Probezeit

Gundars Ignats: Pārbaudes laiks (Probezeit).
Rīga: Dienas Grāmata, 2013

Fragment des Romans übersetzt von Andreas Jäkel

 

Gundars Ignats (rechts) und Andreas Jäkel auf der Leipziger Buchmesse 2014

Gundars Ignats (rechts) und Andreas Jäkel auf der Leipziger Buchmesse 2014


 

Oktober


»Gibt es Veränderungen?«
»Wie bitte?«
»Der Index?«
»Ja, 0,294.«

Die Tabellen der Registerübersicht mit ihren mehreren Hundert Zeilen und dreizehn Spalten waren ausgefüllt mit Zahlen und Codes, Abkürzungen und den Daten aus dem NAKVAK über die im Quartal erfolgten Kontrollen und Konstatierungen. Das Formelsystem rechnete die Wesentlichkeitsschwelle von Einfluss und Risiko nach und der Algorithmus des Computersystems verallgemeinerte die Ergebnisse. In der letzten Tabellenspalte bildete die Zahlensumme jeder Zeile den Index und die Summe der einzelnen Indizes zum Quartalsabschluss war 0,294.
»Woraus resultiert der Unterschied?«, fragte Žanete, die Leiterin der Unterabteilung Methodik, mit der Stimme eines einfühlsamen Zahnarztes.
»Aus …« Ingars fuhr mit den Fingern über die Spalten der neuen Registerübersicht und der des vergangenen Monats. Er hatte die Zahlen mechanisch zusammengesetzt, sich aber nicht tiefergehend damit befasst, mehr noch, sogar wenn er es auch gewollt hätte, konnte er es nicht. »Das liest doch eh keiner«, hatte Linda gesagt, und die plötzliche Besprechung, die die Abteilungsdirektorin organisiert hatte, hatte Ingars unvorbereitet überrascht.
»… Spalte 6, Spalte 9, Spalte 13 …«, erklärte er, als er die Unterschiede erkannt hatte.
»Spalte 13 bleibt stabil, Spalte 13 bleibt immer stabil, woher rührt die Veränderung?« Žanete ließ keine Ruhe, bei jeder Zahl, jeder Ziffer hatte die zänkische Kollegin nachzuhaken.
»Die kommt … von …« Der Zahlensalat schwirrte an Ingars’ Augen vorüber, er hatte nicht die geringste Ahnung, warum die stets stabile Spalte 13 genau das nicht mehr war. Anstelle der 0,328 in der Registerübersicht des vergangenen Monats stand nun eine 0,294. Was es auch zu bedeuten hatte, es war so, so hatte das System es berechnet. Roberts hatte auf das zum Abgleichen geschickte Material mit einem kurzen »Danke, ist okay so!« geantwortet und Ingars hatte sich an die Abarbeitung der Vermerke im NAKVAK gemacht, aber nach ein paar Minuten erwies sich die Freude als verfrüht – er hatte eine E-Mail von der Leiterin der Unterabteilung Methodik bekommen: »Warum ist dort keine Null?«



