Sommergedanken

Pēteris Brūveris (1957-2011)
Lūgšana

Deutsche Übersetzung von Nicole Nau

Gebet

Gott unser Vater im Himmel
hilf mir faul zu sein und das Böse zu lassen
dass ich deinen Namen nicht unnützlich führe
mach mich so faul dass ich nicht begehre
Gut Ruhm oder Haut
meines Nächsten noch Fernsten
mach dass ich immer zu träge sein werde
zu schwindeln zu heucheln zu stehlen
dass mir nie der Gedanke komme zu töten
weder mit dem Schwert noch mit Worten
lass nicht zu dass ich aktiv werde
als einer der in seinem Tatendrang
Natur zerstört Tiere quält
Menschenlos schmerzhaft verbiegt
Herr gib mir die Kraft und den Willen
müßig im Weidenschatten am Teich zu verharren
und zu meinem Hochkommen
weder Muskeln noch den Verstand zu rühren
wenn es dazu über Leichen ginge
im wörtlichen wie im figürlichen Sinne
mach mich zu so etwas wie einem leeren Fleck
den selbst das scheuste der Vogelkinder
furchtlos überfliegt
dass eine kühle Blindschleiche ohne Erschrecken
wie zum Trost meinen Knöchel streift
Mein Herrgott möge ich so träge sein
wie der Wechsel der Jahreszeiten
und möge geschehen was geschehen muss.

Lūgšana

Dievs Tēvs Debesīs
palīdzi man slinkam būt un nedarīt ļaunu
neļauj man Tavu vārdu nelietīgi valkāt
liec lai esmu tik slinks ka neiekāroju
nedz sava tuvākā nedz tālākā
mantu slavu vai ādu
liec lai es vienmēr esmu par kūtru
blēdīties liekuļot zagt
lai neiedomājos nekad nokaut
nedz ar zobenu nedz vārdu
neļauj man tapt aktīvi
rosīgam dabas postītājam
dzīvnieku mocītājam
vai sāpīgi cilvēku likteņu locītājam
dod mans Kungs man spēku un gribu
dīki te sēdēt vītola ēnā pie dīķa
un nepiedalīties savā augšupejā
nedz ar muskuļu nedz ar prāta spēku
ja tā balstīta uz citu līķiem
gan tiešā gan figurālā nozīmē
lai kļūtu gluži vai par tukšu vietu
lai pat tam kautrākajam putnabērnam
nav bailes pārlidot pāri
lai vēsa glodene bez satraukuma
kā mierinājums pieskaras potītei manai
Dievs Kungs lai es esmu tik slinks
ka gadalaiku maiņa
un lai notiek kam jānotiek.

Kārlis Skalbe (1879-1945)
Die Tochter des Henkers

Aus dem Lettischen übersetzt von Oskar Schönhoff (erschienen 1921)

Es war einst ein Henker und der hatte eine Tochter. Er tat, was alle Henker tun. Doch manchmal, wenn er den schweren Rausch ausgeschlafen, in dem er seine Tage verbrachte, nahm er sein Töchterchen auf den Schoß und ein Ton in seiner Kehle suchte nach Worten. Er war wie ein erstickender Kuckuck, der rufen möchte, und das war so schrecklich.
Das Mädchen wuchs heran. Es hatte rote Haare und alle konnten schon von weitem sehen, dass die Tochter des Henkers kam.

(Dieses Video habe ich auf YouTube gefunden, es fasst die Geschichte perfekt zusammen)

Sie wuchs einsam auf. Alle flohen vor ihr, und nur die Zaunspalten standen ihr offen, durch die sie sehen konnte, wie Sonnenblumen in fremden Gärten blühten.
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Identität

Anna Auziņa: Identitāte

aus dem Lettischen von Nicole Nau

 
Identität

Inspiriert von Lev Rubinstein

  1. Am Stromkasten blühen Tulpen.
  2. Bis Vērtuži sind es etwa vier Kilometer.
  3. Bombis war immer hungrig.
  4. Paps starb und die Latvenergo nahm den Zähler ab.
  5. Mir scheint, das Herz ging erst nach Zweitausendzehn auf.
  6. Juris war ein wunderbarer Kater, stolz, widerspenstig. Im Alter wurde er milder.
  7. Betija spielte Klavier.
  8. Ernests wohnte in Moskau.
  9. Dreiundneunzig wohnte ich im Juni allein in Bīnāti, aß Rhabarber und Büchsenmilch.
  10. Manche dürfen ohne Kinder leben.
  11. Wenn wir ihn nachts nicht rauslassen, wird es noch schlimmer.
  12. Sonja wohnte auch in Moskau.
  13. Paps tastete nach den Schmerztabletten.
  14. Jana und Mitja lebten in Petersburg.
  15. Sechsundachtzig gingen meine Schwester und ich nach Vērtuži in der Hoffnung auf Sahne. Auf dem Rückweg regnete es und wir verkrochen uns in einem Betonrohr wie zwei Embryos im Uterus.
  16. Anna hatte fünf Kinder: die Töchter Mīle, Minna und Olga, die Söhne Kārlis und Jānis.

