Die Sektparty des Jahrhunderts

Kristīne Želve: Die Sektparty des Jahrhunderts
(aus der Kurzgeschichte DER LIQUIDATOR, DER BRUDER DES SPINNERS; in: Kristīne Želve: Meitene, kas nogrieza man matus.
Rīga: Mansards, 2011

Eines Abends rief mich der Spinner an, wie üblich. Der Spinner rief mich jeden Tag an. Er musste unbedingt erfahren, was ich den Tag über gegessen hatte, denn der Spinner sammelte die Durchschnittsmahlzeiten des Durchschnittsletten in einer Datenbank. Täglich gab er genaue Informationen über die am jeweiligen Tag verzehrten Lebensmittel in seinen Computer ein. Diese Daten würden mit der Zeit zu einer bedeutenden anthropologischen Untersuchung führen, behauptete der Spinner, den Forschern der Zukunft, das heißt, den zukünftigen Erforschern der Vergangenheit würden sie wichtige Hinweise auf das Leben der Letten zu Beginn des 21. Jahrhunderts liefern, denn Essen sei einer der wichtigsten Faktoren, der Zeugnis einer EPOCHE ablegte. Der Spinner hatte errechnet, dass die vom Durchschnittsletten am häufigsten verzehrten Lebensmittel die folgenden waren:
1. Äpfel
2. Hefeteilchen
3. Quark
Das behauptete der Spinner. Was den Quark anging, glaubte ich ihm, in Sachen Hefeteilchen hatte ich Zweifel, und die Äpfel überzeugten mich überhaupt nicht.
 
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die nachbarin

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Kristīne Želve: Kaiminiene (Die Nachbarin)
aus: Kristīne Želve: Meitene, kas nogrieza man matus.
Rīga: Mansards, 2011

ihr ganzes leben hatte sie im küchenbereich der sowjetarmee gearbeitet. scheints hat sie gesagt sie wäre köchin, auch wenn ich sie zu hause nie was kochen gesehen habe. lettisch hat sie auch kein bisschen gelernt (wie auch, in der sowjetarmee hat doch keiner lettisch geredet), und nach Breschnews tod hat es sie auch nicht mehr interessiert, welcher mann da grade den staat lenkt. dass wir jetzt in einem anderen staat leben, war auch nicht zu ihr durchgedrungen. einmal aber, wohl aus verkaterter dankbarkeit – ich war für sie zum laden gelaufen – hat sie mir zugesetzt, dass ich ab jetzt mit ihr lettisch rede – toljko pa latyschski, Krisstinna! und das hab ich auch gemacht – am morgen, als ich meinen gang in die küche antrat (ich gehe meist nur einmal) mit dem wasserkocher in der hand, schmetterte ich munter auf lettisch „guten morgen, omi!“ (denn meine schwester und ich nannten sie üblicherweise Babuschka, ihr vorname war Faina, das hab ich mal aus versehen einem freund erzählt, einem schauspieler, und das hätte ich nicht tun sollen, denn der hat dann, als er mal bei mir und betrunken war (wenn er bei mir war, war er immer betrunken), auf orientalische weise losgesungen: Faina, Faina-na-na!!!) und Babuschka hat mich so verständnislos angeguckt wie sie an jenem tag auf ihre rente geguckt hat, als die ihr nicht in rubeln, sondern in repschicken, der übergangswährung vor dem lat, gebracht wurde. damals kam Babuschka an meine tür, zögerte kurz, klopfte dann aber wichtigtuerisch an. als ich die tür aufmachte, sauer und gestresst, weil ich gerade am lernen war, stand sie im halbdunkel des flurs wie die statue einer stämmigen eule, die hände mir bittend entgegengestreckt. in den händen war ihre gebündelte rente, und Babuschka stellte mir eine frage. die frage lautete:

KRISSTINNA, A SCHTO ÄTO?!
(Russich: Kristina, was ist das?)

 

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