Ingars rief Žanete an:
»Ich habe Ihre Frage bekommen, aber …«
»So können wir nichts damit anfangen.« Žanete klang gereizt. »Ilona hat immer alles querschnittsweise angeordnet.«
»Entschuldigung, wo steht das, ›querschnittsweise‹?«
»Okay, macht nichts.« Žanete gab klein bei. »Ich spreche mit Roberts.«
»In Ordnung.« Dass Žanete sagte, sie wolle mit Roberts sprechen, hörte sich nicht gut an.
»Žanete?«, fragte Linda, die das Telefonat mitgehört hatte.
»Mhm.«
»Mach dir nichts draus, ist ne blöde Ziege«, meinte Linda. Machte er auch nicht. Beim Signalwort »Ziege« schaute Ginta auf.
Jetzt, da die vier vor den ausgedruckten Registerübersichten im Zimmer der Abteilungsdirektorin saßen, erinnerte sich Ingars an das Wort »Ziege«.
»Da ist ein Fehler.« Žanete war überzeugt vom Irrtum des neuen Kollegen bei den Berechnungen im Quartalsregisterabschluss. Sie rutschte unruhig hin und her, aber ihr Verhalten stieß auf keine Resonanz. Die Abteilungsdirektorin sah Žanete an und richtete dann einen fragenden Blick auf Roberts. Roberts sah in die Zahlen und schwieg.
»Roberts?« Žanete nahm die Gesprächsführung in die Hand.
»Mmm«, grummelte Roberts und blätterte sich durch die mit Tabellen bedruckten Seiten.
»Zu Ihrer Unterabteilung gehört die Qualitätskontrolle?« Žanete ließ nicht locker, es schien, als verspürte sie Freude über die Verwirrung der beiden Männer, dennoch antwortete niemand auf ihre Tirade und es ging auch niemand auf die Vorwürfe ein.
»Gut«, resümierte die Abteilungsdirektorin hinnehmend, »gehen Sie es durch und fertigen Sie bis heute Abend die Analyse an, ja?«
»Gut«, willigte Roberts gleichgültig ein.
»Die hätte schon fertig sein sollen«, setzte Žanete hinzu. »Was sollen diese Tabellen, ich kann es mir nicht erlauben, die Zeit mit nichts zu vergeuden, auf mich wartet die Konzeption.« Sie zischte, als die Direktorin die Besprechung für beendet erklärte.
»Ach, da würd ich überhaupt nichts drauf geben«, meinte Roberts, als er Ingars’ verzerrtes Gesicht sah, nachdem sie das Zimmer der Direktorin verlassen hatten. So antwortete Roberts immer, auch auf Ingars’ Frage, wie es denn sein konnte, schon an seinem ersten Arbeitstag mit irgendeiner Abgabe im Verzug zu sein.
»Spezifik des Systems«, meinte Roberts. Nachdem der neue Mitarbeiter über die Arbeitssicherheitsvorschriften und seinen Aufgabenbereich aufgeklärt worden ist, muss er das nicht nur mit einer Unterschrift in den Registern bestätigen, sondern auch mit einem Häkchen im NAKVAK erklären, dass er sich mit den entsprechenden Dokumenten vertraut gemacht hat, und muss den Grund für die Verzögerung der Abgabe angeben.
Ingars setzte sich auf seinen Stuhl, lehnte sich zurück, streckte die Arme empor, holte tief Luft und sog sie in den Brustkorb ein, wobei der Stuhl mit jedem Mal unter seinem ganzen Gewicht leise aufseufzte und sich absenkte.
»Könnten in der langen Mittagspause heute zum Mexikaner gehen«, schlug Linda gelangweilt vor. »Ich hab keinen Bock, was zu tun.«
»Ich nicht, hab keine Zeit«, sagte Ginta bedrückt. »Muss mich auf die Kontrollregisterbesprechung vorbereiten.«
»Ich auch«, murmelte Valērija.
»Ich frag die in der Methodik«, sagte Linda und rief dort an.
»Hi, Žanete«, blubberte sie mit schmetterlingshafter Leichtigkeit. »Wollt ihr heute vielleicht zum Mexikaner gehen, hm? Basko, tabasko?«
»Noch’n bisschen warten? Ja, okay, okay, Žanete.« Linda umflatterte die Leiterin der Unterabteilung Methodik. »Klar, natürlich, sag Bescheid, wenn ihr fertig seid.«
Žanetes Zusage war wirklich ein gutes Argument für Ingars, auch nicht mitzukommen.
