Wider den Tugendteufel

Agnese Krivade (geb. 1981)

Oh,
selig, selig die verschwitzten
selig die die grad mal weg sind
selig die grob körniger struktur
selig die hässlichen mit schlechter figur

fuck ej

selig die hergelaufenen, abgefuckten, abgeknallten
alle russen in meinem viertel und die fraun an der kasse bei Mego, selig
die videoverleiher und türsteher, die grundschullehrerinnen und die leeren gepäckträger, in armut
und reichtum und ich geh für euch auf die barrikaden, ihr verdammten und dass dich der
bei denens eingeschlagen hat, die schräg gestrickt sind
und kreuz und quer all ihr anderen auf der ganzen welt auch

fuck ej

selig

(Deutsche Übertragung von Nicole Nau)

Dieses Gedicht, 2004 geschrieben, hat im Herbst 2015 einen Skandal verursacht: eine Lehrerin, die es in einer 10. Klasse im Literaturunterricht analysieren ließ, erhielt einen offiziellen Verweis wegen der anstößigen Wörter, die darin enthalten sind. Das könnte man komisch oder einfach lächerlich finden, es ist aber nur ein Beispiel für den seit kurzem an manchen Orten (darunter leider einigen höheren) sich ausbreitenden Tugendwahn. Eine gesetzliche Grundlage dafür ist mit einem kürzlich vom Parlament verabschiedeten „Tugendparagraph“ (oder „Sittlichkeitsgesetz“, das klingt noch schöner) geschaffen worden, wobei niemand so richtig weiß, was Tugend und Sittlichkeit eigentlich bedeuten sollen. Dass darüber nun breit und von verschiedenen Seiten diskutiert wird, ist vielleicht ein Gewinn. Derweil übersetzen mit Lettland verbundene Menschen aus Solidarität das anstößige Gedicht in alle möglichen Sprachen, nachzuverfolgen auf einer eigens eingerichteten Facebook-Seite mit dem klangvollen Namen „Dzeja is a poem est un poème ist ein Gedicht это поэзия“. Ich bin nicht bei Facebook, deshalb ist meine Übersetzung hier.

Pauls Bankovskis: Offshore (Anfang)

Zum Klappentext

Pauls Bankovskis: Offshore.
Rīga: Valters un Rapa, 2006

Anfang des Romans. Übersetzt von Berthold Forssman

1

Hier im Himmel ist es so schön. All diese Wolken unter einem. Die Erde ist überhaupt nicht mehr zu sehen. Und die Horizontlinie ist genau in Augenhöhe, wobei, der Horizont liegt ja wohl immer genau in Augenhöhe. Hier ist der Ort, an dem der ausgefranste Rand der Wolkenfelder mit der blauen Himmelskuppel zusammentrifft. Und es weder Erde noch Meer gibt. Die Wolken sind ganz nah, und es scheint, als gleite man über ihre Oberfläche dahin. Über eine holperige, wellige, löchrige und bergige Oberfläche, die rau und hart aussieht wie der Grund eines ausgetrockneten Ozeans. Manchmal streifen wir die weißen Gipfel und die weichen Zipfelmützen der Schaumberge. Wieder ein kleines Stück weiter wachsen sie widerstrebend zusammen wie ein Wald. Um dich herum erheben sich weiße und blaugraue Wirbel wie wunderliche Bäume, und du saust zwischen ihnen hindurch wie durch ein Labyrinth. Deine Augen werden von der glänzenden Sonne geblendet, weil alle Wolken unter oder neben dir sind, aber keine ist über dir. Dir ist warm, obwohl du weißt, dass in einer solchen Höhe nur Kälte und Eis herrschen.
Weiterlesen

Jānis Rokpelnis: noch ein Stadtgedicht

Jānis Rokpelnis
(*1945)

***
ich bin gebein von Rigas bein
man kann wie Riga mich benagen
doch morgens säen sich blumen ein
in meine stirn und blühn bei tage
ich bin gebein von Rigas bein
ich bin die pein von ihrer pein
mit hütten schief mit türmen grade
ich bin gebein von Rigas bein
von nirgendwo zusammengetragen

(Deutsche Übertragung von Nicole Nau)

Weiterlesen

Janis Rokpelnis: Stadtgedicht

Jānis Rokpelnis
(*1945)

***
Stille falte ich die Hände,
Die ziegelsteinern mauerigen,
Boulevards mit Schnörkelenden
Sich wie Schlangen darum schmiegen,

Kleine Bissen meines Fleisches
Bricht sich Blütenläufer Biene,
Langsam dünn ich aus und gleiche
Einem steinbeladnen Winde,

Steinbeladen, mauerschwer
Kann ich so ein bisschen fliegen –
Mit Gepolter kreuz und quer,
Wie’s gegeben ist den Ziegeln,

Solang der große Domhahn mich
Mit seinem Schnabel nicht erwischt.

(Deutsche Übertragung von Nicole Nau)

Weiterlesen