Am Strand

Am Strand von Mazirbe

Am Strand von Mazirbe

So, wie er dalag, sah der Mann wenig: Sand in drei Farben – fast weißen, von der Sonne ausgetrockneten, in dem das Quarz wie Glassplitter glänzte; einen Streifen dunkleren, kühleren, feuchten und wie Lehmboden festen, in dem viele Fahrradreifen ihre Abdrücke hinterlassen hatten wie eine unendlich lange sich windende Schlange; und schleimig braunen mit den Ablagerungen aus dem Wasser, nachdem das Meer sich zurückgezogen hatte; und dann das Meer: unerhört unerhört unerhört blau, also einfach unerhört blau mit einer Art bleiernem Abdruck auf den Kämmchen kleinwinziger Wellen, wie geschmolzenes venezianisches Glas, nein – wie die Vorstellung von geschmolzenem venezianischem Glas – und morastig; es schien vollkommen klar, dass man über ein solches Wasser wirklich wandeln konnte ohne unterzugehen; ein leuchtend blaues Fries zwischen Sand und Himmel, es hatte absolut nichts Räumliches, es war wie reine Dekoration; der Streifen zitterte leicht, ein Flimmern lief von rechts nach links, von rechts nach links, wie eine Straße beim Autofahren vorbeifliegt; obwohl es windstill war, war die große Masse der See, die der Westwind in Schwingung versetzt hatte, noch nicht zur Ruhe gekommen, sie rannte, rannte und rannte und erweckte so den Eindruck des Auf-der-Stelle-Stehens und der ewigen Rückkehr zum Anfang, rannte und rannte, bis sie sich in den müden Augen in Pixel auflöste, so abstrakt wurde, wie sie auch sein musste – wenn man berücksichtigt, dass es auf der Welt nichts gibt, was wirklich das wäre, was es zu sein scheint.

Fragment aus Andra Neiburgas Kurzgeschichte “El niño”. Aus dem Lettischen von Nicole Nau.

Das Original erschien in Andra Neiburgas Prosaband stum stum (’schieb schieb‘), Rīga: Valters un Rapa, 2004.

2014 brachte das Neue Theater Riga ein Stück unter dem Titel STUM STUM auf die Bühne, das auf einigen der Kurzgeschichten basiert. Hier ein wortloses Video dazu, gedreht von der Videokünstlerin Katrīna Neiburga (der Tochter der Autorin).