april


Inese Zandere

aus: melnās čūskas maiznīca

Rīga: Neputns, 2003

april

jetzt schaukelt die erde
jetzt schaukelt die erde
aufberstende ängste an beiden enden der schwingung
aufschießende säfte in steinen eisen zerspanung
aufspringende knospen eis das im überschwang
aufblüht
jetzt schaukelt die erde
jetzt schaukelt die erde
ich bin nicht teil der bewegung

(Übertragung aus dem Lettischen von Nicole Nau)


aprīlis

zeme ir iešūpota
zeme ir iešūpota
baiļu sprādzieni abos vēzienu galos
sulu sprādzieni akmeņos dzelžos skalos
pumpuru sprādzieni ledus kas izplaukst
palos
zeme ir iešūpota
zeme ir iešūpota
un es tur nepiedalos

 

Die grüne Krähe

Kristīne Ulberga: Zaļā Vārna (Die grüne Krähe)
Rīga: Dienas Grāmata, 2012

Ausschnitt, aus dem Lettischen von Nicole Nau

 

Die Klinik ist leer und still. Ich stehe noch immer im dunklen Flur, in dem Schatten über Schatten liegt wie Einwickelpapier, das der Welt größtes Geheimnis verbirgt – Licht. Im Krankenzimmer erwartet mich die Familie, die ebenso der Welt größtes Geheimnis ist und Schicht um Schicht etwas Unverstehbares umhüllt, vielleicht ebenfalls Licht. Aber mir reicht es, ich will nicht mehr enthüllen und entdecken. Mir reicht der Schatten hier in der dunkelsten Ecke des Irrenhausflurs. Überall hallen Geräusche: das Geklapper der eisernen Tragen, die müden Piepser der lebenserhaltenden Apparate, die Sätze der Schwestern, landende Fliegen, Druckergeratter. Am Ende des Gangs rasseln Schlüssel, jemand öffnet eine Tür und aus dem Zimmer meines Arztes tritt ein Mann im grauen Wollmantel. Er sieht aus, als fröre er schon seit damals, als er zwei war und sein Vater beim Versuch, ihn zu wärmen im Schnee zusammengekauert starb. Der Mann im Mantel betätigt den Aufzugsknopf und ich laufe und versuche dabei nicht wie eine Verrückte im gestreiften Schlafanzug auszusehen. Das bringen ja Eltern ihrem Kind bei: hample nicht, tob nicht, sei still, tu nichts im Überschwang, sonst siehst du aus wie ein Blöder, schrei nicht, hörst du, schrei nicht, sonst bringen wir dich zum Arzt, damit er feststellt, ob mit deinem Köpfchen alles in Ordnung ist, benimm dich wie ein Mensch, sonst kriegst du keine Bonbons. Kinder lieben Bonbons, deshalb bleiben sie ruhig. Aber die Erwachsenen im Irrenhaus fürchten die Elektrokammer im dritten Stock, sie brauchen keine Bonbons mehr und sie fürchten nicht die Schläge der Eltern und sie wissen, dass man so leben muss, dass es den anderen gefällt. Deshalb bleibe ich auf dem Treppenabsatz stehen, als die dicke Pflegerin vorbei geht, beiße mir auf die Lippe und blicke in die Ferne. Sie mögen das, wenn man in die Ferne blickt. Auch die dicke Pflegerin blickt in die Ferne, nicht etwa zu Gott, Gott ist hier nebenan, – ihr Blick schweift in ferne Länder, wenn sie ihren Kaffee schlürft und hofft, dass sie eines Tages auswandern und eine gute Stelle bekommen wird, damit sie sich alles kaufen kann, was man zum Leben braucht. Als die Dicke im dunklen Gang verschwindet, flitze ich nach unten.
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Als Laura geboren wurde

aus: Māra Zālīte: Pieci pirksti (Fünf Finger)
Rīga: Mansards, 2013

Aus dem Lettischen von Nicole Nau (vollständige Übersetzung in Vorbereitung)

 

Als Laura geboren wurde

Als Laura geboren wurde, hat niemand sie über blühende Erbsen gehalten, damit sie schön heranwüchse.
Als Laura geboren wurde, hat niemand sie in ein Tischtuch gewickelt, damit sie ihr Leben lang an einem vollen Tisch säße.
Als Laura geboren wurde, hat niemand Wasser auf einem Feuer von Lindenholzscheiten gewärmt.
Als Laura geboren wurde, hat niemand ihr Honig auf die Lippen geschmiert, damit sie, wenn sie groß wäre, viele Verehrer hätte.
Als Laura geboren wurde, waren es draußen minus fünfzig Grad Frost.
Als Laura geboren wurde, wog sie nicht mal zwei Kilogramm.
Als Laura geboren wurde, war sie zu früh geboren.
Mamma hatte keine Milch in der Brust.
Damit Mamma Milch in die Brust bekäme, hätte man sagen müssen: Milch kommt mir aus Jelgava, Milch kommt mir aus Liepaja, Milch kommt mir aus Riga, Milch kommt mir von allen Seen, Milch kommt mir von allen Flüssen, von allen Quellen, von all überall her kommt mir Milch.
Als Laura geboren wurde, hat niemand diese Worte gesagt, denn Jelgava, Liepaja und Riga lagen zu weit weg von der sibirischen Baracke, zu weit weg waren Seen, Flüsse und Quellen.
Mammas Brust lag trocken.
Als Laura geboren wurde, hätte sie sterben müssen.
Als Laura geboren wurde, war sie noch nicht Laura
Dann kam Leben in die Baracke.
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Ostern

