Kārlis Skalbe (1879-1945)
Die Tochter des Henkers

Aus dem Lettischen übersetzt von Oskar Schönhoff (erschienen 1921)

Es war einst ein Henker und der hatte eine Tochter. Er tat, was alle Henker tun. Doch manchmal, wenn er den schweren Rausch ausgeschlafen, in dem er seine Tage verbrachte, nahm er sein Töchterchen auf den Schoß und ein Ton in seiner Kehle suchte nach Worten. Er war wie ein erstickender Kuckuck, der rufen möchte, und das war so schrecklich.
Das Mädchen wuchs heran. Es hatte rote Haare und alle konnten schon von weitem sehen, dass die Tochter des Henkers kam.

(Dieses Video habe ich auf YouTube gefunden, es fasst die Geschichte perfekt zusammen)

Sie wuchs einsam auf. Alle flohen vor ihr, und nur die Zaunspalten standen ihr offen, durch die sie sehen konnte, wie Sonnenblumen in fremden Gärten blühten.
Weiterlesen

Die letzte Saite

Die letzte Saite

Die einzige Saite, die der Wind behielt,
um Mitternacht zerreisst vielleicht auch sie . . .
O Brüder, seid Ihr wach? entzündet Euer Licht,
weil Einer aus der Nacht um Hilfe schrie,
verzweifelt, Einer, den die Nacht zerbricht,
indes der Wind entsetzt auf seiner letzten Saite spielt.

Deutsche Übertragung von Elfriede (Eckardt-)Skalberg

Die Übersetzerin steht fest, aber wer ist der Autor? Im 1920 erschienenen Bändchen „Moderne lettische Lyrik“ steht „Lettisch von Karl Skalbe“ darüber, aber im 1924 von derselben, inzwischen verheirateten und doppel-benamten, Übersetzerin herausgegebenen umfangreichen Band „Lettische Lyrik“ steht dieses Gedicht unter denen von Fritz Bahrda (Fricis Bārda). Ich habe das Original noch nicht gefunden und weiß nicht, von wem es ist – es klingt etwas mehr nach Skalbe als nach Bārda.

Zwei Gedichte von K. Skalbe

Kārlis Skalbe (1879-1945)

Die alte Uhr
Wie vor dem Stehenbleiben stockt die Uhr,
das Schlagwerk rostet, und das Rad hat Mühe,
sich einzustellen nach der Zeiger Spur.

Kein Zeichen kommt und keiner Meldung Post,
das Hirn ist dürr am Tag wie in der Frühe,
und aus dem braunen Abend träufelt Rost.

Der Tor
Nur ungern mag ich bei den Klugen stehn,
viel lieber will ich mit den Toren gehn:
sie treten behutsam, sie achten der Krume,
eines toten Vogels, einer welken Blume . . .
Demütig bin ich und einfach wie ein Kind
und liebe die Dinge, die nicht kostbar sind:
einen bunten Stein, ein Stückchen rostiges Eisen
bringe ich heim von meinen kleinen Reisen.
Ich treffe einen Wolf unterwegs, er ist hungrig und verdrossen —
ich tröste ihn, ich mache ihn zu meinem Genossen.
Ein Hase läuft übers Feld, ich will ihn mir zum Freunde bestellen.
Nein, ich mag mich nicht zu den Klugen gesellen!
Meine einfachen Worte, meine einfältigen Gedanken
binde ich zu leichten Ketten wie Blumenranken.

Deusche Übertragung von Elfriede Skalberg

Aus dem Bändchen „Moderne lettische Lyrik“, Berlin 1920. Hier als PDF zu finden!