Die Sache

Māra Zālīte: Paradīzes putni (Paradiesvögel) Riga 2017
Erstes Kapitel. Aus dem Lettischen von Nicole Nau

„Wie war’s in der Schule?“ fragt Mima wie jeden Tag, während sie Laura hilft, den schweren Schulranzen abzustreifen. „Hast du da denn Steine drin? Also, wie war’s heute?“
„Gut“, antwortet Laura wie jeden Tag.
„Geht das vielleicht ein bisschen ausführlicher? Wie soll man aus einem einzigen Wort klug werden?“ Mima reicht das nicht.
„Aivars hat mich beinah erwürgt!“ ergänzt Laura zufrieden. Überhaupt war das ein richtig schöner Tag gewesen.
Was denn so schön gewesen sei?
„Alle Lehrer sind krank. Grippe.“
Ach so. Das ist nun wirklich sehr schön. Mima freut sich sehr. Sie hat Dörrapfelsuppe mit Klüten gekocht.
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Noch ein Gedanke in zwei Übersetzungen

„Die Natur ist so riesengroß und das Himmelsgewölbe darüber so endlos, daß der Mensch, von der Stille erschreckt, sterben würde, wenn die Rufe der Tiere und Vögel, die Seufzer der Kräuter und die Stimmen der Bäume und Wasser ihm nicht zu Hilfe kämen.“ (Ed. Virza, Straumehni, übersetzt von Willi Stöppler, Riga 1934)

Ich lese immernoch, mit erstauntem Vergnügen, die deutsche Übersetzung von Virzas Straumēni. Den obigen Gedanken habe ich mir notiert, weil er mir gefiel, und dann noch einmal selbst aus dem Lettischen übersetzt:

Die Natur ist so gewaltig und das Himmelszelt über ihr so endlos, dass die Stille den Menschen zu Tode erschrecken würde, wenn ihm nicht die Rufe von Vögeln und Vieh, die Seufzer der Gräser und die Stimmen der Bäume und Gewässer zu Hilfe kämen. (Übertragung von Nicole Nau, 2018)

Über das „über ihr“ versus „darüber“ habe ich einige Zeit reflektiert, ich weiß nicht, welche Variante schöner ist. „Tiere und Vögel“ finde ich komisch, da Vögel doch auch Tiere sind, außerdem heißt das im Lettischen verwendete Wort zuerst ‚Vieh‘. Ich lasse lieber die Gräser seufzen, denn bei Kräutern denke ich gleich an Dill und Petersilie. „Die Wasser“ kommt mir auch nicht leicht über die Lippen, und es geht doch wohl um Flüsse und Seen, also Gewässer. Letztlich sind die Unterschiede in den Übersetzungen jedoch eigentlich Geschmackssache. Und ich weiß nicht, wie sehr der Geschmack (in diesem Fall) mit der Zeit zusammenhängt, in der wir schreiben, oder eine ganz individuelle Angelegenheit ist.

Hier noch das lettische Original – vielleicht mag sich noch jemand daran versuchen?

Daba ir tik milzīga un debesu velve pāri tai tik bezgalīga, ka cilvēks nomirtu, klusuma izbiedēts, ja lopu un putnu kliedzieni, zāļu nopūtas un koku un ūdeņu balsis viņam nenāktu palīgā.

Die Bäume von Straumehni. Eine Übersetzungsprobe

„Straumēni ist ein sehr altes Gehöft. Davon zeugen die großen Bäume, die um seine Gebäude herum wachsen. Sie sind nicht etwa die Überbleibsel eines alten Waldes, die ein Mann früherer Zeiten beim Roden hat stehen lassen, um kommenden Generationen seine Beharrlichkeit und Kraft zu beweisen. Wälder hat es hier nie gegeben. In diesem Gebiet hat es der Natur überall gefallen, das Übermaß ihrer Kraft im Gras der Wiesen zu beweisen. Wiesen ergießen ihre geschmeidigen Rücken hier von Westen nach Osten auf einer Breite von zwanzig Werst, wie Wasser, dem Gott bestimmt hat, an einem Ort zu bleiben und zu wogen.“
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Die klare Sprache

Eine Hymne an das Lettgallische und Lettgallens heimliche Hymne.
Deutsche Übertragung von Nicole Nau

Anna Rancāne: Skaidruo volūda

Ein Wald singt hell.
Ein Felsen jubelt.
Die Sprache klar
wie Quellwasser.
Ein reiner Quell.