  • Wer sein Ei ohne Salz isst, der wird den ganzen Sommer viel lügen.
  • Ein Dieb, der an Ostern Eier stiehlt, bleibt selbst nackt wie ein Ei.
  • An Ostern muss man Eier tauschen, sonst legen die Hühner im kommenden Sommer nicht.
  • An Ostern muss man Eierschalen durch die Beine von Männerhosen schütten, dann fressen die Krähen die Küken nicht.
  • An Ostern muss man viel schaukeln, dann bleibt man das ganze Jahr über munter.
  • Zu Ostern muss man hoch schaukeln, denn dann bekommen die Schafe große Lämmer.
  • Je höher man an Ostern schaukelt, desto höher wächst der Flachs.
  • Wer an Ostern nicht schaukelt, den stechen im Sommer die Mücken.
  • Am Ostermorgen schaukelt die Sonne.


Kas olu bez sāls ēd, tas visu vasara daudz melos. (17195)
Kad Lieldienās olas zogot, tad zaglis paliekot tikpat pliks kā ola. (17196)
Lieldienās ir jāmainās ar olām, citādi nākošajā vasarā vistas nedēs. (17217)
Lieldienās olu čaumalas jāber caur vīrieša biksēm, tad vārnas cāļus neēd. (17228)

Lieldienās vajag daudz šūpoties, tad visu gadu nenāks miegs. (17190)
Pa Lieldienas svētkiem vajaga augsti šūpoties,jo tad aitām ir lieli jēri. (17212)
Jo augstāki Liedienās šūpojas, jo garāki aug lini. (17258)
Kas Lieldienās nešūojas, to odi vasarā kodīs. (17341)


Lieldienas rītā saule šūpājas. (17354)

(Latviešu tautas ticējumi, II. Rīgā 1940)

Wege

Imants Ziedonis (1933-2013)

(Musik und Interpretation Jānis Holšteins-Upmanis)

 

Wege

Kaum hebt ein Wind an, schon geht’s los.
Ich will es euch sagen: ich liebe das so.
Kaum streift ein Wind mich, bin ich dran.
Zum Dummerchen werd ich, mit kurzem Verstand.

Ich weine ein Stück. Dann hör ich auf zu flennen
und zieh durch die Höfe um laut zu bekennen:
Nichts ist mir teurer als diese Wege,
die führen dem Morgen und Abend entgegen.

Ihr bietet ein Bett mir. Ich danke schön,
doch blieb ich – wer würd meine Wege gehn?
Ich weiß nicht, wo ich zuhause bin.
Wo hell der Staub fliegt, lauf ich hin.

Ceļi

Tikko mazs vējiņš uzvējos.
es pateikšu jums: kā es mīlēju tos.
Tikko mazs vējiņš noglaudīs
es muļķītis būšu, mans prāts būs īss.

Es ieraudāšos, bet kad raudāt beigšu
es iešu pa mājām un visiem teikšu,
ka nav nekas dārgāks par ceļiem šiem,
kas aiziet uz rītiem un vakariem

Jūs naktsmājas dosit. Es teikšu: paldies,
ja palikšu, kas manu ceļu ies?
Es nezinu, cilvēki, kur manas mājas.
Tik – balti putekļi putinājas.

Eins meiner Lieblingsliedchen zur Zeit (hier, hört es Euch an), das musste ich einfach mal schnell übersetzen, sozusagen als Fingerübung. Imants möge mir verzeihn.

Bloß ein paar Äpfel


Valentins Lukaševičs

(aus: Bolti burti. Rēzekne 2011)

 


Bloß ein paar äpfel
Im laden gekaufte.
Ich wasche sie lange
In heißem wasser.
Keine frau hat
Die hände mir
Je so gewärmt.

Übertragung aus dem Lettgallischen von Nicole Nau


Pīteik ar veikalā
Nūpierktim uobelim.
Ilgi tūs mozgoju
Zam korsta iudiņa.
Nivīna sīvīte
Maņ rūkys navā
Tai sasiļdejuse.

Probezeit (Fortsetzung)

Zum Klappentext

Gundars Ignats: Pārbaudes laiks (Probezeit).
Rīga: Dienas Grāmata, 2013

Fragment des Romans übersetzt von Andreas Jäkel

 Fortsetzung (zum ersten Fragment)
Am Samstagmorgen war der Parkplatz vor dem Supermarkt noch ziemlich leer, die ausgehungerten und einkaufswütigen Leute waren noch nicht von zu Hause aufgebrochen, etwas später – in ein paar Stunden – würde es problematisch, einen freien Platz zu finden. Sie bemühten sich, so früh wie möglich zum Supermarkt zu fahren. Kurz vor zehn öffneten sich die Schiebetüren, sie glitten vorbei an trägen Verkäuferinnen, die sich auf Käufer wartend langweilten. Geschminkte Mädchen, hübsche Madames und gleichgültige Damen ließen mit oberflächlichem Blick die Waren passieren und plapperten zwischen Regalen und Sonderangeboten, zwischen saisonalen Neuheiten und Gratisgeschenken.
Vor dem Supermarkt glitt die Zwanzig-Santīms-Münze wie das letzte Puzzlestück in die für sie vorgesehene Stelle, die Kette, die die Einkaufswagen miteinander verband, löste sich und vor ihnen öffneten sich die Eisentore des Einkaufsparadises.
»Schau mal, was für eine tolle Farbe.« Ilvija hatte die hellroten Küchenhandtücher entdeckt. Sie ging zum Regal und klappte eines auf. »Schön, nicht?«
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