Als Laura geboren wurde

aus: Māra Zālīte: Pieci pirksti (Fünf Finger)
Rīga: Mansards, 2013

Aus dem Lettischen von Nicole Nau (vollständige Übersetzung in Vorbereitung)

 

Als Laura geboren wurde

Als Laura geboren wurde, hat niemand sie über blühende Erbsen gehalten, damit sie schön heranwüchse.
Als Laura geboren wurde, hat niemand sie in ein Tischtuch gewickelt, damit sie ihr Leben lang an einem vollen Tisch säße.
Als Laura geboren wurde, hat niemand Wasser auf einem Feuer von Lindenholzscheiten gewärmt.
Als Laura geboren wurde, hat niemand ihr Honig auf die Lippen geschmiert, damit sie, wenn sie groß wäre, viele Verehrer hätte.
Als Laura geboren wurde, waren es draußen minus fünfzig Grad Frost.
Als Laura geboren wurde, wog sie nicht mal zwei Kilogramm.
Als Laura geboren wurde, war sie zu früh geboren.
Mamma hatte keine Milch in der Brust.
Damit Mamma Milch in die Brust bekäme, hätte man sagen müssen: Milch kommt mir aus Jelgava, Milch kommt mir aus Liepaja, Milch kommt mir aus Riga, Milch kommt mir von allen Seen, Milch kommt mir von allen Flüssen, von allen Quellen, von all überall her kommt mir Milch.
Als Laura geboren wurde, hat niemand diese Worte gesagt, denn Jelgava, Liepaja und Riga lagen zu weit weg von der sibirischen Baracke, zu weit weg waren Seen, Flüsse und Quellen.
Mammas Brust lag trocken.
Als Laura geboren wurde, hätte sie sterben müssen.
Als Laura geboren wurde, war sie noch nicht Laura
Dann kam Leben in die Baracke.

Die drei Litauerinnen beharrten darauf, das Kind nicht ungetauft sterben zu lassen, denn ohne Taufe käme niemand ins Himmelreich, könne niemand Gnade und Erlösung erfahren.
Die drei Litauerinnen – Maria, Laima und Laura – stellten einen Altar auf, den sie mit Bettstroh und Zirbelkiefernzapfen schmückten.
Maria gab ihre weiße bestickte Bluse, das war die Altardecke.
Laima gab ihr hellstes Talglicht, das war die Taufkerze.
Laura schmolz Schnee in einem Napf, das war das Weihwasser.

– Ich taufe Dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Und wenn ich auch weder Bischof noch Priester und nicht mal Diakon bin, so habe ich als Katholikin das Recht und die Pflicht, dich zu taufen.
– So, wie dir, ohne dass du gefragt wurdest, ein schwaches und schwindendes fleischliches Leben gegeben wurde, so gebe ich dir ohne dich zu fragen das ewige Leben in Jesus Christus. Amen.
Und wenn ich auch weder Bischof noch Priester und nicht mal Diakon bin, so habe ich als Katholikin das Recht und die Pflicht, dir das zu schenken.
– Im Namen der Heiligen Dreieinigkeit zeichne ich deine Stirn mit dem Kreuz. Und wenn ich auch weder Bischof noch Priester und nicht mal Diakon bin, so habe ich als Katholikin das Recht und die Pflicht, deine Stirn mit dem Kreuz zu zeichnen.
So sprachen sie nach einander – Maria, Laima und Laura.

– Der Name! Wie soll das Kind heißen? Wir müssen ihr einen Namen geben, – flüsterte Jukka der Finne aus Karelien. Aus dem Land des Kalevala, wie er immer stolz hinzufügte.
– Ist das wirklich nötig? Du weißt doch, – entgegnete leise Olexander der Ukrainer.
Seine Eltern waren einst Tierärzte in der Riwna gewesen, in einer kleinen Stadt bei Lemberg. Sie hatten keine Vorurteile gegen den Genuss von Tieren, lebenden oder toten, großen oder kleinen. Das ist alles nur Protein, lehrten sie Olexander, und er hatte überlebt, indem er seine eigenen Läuse aufaß.
Ein Überbleibsel, ich bin ein Überbleibsel, lachte er.
In der Baracke waren alle Überbleibsel.

– Nicht nötig? Natürlich braucht sie einen Namen! – sagte, kaum war sie erschienen, laut die Moldauzigeunerin.
Sie war weder Zigeunerin noch von der Moldau. Das war nur ihr Spitzname. Madalina war Rumänin. Sie konnte die Karten legen.

