrhundertelang krumm gelegen
viel gereimt
und viel geträumt
dann gereckt und hoch

was wundert dich
dein rückenschmerz?

(aus dem Lettischen von Nicole Nau)

Dieses Gedicht stammt aus Knut Skujenieks kleinem Gedichtband TAGAD ES ESMU ALEKSANDRS (Jetzt bin ich Alexander), der 2006 im Verlag Neputns (Unvogel) erschienen ist. Der 18. November ist nicht nur lettischer Staatsfeiertag, sondern auch Namenstag aller Alexanders.

gadsimtos salīcis
sacerējies
un sasapņojies
tu izslējies stāvus

ko tu brīnies
ka mugura sāp?

Tagad-esmu-aleksandrs_wordpress

läuft vorbei wie die sonne
kommt hervor wie der mond
bleicht wie blaues laken
trocknet aus wie ein plan
schwindet wie
saunadampf
wie ein stein
im fortwurf
(hieristerdoch)

*

tek kā saule nāk kā mēness
nobāl kā zila drāna
slāpst kā plāns iznīkst kā
pirtsgars
kā akmens
projāmsviežot
(tepatvienir)

*

imt (Imants Tilbergs)
aus dem Lettischen von Nicole Nau

Wie geht’s dem Gras? Grün. Das Gras wächst
und die Wiese auch und der hier der sie mäht
und die Stechfliege
sticht Kuh und Pferd und mich
zitiert mich wie einen, der ihr gleicht
wie all das bunte Leben
und bringt Bewegung in den Unterlass
gießt Blut um von einem ins andere

*

Kā zālei klājas? – Zaļi. Zāle aug
un pļava aug un pļāvējs tepatās
un dundurs
kož govij zirgam kož i man
citē mani kā sev līdzīgu
kā visu dzīvu radību
un izkustina apstāju
pārlej asinis no viena otrā

*

imt (Imants Tilbergs)
aus dem Lettischen von Nicole Nau