Ein Hündchen bellt.
Ein Feuer knistert.
Die Sprache klar
wie Quellwasser.
Ein reiner Quell.

Im Roggenfeld
schnarrt eine Wachtel.
Die Sprache klar
wie Quellwasser.
Ein reiner Quell.

Mein Heimatland
spricht mich so an.
Die Sprache klar
wie Quellwasser.
Ein reiner Quell.

Hier mit viel Pathos gesungen auf einem herrlich altmodischen Video von 1991:

Knutifikation

Einer von mehreren etwas seltsamen Trailern zu einem Film über den lettischen Dichter Knut Skujenieks – „Knutifikācija“. Die Worte, die er spricht, habe ich so übersetzt:

Und alle haben es so schwer
Müde die Wolke von ihrem Gold
Müde der Spatz von seinem Flug
Der Stahl von seiner Stählung
Und ich von der großen Entfernung
Müde der Horizont von meinem Blick
Müde der Brief von meinem Geschick
Und du müde von meiner Ermüdung
Und alle haben es so schwer

Nur dass irgendwo eine Maus zu knabbern beginnt
Eine Spinne Fäden zu Luftbrücken spinnt
Ein Löwenzahn langsam ganz langsam einen Stein aufbricht
Deine Hand einen Steckling in Humus sticht
Und alle haben noch eine Hoffnung
Früher oder später

„Im Film “Knutifikation” geht es um den Prozess des Lernens und Bewusstwerdens, darum, wie das von Folgen der Ursachen bestimmte System versucht, den Geist des Individuums zu beherrschen, und dass die menschliche Natur doch nicht immer in der Lage ist, sich damit abzufinden. Der Film folgt Knuts Skujenieks, einem jungen Dichter, der nach seinem Studium in der Hauptstadt auf den Stillstand in der Provinz trifft. Nachdem er sieben Jahren ungerechtfertigt im Gefängnis eingesessen hat, wird er nach seiner Rückkehr noch unbequemer für die Machthaber. Knuts ist kein Revolutionär der Massen, Knuts lehrt, ein Revolutionär in sich zu sein. Die Lehre ist kurz: das Leben ist schwer, die Wahrheit teuer.“ (Text zum Trailer auf YouTube)

In den Jahren in der Strafkolonie bewahrt er sich seine Freiheit in der Dichtung. Seine Gedichte aus dieser Zeit (1963-1969) erscheinen 1990 in dem Band Sēkla sniegā (Samenkorn im Schnee), darunter auch das zitierte Gedicht Und alle haben es so schwer.

Und noch ein Kommentar des Dichters:

SkujenieksNodzerties

Mich totsaufen fände ich einfach langweilig.

Limbaži

(Bild: die Cēsu iela in Limbaži – zu einer etwas anderen Zeit. Gefunden auf letonika.lv)

Matthias Boosch: Black Friday und andere Lettland-Geschichten.
BaltArt-Verlag, 2016

Ich ging die Straße entlang. Rotbraune Blätter an den Bäumen, sowjetisch anmutende Autos, aufgesprungener Asphalt.
«Cēsu iela», stand auf einem Straßenschild. Das also war der Ort, in dem ich das nächste Jahr verbringen wollte.
Ein Freund hatte mich auf die Idee gebracht, als er nach einer Lettlandreise überzeugt war, man könne dort besser als anderswo «dem Leben zuhören».
Ich ging an einem alten Holzhaus vorbei, wie man es von Schweden her kennt. Folgte der Cēsu iela.
Limbaži. Eine Kleinstadt im Norden Lettlands. Ich freute mich auf das nächste Jahr.
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Vater, Mutter, Meer

Ein Ausschnitt aus Andra Manfeldes Roman „Virsnieku sievas“ (Offiziersfrauen). Rīga: Dienas Grāmata, 2017
Aus dem Lettischen von Nicole Nau