– Wir müssen es schnell tun, – trieb Kim sie an.
Kim war von ihrem eigenen Namen nicht begeistert, denn der war eine Abkürzung von Komunistitscheskij Internacional Molodjozhi (Kommunistische Jugendinternationale), und solche Wortverbindungen waren in der Baracke nicht beliebt. Er war jedoch Kims einzige Erinnerung an die Eltern. Sie waren russische Ingenieure und bauten in Leningrad U-Boote. Die Höllenhunde hatten sie noch vor dem Krieg erschossen, obwohl sie reinblütige Russkis und überzeugte Kommunisten waren. Kim hatte mit sieben Jahren aufgehört zu wachsen, und die Leute in der Baracke taten sich schwer damit, sie als Erwachsene zu behandeln.

– Das kann man nicht ohne die Eltern entscheiden. Seufzte Asja und sah voller Mitgefühl auf Mamma und Vati.

Mamma war völlig kraftlos, sie streckte die Arme nach ihrem Töchterchen aus, das die Litauerinnen gerade auf dem Arm hatten und im Papstglauben tauften, wir sind doch evangelisch, flüsterte sie lautlos, wir sind doch evangelisch. Die Arme streckte sie auch nur in ihrer Vorstellung aus, und sie weinte und schrie auch nur in ihrer Vorstellung, in Wirklichkeit lag sie still und unbeweglich.
Weinte und schrie sie in ihrer Vorstellung vor Freude, dass das Kindlein, in Liebe empfangen, geboren war?
Weinte und schrie sie in ihrer Vorstellung aus Kummer, dass sie keine Milch hatte, keine Nahrung für das Kindlein, denn die Brust war leer und sie, die Leben gegeben hatte, würde ihrem Kind auch der Tod sein?
Ihr Schuldbewusstsein riss Mammas Herz entzwei und wälzte sich über ihre Schwäche, so schwer wie das Eis auf dem Fluss in seiner ganzen Länge.
Mamma verlor das Bewusstsein.

Frau Austruma war die älteste in der Baracke und dies war keineswegs die erste Entbindung, die sie, die einst Postvorsteherin in Lame gewesen war, in Sibirien hatte betreuen müssen.
Nur war es diesmal so gut wie ihr eigenes Kind.
Was heißt so gut wie? Es war ihr eigenes Kind! Sie und Lilija waren im selben Wagon nach Sibiren gebracht worden, sie waren aus demselben Dorf, waren bei lebendigem Leib herausgerissen worden aus derselben Erde, aus Lettland.
Ihre Männer waren schon seit der Schulzeit Freunde gewesen und vor elf Jahren an ein und demselben Tag erschossen worden. In Riga, im Keller des KGB-Hauses, im altehrwürdigen schönen Riga! Sie hatten alles geteilt, sogar eine Haselnuss. Frau Austruma würde niemals Enkel haben, sie war das Überbleibsel von ihrer großen Familie.
Lilijas erstes Enkelkind wurde gewaschen und gewickelt, alles war so, wie es sein sollte. Lilija selbst wusste noch gar nicht, dass das Kleine da war. Wie Frau Austruma wohnte sie in der Baracke nebenan, seit Anda den Jānis geheiratet hatte. Deswegen waren die Söckchen und Mützchen, die Lilija gestrickt hatte, nicht hier. Für ein paar Tage würden sie auskommen, Frau Austruma wusste, dass Lilija Hemdchen genäht und alle Windeln umhäkelt hatte, aber wer hatte ahnen können, dass das Kind vor der Zeit geboren würde.
Lilija war in die Stadt abkommandiert worden.

Zum Glück waren die unseligen Zeiten vorbei, als man nicht wusste, womit man ein Neugeborenes wickeln sollte. Die Männer hatten ihre Fußwickel abgeben müssen, die letzten Lumpen. Wenn das Kind starb, bekamen die Männer ihre Fußwickel zurück. Meistens bekamen die Männer ihre Fußwickel zurück.

Dieses Kind könnte leben, wenn nur der Saugreflex schon entwickelt wäre.
Voll Sorge legte Frau Austruma das Kind der Mutter an die Brust.
Der Reflex war entwickelt, doch in der Mutterbrust war keine Milch.

In solchen Fällen musste man an die Mutter denken. Zuerst an die Mutter. Was auch immer mit dem Kind geschähe. Die Mutter musste man retten. Die Mutter, selbst ja noch das reinste Kind, noch keine zwanzig. Sie würde schon noch andere Kinder bekommen.
Frau Austruma wusch Mamma die Leisten, es roch nach Alkohol und Kampferöl, nahm die Nachgeburt mit dem Laken auf. Sie schien hübsch herausgekommen zu sein, sie würde sie später wegwerfen, jetzt durfte man die Tür nicht öffnen, sie freute sich, dass die Blutung schon fast aufgehört hatte. Das Kind war klein, es war nichts gerissen. Nur die Erschöpfung.