»Ich diesmal nicht, ich muss bis heute Abend die Analyse fertig machen.« Er zog den abgesenkten Stuhl hoch, richtete seinen Rücken gerade und machte sich daran, sich der Arbeit zuzuwenden, als das rote Lämpchen am Telefon aufblinkte. Kurze unterbrochene Signale, interner Anruf. Auf dem Display erschienen die beiden Buchstaben UB.
»Guten Tag«, fiepste eine leise und gleichgültige Frauenstimme wie aus dem Jenseits. »Ich warte auf Ihre Abgabe.«
»Wie bitte?«
»Der Monatsneunte.«
Stille. Vielleicht war sie tot, Ingars hatte einen ketzerischen Gedanken.
»Morgen Abend muss ich alles beisammen haben, ich habe überhaupt nichts!« Das Fiepsen ging weiter.
Ingars las ihr den Titel des Berichts vor: »Sie meinen den Quartalsregisterab-schluss? Gut, ich frage die Kollegen und schicke ihn Ihnen schnellstmöglich zu.«
»Ich hätte ihn gestern schon haben müssen.«
»Ich weiß«, antwortete Ingars automatisch, ehe er sich seiner törichten Antwort bewusst wurde.
»Also, wenn Sie es wissen, dann müssen Sie es auch erledigen. Ich kann zum Staatssekretär gehen, wenn das hilft, die Fristen einzuhalten.«
»Ich … sofort«, antwortete Ingars. »Zum Staatssekretär gehen« klang schon ernster als »mit Roberts sprechen«. Ingars fragte Linda, Ginta und Valērija, sie wussten nicht, wer sich hinter UB verbarg. Roberts war nicht da, Ingars schloss die E-Mail und grübelte darüber nach, was er in die Analyse der Registerübersicht schreiben könnte, die Žanete sich ausgedacht hatte. Das Telefon schwieg bis 14:42, dann ertönten die kurzen Signale. UB.
»Was soll ich ihr sagen?«, fragte Ingars die Kolleginnen.
»Sag, dass du Roberts nicht antreffen konntest«, meinte Ginta.
»Nimm nicht ab«, schlug Linda vor, die nach dem Mittagessen beim Mexikaner gut gelaunt war. Ingars tat, wie ihm geheißen, nach längerem Klingeln verstummte das Telefon.
Aus den Erläuterungen im NAKVAK zum Ausfüllen von Formularen entstand eine Erklärung für 0,294. Nach ein paar Stunden hatte Ingars fünf Seiten Text, die er als argumentierte Analyse betrachtete. Er speicherte das Dokument, um es Roberts zu schicken, als die bekannten Signale ertönten. Der Anrufer war nicht UB, sondern Roberts.
»Du hast mich gesucht?«
»Ja, hör mal, jemand hat mich nach dem Monatsbericht gefragt, wir hätten irgendwas versäumt, worum geht’s da?«
»Wer hat dich gefragt?«
» Ich weiß nicht, irgendeine Frau, auf dem Display stand UB.«
»Ah, Zigrīda, ja, wer macht das jetzt … ja, richtig, wir müssen das machen, also, machst du das bitte fertig, ich leite dir Berichte weiter, an die hältst du dich, nimm die Ziffern, die Tabelle ist nicht lang, das siehst du dann schon, das sollten wir heute noch abhaken, die Erläuterungen kannst du so lassen.«
Im UB-Formular, das Roberts ihm schickte, änderte Ingars Beginn und Ende der Übersichtsperiode, präzisierte die Dauer des Periode, klaubte im NAKVAK die Daten zusammen und fügte sie in aktualisierter Form ein. Um zehn vor sechs machte sich das vorbereitete Material auf elektronischem Wege auf zu Zigrīda und Ingars machte sich schon fertig, um nach Hause zu gehen, als das Telefon klingelte. Aus dem unüberlegt abgenommenen Hörer knurrte eine näselnde Stimme:
»Ich habe keinen Vergleich.«
»Entschuldigung?«
»Ich sage«, brummte die tiefe Stimme, die, wie Ingars jetzt wusste, Zigrīda gehörte, »ich habe keinen Vergleich.«
»Was ist ein Vergleich?«, fragte er.
»2B, 3B, 4A und 16. Man muss nach den Perioden sehen, man braucht sich keinen Unfug zusammenzudichten.«
»Es tut mir leid«, Ingars regte sich mehr über seine Unbedachtheit auf, nach Feierabend den Hörer abgenommen zu haben, als über Zigrīdas absurde Frage, »dass ich es nicht gemacht habe.«
