die nachbarin

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Kristīne Želve: Kaiminiene (Die Nachbarin)
aus: Kristīne Želve: Meitene, kas nogrieza man matus.
Rīga: Mansards, 2011

ihr ganzes leben hatte sie im küchenbereich der sowjetarmee gearbeitet. scheints hat sie gesagt sie wäre köchin, auch wenn ich sie zu hause nie was kochen gesehen habe. lettisch hat sie auch kein bisschen gelernt (wie auch, in der sowjetarmee hat doch keiner lettisch geredet), und nach Breschnews tod hat es sie auch nicht mehr interessiert, welcher mann da grade den staat lenkt. dass wir jetzt in einem anderen staat leben, war auch nicht zu ihr durchgedrungen. einmal aber, wohl aus verkaterter dankbarkeit – ich war für sie zum laden gelaufen – hat sie mir zugesetzt, dass ich ab jetzt mit ihr lettisch rede – toljko pa latyschski, Krisstinna! und das hab ich auch gemacht – am morgen, als ich meinen gang in die küche antrat (ich gehe meist nur einmal) mit dem wasserkocher in der hand, schmetterte ich munter auf lettisch „guten morgen, omi!“ (denn meine schwester und ich nannten sie üblicherweise Babuschka, ihr vorname war Faina, das hab ich mal aus versehen einem freund erzählt, einem schauspieler, und das hätte ich nicht tun sollen, denn der hat dann, als er mal bei mir und betrunken war (wenn er bei mir war, war er immer betrunken), auf orientalische weise losgesungen: Faina, Faina-na-na!!!) und Babuschka hat mich so verständnislos angeguckt wie sie an jenem tag auf ihre rente geguckt hat, als die ihr nicht in rubeln, sondern in repschicken, der übergangswährung vor dem lat, gebracht wurde. damals kam Babuschka an meine tür, zögerte kurz, klopfte dann aber wichtigtuerisch an. als ich die tür aufmachte, sauer und gestresst, weil ich gerade am lernen war, stand sie im halbdunkel des flurs wie die statue einer stämmigen eule, die hände mir bittend entgegengestreckt. in den händen war ihre gebündelte rente, und Babuschka stellte mir eine frage. die frage lautete:

KRISSTINNA, A SCHTO ÄTO?!
(Russich: Kristina, was ist das?)

 

im grunde war Babuschka aber keine trinkerin. sie konnte monatelang zwischen einem ihrer zimmer, der küche und dem bad hin und hergehen. in ihr anderes zimmer guckte sie nicht mal rein. zu mir sagte sie:

JA WO-OBSCHE NJE PJU! A SATSCHEM?! MNJE PROTJIWNO!
(Ich trinke überhaupt nicht! Wozu? Mich ekelt das an!)