Dies ist nur der Anfang, es geht weiter bis 157. Den ganzen Text gibt es hier als Audio:

Diesen Text habe ich zuerst gehört (auf den Lyriktagen in Riga im September 2014) und erst danach gelesen (in „Latvju teksti“ Nr. 5/2014), und ich bin froh über diese Reihenfolge, obwohl der Text auf beide Arten großartig ist.

Anna Auziņa publiziert Gedichte seit 1991. Hier ist eins von ihr gelesen während der Leipziger Buchmesse 2015 (nur auf Lettisch, ich übersetze nur den ersten Satz):

Anna Auziņa: Man iekšā ir grāmata un es to uzrakstīšu. (In mir ist ein Buch und ich werde es schreiben.)

Die letzte Saite

Die letzte Saite

Die einzige Saite, die der Wind behielt,
um Mitternacht zerreisst vielleicht auch sie . . .
O Brüder, seid Ihr wach? entzündet Euer Licht,
weil Einer aus der Nacht um Hilfe schrie,
verzweifelt, Einer, den die Nacht zerbricht,
indes der Wind entsetzt auf seiner letzten Saite spielt.

Deutsche Übertragung von Elfriede (Eckardt-)Skalberg

Die Übersetzerin steht fest, aber wer ist der Autor? Im 1920 erschienenen Bändchen „Moderne lettische Lyrik“ steht „Lettisch von Karl Skalbe“ darüber, aber im 1924 von derselben, inzwischen verheirateten und doppel-benamten, Übersetzerin herausgegebenen umfangreichen Band „Lettische Lyrik“ steht dieses Gedicht unter denen von Fritz Bahrda (Fricis Bārda). Ich habe das Original noch nicht gefunden und weiß nicht, von wem es ist – es klingt etwas mehr nach Skalbe als nach Bārda.

Zwei Gedichte von K. Skalbe

Kārlis Skalbe (1879-1945)

Die alte Uhr
Wie vor dem Stehenbleiben stockt die Uhr,
das Schlagwerk rostet, und das Rad hat Mühe,
sich einzustellen nach der Zeiger Spur.

Kein Zeichen kommt und keiner Meldung Post,
das Hirn ist dürr am Tag wie in der Frühe,
und aus dem braunen Abend träufelt Rost.

Der Tor
Nur ungern mag ich bei den Klugen stehn,
viel lieber will ich mit den Toren gehn:
sie treten behutsam, sie achten der Krume,
eines toten Vogels, einer welken Blume . . .
Demütig bin ich und einfach wie ein Kind
und liebe die Dinge, die nicht kostbar sind:
einen bunten Stein, ein Stückchen rostiges Eisen
bringe ich heim von meinen kleinen Reisen.
Ich treffe einen Wolf unterwegs, er ist hungrig und verdrossen —
ich tröste ihn, ich mache ihn zu meinem Genossen.
Ein Hase läuft übers Feld, ich will ihn mir zum Freunde bestellen.
Nein, ich mag mich nicht zu den Klugen gesellen!
Meine einfachen Worte, meine einfältigen Gedanken
binde ich zu leichten Ketten wie Blumenranken.

Deusche Übertragung von Elfriede Skalberg

Aus dem Bändchen „Moderne lettische Lyrik“, Berlin 1920. Hier als PDF zu finden!

150 Jahre Aspazija und Rainis

Aspazija vor einem Bild von Rainis, 1928 (gefunden auf http://www.aspazijarainis.lv/par/aspazija/)

Aspazija vor einem Bild von Rainis, 1928 (gefunden auf http://www.aspazijarainis.lv/par/aspazija/)

In diesem Jahr feiert Lettland den doppelten Geburtstag seines berühmten Dichterpaares Elza Rozenberga und Jānis Pliekšāns – besser bekannt unter ihren Künstlernamen Aspazija und Rainis. Dazu gibt es viele Veranstaltungen nicht nur in Lettland – ganz Europa ist aufgefordert, mitzufeiern und das Werk der beiden kennen zu lernen.

Auf LETTLANDLESEN finden Sie in deutscher Übersetzung:

Mehr über die beiden können Sie z.B. hier lesen.