Die alljährliche Visite

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Laima Muktupāvela: Die alljährliche Visite. Eine brave Raubkatze erzählt.

Aus dem Lettischen von Nicole Nau

Veröffentlicht in: Lettische Literatur #2
Riga: LLC (Lettisches Literaturzentrum), 2007

 Lettisches Original in: Laima Muktupāvela: Ducis. Rīga: Daugava, 2002.

Wem in der Johannisnacht eine Farnblüte in den Schuh fällt, der versteht die Welt.
(Volksglauben)

Ich fahre gerne Auto. Besonders Freitag Abend. Dann haben alle ihre Wagen vollgeladen mit den noch schnell im Supermarkt zusammengekauften Lebensmitteln und Geschenken für die Verwandtschaft auf dem Land, haben ihre Ehefrauen, Ehemänner, Kinder und sonstigen Lieblinge ins Auto gepackt und stürzen sich raus aus Riga, wie die Verrückten, sag ich Ihnen, wie gebrannt und gesengt. Zu Mama, ins Landhaus oder die Datscha.
Ich war auf dem Weg zu meiner Tochter.

Im Moment steckte ich allerdings noch vor der Stadtgrenze von Riga im Stau und wartete an der Ampel auf Grün. Seit einigen Jahren schon verbringen mein Mann und ich mit unserer Tochter und anderen Kindern aus der Verwandtschaft die Sommer auf „unserem Hof“, dem Haus Mežķidi. Das heißt, Otto und ich sind natürlich unter der Woche in Riga, nur an den Wochenenden und Feiertagen fahren wir nach Mežķidi raus. Ins Grüne und zu unserem Kind, das den Sommer dort mit meiner Schwiegermutter verbringt. Sie ist pensionierte Lehrerin für lettische Sprache und Literatur. Bekanntlich ist das kein Beruf, sondern eine Diagnose, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ach ja, die liebe Schwiegermutter, sie ist auch der Grund, weswegen ich es heute nicht besonders eilig habe…

Aber dieser Abend ist etwas besonderes. Ein Feiertag steht bevor, ein feierlicher Abend.

Johannisnacht. Mittsommer!

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Das Champignonvermächtnis

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Laima Muktupāvela: Das Champignonvermächtnis

Lettisches Original: Šampinjonu derība. Rīga: Daugava, 2002

Aus dem Lettischen von Berthold Forssman

Bonn: Weidle Verlag, 2008

 

EINEM GESCHENKTEN GAUL SCHAUT MAN NICHT INS MAUL

Der Rekrutenwerber greift flink nach dem Umschlag, den ich ihm hinhalte, und überfliegt mit routiniertem Blick die Scheinchen. Und von denen ist eine ganze Menge drin: grüne Dollars, aber auch 50-Lat-Scheine mit Segelschiffen, die aussehen wie geklont. Als Gegenleistung reicht er mir ein Ticket Riga-Kopenhagen-Dublin.

Ich bekomme noch ein paar erbauliche Worte mit auf den Weg: Niemand hält dich dort fest, und wenn es dir nicht gefällt, dann kommst du halt nach einem Jahr wieder nach Hause zurück, überweis das Geld per Bank, bloß nicht per Brief nach Hause schicken, denn damit subventionierst du die diebischen lettischen Postboten, sieh zu, daß du die Sprache lernst, den Weg wird du schon irgendwie finden, na, dann mal Hals- und Beinbruch! Und gleich geht’s weiter beim nächsten. Leute meines Schlages, von denen er Vermittlungsgebühren kassiert. Leute, die unsicher sind und Angst haben wie vor einem Kopfsprung ins Wasser, von dem man nicht weiß, wie tief es ist.

Im Rekrutenwerber-Büro wartet eine ganze Reihe von uns. Und wir alle sollen schon übermorgen ins gelobte Land fliegen.

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