Pauls Bankovskis: Der Mantel (aus: 18)

Zum Klappentext

Pauls Bankovskis: 18.
Rīga: Dienas Grāmata, 2014

Anfang des Romans, übersetzt von Nicole Nau

bankovskis_18

I
DER MANTEL
Wenn wir ankommen, fangen wir an zu putzen. Eigentlich hinterlassen wir ja bei unserer Abfahrt immer alles ordentlich und sauber, doch wenn wir zurückkommen, spüren wir einen unbezwingbaren Drang, alles noch sauberer zu machen und noch mehr aufzuräumen.
Natürlich haben Nagetiere Küttel hinterlassen, Spinnen haben Netze gewebt, auf der Fensterbank liegt die eine oder andere tote Fliege, das Wespennest in der Dachfensterecke ist jetzt leer und zerfallen, das Vogelnest hinterm Balkongitterbogen verlassen; in alle Ecken hat es zur Eichenblüte braune Krümel geweht, überall liegen kleine Stängel, Rispen und Blütenstaub von allerlei Blumen, Gräsern und Bäumen, in der Mülltonne eine verhungerte Maus und gleich neben ihrem vertrocknetem Leichnam die Hülle einer sich entpuppt habenden Fliegenpuppe; einzelne Legosteine liegen noch von früheren Besuchen auf dem Fußboden verstreut und warten darauf, dass ein Erwachsener mit nackten Füßen auf sie tritt; und Dinge, Dinge, Dinge, alle möglichen Dinge, die Jahr für Jahr mit der Feststellung „kann man sicher noch mal gebrauchen“ zur Seite gelegt wurden, oder die speziell aus der Stadt aufs Land geschafft worden waren, denn „in der Stadt benutzen wir das nicht mehr, aber fürs Land ist es noch gut genug.“
Weiterlesen

Monta Kroma: Stadtgedichte (2)

Monta Kroma (1919-1994)
Trotuārs kā margrietiņa balts

Trottoir weiß wie Gänseblümchen,
   denn
   es ist mein Freund,
   wir reden über Relativismus,
   über das Ziel,
   über das Grab, das
   eine duftende Tiefe der Natur ist, die
   hat ihm der Naturasphalt hinterlassen,
   den man auf Trinidad fördert.
Trottoir ist mein Freund, denn es ist ein Weg, deshalb
   sehe ich es nicht in Grau
   und wir freuen uns miteinander.
(So ist das ja immer mit Freunden. 
   Ich habe einen krummen Rücken, doch 
   mein Liebster sieht
   den leicht zitternden Rücken einer Stute.)
Autos gleiten zischend vorüber: 
   das Meer rauscht.
   – Grüß dich, Natur! Grüß dich, Natur!
   rauscht es zurück, an mich gerichtet.
   In froher
   Demut
   neige ich
   den Kopf.
Ich trenne nicht. Gedicht über die Stadt, heißt es, sind
   Urbanismus.
   Wie aber trennen
   die Stadt vom Land und,
   noch etwas darunter, den Menschen?
   Denn
   das Land ist der Schaffensantrieb der Erde und
   die Stadt ist der Schaffensantrieb des Menschen.
   Ich trenne nicht.
Alles eins, alles Natur, kreuz und quer
   Erde mit Waldwurzeln
   ist wie
   Stadt mit Straßen,
   Leichen ruhen ganz wie Blüten
   Erde ist übervoll.
Ich trenne nicht, alles eins, alles Natur,
   ich bin Natur, ich gehe durch die Natur
   immerzu gehe ich.
   Immerzu bin ich auf dem Trottoir.
Trottoir weiß wie Gänseblümchen. 

(Deutsche Übertragung von Nicole Nau)

Monta Kroma: Stadtgedichte (1)

Monta Kroma (1919-1994)
Es sastāvu no pilsētas

****
Ich bestehe aus Stadt.
So wie meine Gedichte.
(Wälder kenne ich aus der Kindheit
und vom Krieg.
Ich kenne die Wälder.)
(Im Sommer sammelt das Meer mich ein.)
(Die Literatur geht, steht und
fällt
für die Wälder.)
(Auch in der Kunst.)
Ich bestehe aus Stadt.
So wie meine Gedichte.
Stadt ist so ähnlich wie Wald.
Menschen Stamm an Stamm.
Stadt ist so ähnlich wie Meer.
Rauscht und rauscht.

(Deutsche Übertragung von Nicole Nau)

Zurück in die Stadt

Juris Kunnoss (1948-1999)

****

Nein. Nicht wir kehren ja zurück in die Stadt.
Die Stadt kehrt zurück.

Wenn wir randvoll sind mit Klee,
ist die Stadt eine Biene.

Und ihre Berührung
(lass auch Motoren brummen und knottern, lass auch Rauch an den Wolken kratzen, o.k.)
fragt:
was darf ich dir singen?

Mutters Wolltuch Dämmerung unter Linden.

Und dann, wenn die Turmglocken läuten,
weißt du:
die Türen gehen auf.

Jetzt hüpf aber nicht herum vor Begeisterung.
Die Stadt ist eine Biene.

(Deutsche Übertragung Nicole Nau)