Das Meer wie eine beschlagene Scheibe. Du schaust in die Ferne und siehst nichts. Pustest, wischst die Brillengläser mit einem Zipfel deiner Hosentasche ab und arbeitest weiter. Fragen sind überflüssig. Was bringen Fragen über das, was man nicht ändern kann? Auch im Schlaf bist du auf Posten, wenn du deine Frau an die Hand nimmst, bist du auf Posten, oder du schläfst. Du gehst ihr das Meer zeigen. An jenem Tag gab es überhaupt keine Wellen. Auch keine Schiffe. Ein paar Grenzschützer verschmolzen ihre Silhouetten in der Ferne mit den Weiden. Betonsterne lagen hilflos herum, eingezwängt auf den Schrägen der Mole, sie erinnerten an angespülte, schwarz gewordene Schrottteile. Hinter die Absperrung dürfen Zivilisten nicht.
„Wie schön.“ Die Frau blickte lange aufs Meer oder in Richtung Leere. Als Kind der Steppe bemerkte sie nicht, dass das Meer an jenem Tag langweilig war wie eine Zeitung, wie das Leben. Ein blanker Kessel aus bläulichem Gusseisen, ohne eine einzige Wellenbeule. Die Sonne hatte die Schatten in der Niederung verschluckt und streichelte nun immer heißer ihre Gesichter. Die Weiden standen in Ruhestellung. Seine Tochter fragte, ob die Sowjetunion genau dort aufhörte, wo das Meer anfing. Sie zog mit ihrem Fingerchen eine Grenzlinie in den Sand, aber das Salzwasser schwappte seine Unbeweglichkeit und Entschlossenheit darüber, und innerhalb einer Minute war die kleine Grenzrinne zu und die weißen Söckchen und Sandalen der Tochter waren nass. Seine Frau fing an zu schimpfen, nasse Sandalen würden ihre Form verlieren, die Füße würden ohnehin zu schnell wachsen, da käme man nicht hinterher, Lera solle sofort die Schuhe ausziehen und vom Meer weggehen. Er fühlte sich alt und müde. Jetzt bist du ganz oben, Oberst.
Die Arbeit ist ein Posten, die Familie ist ein Posten, der Körper ist ein Posten. Du stehst Wache wie das ewige Feuer und niemand, verdammt, niemand kommt dich ablösen. Lange noch wirst du hier der Hauptkerl mit den Schulterstücken sein, zumindest in dieser Keimzelle der Gesellschaft, zu lange, um darüber nicht zu wimmern, wenn man in der Einsamkeit auf die Knie fällt und den Flachmann an die Brust drückt. Wacht darüber, dass das Feuer niemals verlöscht! Ruhm und Ehre den Helden des Vaterlands! Ruhm denen, die niemals weichen und die siegen werden! Ruhm denen, die das Teuerste hingaben!
„Papa, hört hier die Heimat auf?“
Ja, so könnte man sagen.
Schau, hier verschwindet der Rand unseres Staates im Meer. Fern im Zentrum von Liepāja ist der Sand wie gelber Puderzucker, die Dünen sind damit bestreut wie Pfannkuchen, durch Lachen und Niesen wird der Sand in alle Richtungen verteilt. Hier in der Militärstadt ist der Sand grau und grob gemahlen, er erinnert an den Teig, den man in Kastenformen gießt um Brot zu backen. Sieh, die Wellen verzieren die Grenzen unserer Heimat mit glattgewaschenen Steinen, Glasscherben, roten Ziegelsplittern. Schmücken sie mit Bernstein, mit Muscheln, mit dem weichen Seegras, das in der Tiefe des Meeres wallt wie flaumiges grünes Haar, doch wenn es an Land gespült wird, anfängt zu stinken.
„Mama, wann gehen wir ans Meer?“
„Wenn Papa heimkommt.“
Papa kommt zusammen mit der Dunkelheit heim. Die Dunkelheit öffnet die Tür und lässt Papa ein.
„Bist du noch nicht im Bett? Jetzt aber…“
„Papa, Papa!“