Vati streichelte Mammas Gesicht, er war durcheinander und schaute verständnislos umher. Was ging hier vor? Was taten die Leute aus der Baracke? Was für eine Theatervorstellung hatten sie hier aufgeführt? In dem Moment, in dem er vielleicht Tochter und Frau, seine beiden teuren, einzigen lebenden Seelen verlieren würde? Wer redete hier von Erlösung, von Gnade? Vom ewigen Leben?
Vati glaubte weder an den katholischen noch den evangelischen Gott, noch an den Teufel, noch an Allah, noch an die Karten, noch an Mohammed. An niemanden. An nichts.
Von Zeit zu Zeit machte Vati sich daran, den eisernen Ofen zu heizen. Wasser zu kochen. Noch eine Kanne, noch eine. Den Ofen heizen, wieder und wieder. Nur so konnte er seinem erstgeborenen Kind helfen. Seiner lieben Frau! Indem er die Kälte von draußen nicht herein ließ, die minus fünfzig Grad Frost.

– Gebt dem Kind einen Namen! Sie muss nach einer der Patentanten heißen. Vielleicht Maria? Den Vorschlag machte Ibrahim der Tatare.
Er stammte von der Krim, aus einer alten und berühmten Sippe von Händlern, und sein Gott war Allah und Mohammed war sein Prophet. In einen Balken der Baracke hatte er einen Pfeil gekerbt. Der zeigte Richtung Mekka.
– Oder auch Laima? Das ist sowohl ein litauischer als auch ein lettischer Name, sagte Jukka.
– Laima klingt zu sanft. Der Name braucht Herbe und Kraft, sagte Asja.
Asja war eine Jüdin aus London, Opernsängerin mit dem absoluten Gehör und eine englische Spionin. Letzteres hatte sie durch alle Folterungen hindurch geleugnet.
Deshalb hatte sie gebrochene Finger, einen nach dem anderen hatten die KGB-Leute Asja alle Finger gebrochen. Fünf Finger an der rechten Hand und fünf Finger an der linken Hand. Die streichelten jetzt sanft den Kopf des Kindes.
– Laura?
– Laura, sagte Maria.
– Laura, sprach Laima.
– Laura, flüsterte Laura. Jesus Maria, fuhr sie fort, sich bekreuzigend und in abergläubischer Furcht erzitternd.
In diesem Augenblick fing die kleine Laura an zu weinen. Maria, die das Kind an der Brust hielt, errötete wie eine Rose, denn das Kleine drehte den Mund unverkennbar zu Marias Brust, aber Maria war doch noch Jungfrau.
– Es will essen. Maria war erschreckt und beschämt.
– Vielleicht kommt Anda die Milch noch. Sie braucht Protein. Ich habe Bärenfleisch draußen. Muss nur aufgetaut werden. Olexander ging zur Tür und stieß dort mit Maja der Georgierin zusammen.

Frau Austruma hatte Maja von der Nachbarbaracke geholt, weil sie sich erinnert hatte, sich Gott sei Dank erinnert hatte, dass sie doch vor neun Monaten den kleinen Levan auf die Welt geholt hatte! Wenn der Boden in der Baracke nicht so kalt wäre, würde der Junge schon krabbeln.
– Ihr beweint das Kind zu früh! Gebt es her! – sagte Maja und holte ihre große und milchreiche Brust aus der wattierten Barchentbluse. Maja steckte eine Brustwarze in Lauras Mund. Das Weinen verklang. Von Majas dichtem schwarzen Haarkranz tropfte tauender Reif. Sie war ohne Kopfbedeckung hergerannt.

In der Baracke wurde es still.
Wenn das Kind die Brust nimmt, überlebt es. Wenn nicht…
Mamma wachte aus ihrer Bewusstlosigkeit auf. Wie durch einen bewegten Nebel sah sie auf Majas große milchreiche Brust und den Säugling, der sich unruhig wand und wimmerte.
Vati hielt an der offenen Ofentür inne, ein Scheit in der Hand.
Jukkas rundes Gesicht wurde rosig.
Maria, Laima und Laura, deren Namen das Kind nun trug, beteten.
Gegrüßet seist Du Maria voller Gnaden…
Madalina legte eilig die Karten aus.
Ibrahim blickte in Richtung Mekka.
Kim bekreuzigte sich nach Art der Rechtgläubigen.
Asja verkrampfte ihre gebrochenen Finger.
Maja spritzte dem Säugling einen Strahl Milch in den Mund
Der Säugling verschluckte sich und nieste.
Alle warteten.

Mit sicherer Bewegung steckte Maja dem Kind noch einmal ihre Brustwarze, die braun und fest wie eine Knospe war, in den kleinen Mund.
Laura begann zu saugen.
– Čame, čame, deda genazvalos, – sagte Maja auf Georgisch und lächelte. Levan wird dein Milchbruder. Ich habe genug für beide, fügte Maja stolz hinzu.
– Ein bewegtes Leben. Die Karten weisen auf ein bewegtes Leben. Bewegt, aber Hauptsache, ein Leben.
Madalina hatte endlich ihre Karten ausgelegt.

Zum Anfang des Buches; zu einem weiteren Kapitel aus diesem Buch

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