»Ich sage nicht, dass Sie es nicht gemacht haben, aber ich brauche 2B, 3B, 4A und 16.«
»Ich habe es gerade abgeschickt«, er erhob sich vom Tisch.
»Nein, Sie haben es nicht abgeschickt.«
»Na, Moment, ich schau gleich nach, ja, da isses doch, 17:48, im Betreff: monatl.Übers.f.Abt.Aufs.«
»Und was soll ich damit anfangen? Ich brauche den Vergleich, und zwar periodenweise.«
»Aber warten Sie, den bekommen Sie jeden Monat, dann haben Sie doch alle Informationen, warum müssen wir das alles noch einmal zusammenstellen?« Jetzt wo er allein im Büro zurückgeblieben war, hob er wütend die Stimme an.
»Die Vergleiche fertigen SIE an. Die Veränderungen geben SIE ein, SIE sehen schließlich, was dort bei Ihnen vor sich geht, und nicht ich.«
»Warten Sie, die Periode ist vorbei, die Berichte sind bekräftigt, was kann sich da noch ändern? Unterschrieben! Angenommen! Und fertig!«
Der unhöfliche Konter verdutzte Zigrīda.
»Gut, okay, sagen Sie mir, was ich tun muss«, sagte Ingars jetzt leiser, da er sich beruhigt hatte.
»2B, 3B, 4A und 16.«
Ingars seufzte.
»Gut«, er legte den Hörer auf und im selben Moment klingelte sein Handy. Ohne nachzusehen hielt er es sich ans Ohr und sprach mit der gleichgültigen Intonation von UB Zigrīda.
»Ja?«
»Ich habe mir überlegt, was wir morgen kochen könnten«, plapperte Ilvija unbekümmert freudig drauflos.
»Morgen?«
»Ja, wenn Evelīna und Andris kommen.«
»Wenn wer kommt?«
»Evelīna und Andris, hast du das vergessen? Ich hab es dir doch gesagt.«
Ingars wusste von nichts. Die Tabellen der Registerübersicht für UB hatten den anstehenden Besuch der Cousine ausgelöscht.
»Doch, ja, okay«, antwortete er und tat, als wüsste er. »Brauchen wir was aus dem Supermarkt?«
»Nein, brauchen wir nicht, komm bald nach Hause«, sagte Ilvija so lieb, dass er nicht imstande war, sich der rührenden Stimme zu widersetzen. Die Stimme seiner Freundin sprach das »r« so angenehm weich aus, dass sie dem Laut eine erotisch milde Intonation verlieh. Ilvijas weiches »r« klang in seinen Ohren. In der stickigen Luft des Busses, der durch den Verkehrsstau zockelte, konnte Ingars einzig und allein an Ilvija denken und daran, was in einer halben Stunde geschähe, wenn er sich seines neuen steifen Beamtenanzuges entledigt hätte.
»Weißt du, was wir machen könnten?«, blubberte Ilvija ihm fröhlich entgegen, als sie ihn von der Haltestelle abholte. »Rindfleisch in Honigsauce.«
»Okay«, antwortete Ingars gleichgültig. »Hab ich nichts gegen einzuwenden.«
»Wir müssen morgen früh aufstehen.« Ilvija plante einen von den zwei freien Tagen in der Woche und ahnte nichts von Ingars’ Verlangen. Sie sah einen müden Mann, mit dem sie morgen gemeinsam die Gäste empfangen könnte.
In Unterhosen und Socken hing Ingars behäbig das Jackett, die Anzughosen und das Hemd auf den Bügel, aber Ilvija hatte schon die Einkaufsliste vorbereitet.
»Wir brauchen unbedingt trockenen Rotwein, ganz bestimmt Salat, frischen«, zählte Ilvija inspiriert auf und Ingars, der zu müde war, nickte gehorsam, in den Tiefen seiner Hirnwindungen ließen ihm 2B, 3B, 4A und 16 keine Ruhe, er wollte sich hinlegen und sich ausruhen.
»Ja, gut.« Er stimmte der enthusiastischen Gastgeberin zu und wollte sich in seiner Freizeitkleidung, die er sich angezogen hatte, auf das Sofa setzen.
»Wir müssten putzen«, sagte Ilvija lieblich. Ingars stand auf und als er einen prüfenden Blick über sein Arbeitsfeld hatte schweifen lassen, fluchte er im Stillen und nahm sich dann den Eimer hinter der Tür.

(Fortsetzung folgt)

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