manchmal aber kamen freunde. sie hatte einen freund und zwei freundinnen. die kamen zu besuch um zu helfen. die eine freundin half Babuschka beim fußboden putzen. zum putzen zog sie ihren unterrock aus, immer in pastelltönen, und hängte ihre perücke an die türklinke. die andere freundin war die mutter eines mörders – das hat sie mir eines tages selbst berichtet.
an jenem abend klopfte sie und schlüpfte leise in mein zimmer. sie erkundigte sich, wo man hier wohl schnaps bekommen könne.
ich, sauer und gestresst, weil ich am lernen war, erklärte ihr, wo man hier schnaps bekam – also, hier gegenüber ist ein verlassenes stadion (in dem verlassenen stadion habe ich mal mit meinem freund dem schauspieler schnaps getrunken, und das hätte ich nicht tun sollen, denn es war frühherbst und schon kalt, und ich habe mir meinen „ideenblock“ unter den hintern gelegt, das heft, in das ich ideen für filme, romane, kurzgeschichten schrieb und meine gedanken. den block hab ich dann da auch verbummelt), am stadion ist ein kiosk, der immer geöffnet hat, da klopft man an das vergitterte fensterchen, das fensterchen geht auf und sie können schnaps kaufen, echten schnaps.
sehr schön, sagte die mutter des mörders, von der ich noch nicht wusste, dass sie die mutter eines mörders war, sehr schön, na dann könne ich doch losgehen und ihnen den schnaps kaufen.
nein sagte ich, sauer und gestresst, nein, ich hab ihnen gesagt, wo, gehen sie hin und kaufen sie den schnaps.
ah ja, na gut, natürlich, sicher, sicher, danke und entschuldigung, sagte die mutter des mörders freundlich und schlurfte davon. kurz danach klopfte sie nochmal an meine tür, ich war schon am fernsehen, auf meinem alten schwarzweißfernseher lief ein alter schwarzweißfilm – Kalatosows „die kraniche ziehen“ (einmal hab ich auch das Guns N’ Roses konzert in Moskau auf diesem schwarzweißfernseher gesehen zusammen mit meinem freund dem schauspieler, und das hätte ich nicht tun sollen, denn er konnte es auf den tod nicht ausstehen, wenn ich woandershin guckte als auf ihn. er wollte, dass ich mir anhöre, wie er allen „tippen“ (typen sollte das heißen) im theater half, an der Rolle zu arbeiten, und ich glotze amerikaner mit ungewaschenen Haaren an, Los Angeles erschien mir damals im traum, er hielt das nicht aus, stellte sich neben den fernseher und fing an mit gepresster stimmer zu heulen ‘nocking to the heaven’s door, door, door, dooooooor, wobei er sich wand wie Axl Rose, und machte mir eine szene), die mutter des mörders kam hineingetippelt, stellte sich schüchtern hinter mich und sagte, also wissen sie, junge frau, wegen dem schnaps…
ja, sag ich, da am kiosk beim stadion, das ist nicht weit, über die straße, ist für sie ein klacks, ja, bitte?
oh ja, stimmte sie mir munter zu, das ist überhaupt nicht weit. ich könne doch hinlaufen und ihnen mal schnell den schnaps kaufen.
nein! ich wehrte mich, sauer und gestresst und in tränen aufgelöst, denn Batalow ist an die front gezogen. er sollte morgen heiraten, aber er geht einfach an die front! (sowas machen männer nur in russischen filmen, nie, nie kommt in einem amerikanischen film ein mann vor, der morgen heiraten soll und stattdessen an die front rennt. krieg oder hochzeit – dieses dilemma ist den amerikanern fremd. aber russische männer, davon bin ich überzeugt, würden allesamt in den krieg rennen. oder, wenn kein krieg wär, würden sie zu einer expedition nach Sachalin aufbrechen, dort einem kameraden oder einem kindlein vor ort das leben retten und dabei ihrs lassen oder zum krüppel werden; oder sie würden ein bedeutendes wissenschaftliches experiment in einem atomreaktor durchführen und dabei verstrahlt werden, und dann würden sie sich die ehe versagen… amerikanische männer verstehen sowas einfach nicht. neulich las ich die reflexionen eines amerikaners über das wirken Jesus Christus, wobei eine frage aufgeworfen wurde. die frage lautete: warum musste Christus denn den Lazarus wieder erwecken, wenn der doch eh bald sterben musste?!)
schade, schade, seufzte die mutter des mörders. schade, dass ich nicht mal eben schnell den schnaps holen könne. mir tuts auch leid, sagte ich. und außerdem, sagte sie bescheiden, tät es sie um sich selber leid. ihr sohn sei im gefängnis. ja, im gefängnis. er ist ein mörder. hat drei menschen umgebracht, drei menschen, einen nach dem anderen. einen mann, eine frau und ein jüngelchen. warum, das versteht sie nicht. ein mörder, ein geborener mörder. von ihr geboren. so sagte sie mir das, und dann: führte sie ihre hände mit den hervorstehenden venen wie zum bittgebet vor ihren von einem fusseligen wolljäckchen bedeckten erschlafften brüsten zusammen.
hielt inne. knickte ihre linke schulter leicht in richtung kopf, der zitterte wie eine libelle auf der wasseroberfläche. die augenlider gingen halb zu, ihr blick bohrte sich unterwürfig zwischen die schon lange nicht mehr gestrichenen fußbodenbretter. die fußbodenbretter quietschten leicht unter ihren unsicher auf der stelle tretenden tennisbeschuhten kleinen füßchen. wenn ich ihr den namen eines tiers geben sollte, würde ich sie eine maus nennen, eine feldmaus, keine stadtmaus! und ein stolzes flüstern löste sich von den stummen lippen der feldmaus und wurde zum schrei!!!!

JA, ICH BIN DIE MUTTER EINES MÖRDERS!!!

da, sehn sie, junge frau. wie ist das jetzt mit dem schnaps? nicht weit von hier, sagten sie?
ich stand vom sessel auf, ließ den fernseher eingeschaltet und ging ihnen schnaps holen.

über den freund – den mann – gibt es überhaupt nichts wichtiges zu sagen. ein nachljebnik wie er im buche steht – so hat Babuschka ihn selber bezeichnet, wenn sie wütend war. jung, einiges jünger als Babuschka, um die fünfzig, knochig und glatzköpfig. einmal kam er nachts in mein zimmer, legte sich an mein fußende (auf die decke) und zog aus seiner tasche fünf dollar. so lag er da, halb ausgestreckt, und wedelte sich mit diesen fünf dollar vor der nase herum (meine war zu weit weg, er lag ja am fußende). dann fragte er:

KRISSTINNA, A SKOLJKO ÄTO?
(Kristina, wieviel ist das?)

während Babuschka im krankenhaus war, durfte er in ihrem zimmer wohnen.
als Babuschka rauskam, fragte sie mich, ob der nachljebnik keine frauen nach hause gebracht hätte.
ich wollte ihn wirklich nicht verpetzen. ich habe bloß schon immer schwierigkeiten damit gehabt, glaubhaft zu lügen, daher lüge ich normalerweise nicht.
ja, hat er. er hat.
danach hatte ich angst, mich in der küche zu zeigen, aber ich musste – ohne kaffee kann ich ja doch keinen tag aushalten.

KRISSTINNA, TY MENJA PREDALA!!!
(Kristina, du hast mich verraten!)

das sagte mir Babuschkas freund – der mann – der nachljebnik, und dabei schleifte er das brotmesser. genauso war das.

einen ehemann hatte Babuschka nie gehabt, kinder auch nicht. hatten sie denn da bei der sowjetarmee, Faina Grigorjewna, keine verehrer, plapperte ich.
oh doch, die gabs. einer – irgendein major oder general – hätte wegen ihr glatt den verstand verloren.
den verstand verloren, Faina Grigorjewna?
nun ja. HEIRATEN WOLLTE ER!
und warum haben sie dann nicht geheiratet, Faina Grigorjewna?
Faina Grigrojewna erklärte der jungen frau:

A OKOZALOS, U NEWO SIFILIS. I JA PODUMALA – KAKIJE DJETJI ZHE POIDUT?
(Aber dann stellte sich raus, dass er Syphilis hatte. Und da dachte ich mir – was kämen da wohl für Kinder bei raus?)

aber liebe hätte es auch gegeben. nein, nicht bei der armee, sondern in irgendeinem weit entfernten russischen dorf, dessen namen zu behalten ich mich gar nicht erst bemühte. ein ungewöhnlich warmer sommerabend sei es gewesen, im heuboden hätten sie geschlafen, und beim abschied hat er ihr strümpfe geschenkt.
nylonstrümpfe!

In den Kurzgeschichten des Bandes Meitene, kas nogrieza man matus (Das Mädchen, das mir die Haare schnitt) schildert die Autorin das Lebensgefühl der lettischen Boheme in den neunziger Jahren, einer, wie sie sagt, Grenzperiode, die heute schon als historisch betrachtet wird. „Wir hatten den Sozialismus überlebt, aber uns noch nicht mit dem wilden Kapitalismus arrangiert. Wir lebten, tranken und starben vor uns hin und warteten auf das Ende der Welt, das zur Jahrtausendwende angesagt war.” Das Buch erscheint im Mai 2014 in estnischer Übersetzung.

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