Die Sache

Māra Zālīte: Paradīzes putni (Paradiesvögel) Riga 2017
Erstes Kapitel. Aus dem Lettischen von Nicole Nau

„Wie war’s in der Schule?“ fragt Mima wie jeden Tag, während sie Laura hilft, den schweren Schulranzen abzustreifen. „Hast du da denn Steine drin? Also, wie war’s heute?“
„Gut“, antwortet Laura wie jeden Tag.
„Geht das vielleicht ein bisschen ausführlicher? Wie soll man aus einem einzigen Wort klug werden?“ Mima reicht das nicht.
„Aivars hat mich beinah erwürgt!“ ergänzt Laura zufrieden. Überhaupt war das ein richtig schöner Tag gewesen.
Was denn so schön gewesen sei?
„Alle Lehrer sind krank. Grippe.“
Ach so. Das ist nun wirklich sehr schön. Mima freut sich sehr. Sie hat Dörrapfelsuppe mit Klüten gekocht.
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Die Bäume von Straumehni. Eine Übersetzungsprobe

„Straumēni ist ein sehr altes Gehöft. Davon zeugen die großen Bäume, die um seine Gebäude herum wachsen. Sie sind nicht etwa die Überbleibsel eines alten Waldes, die ein Mann früherer Zeiten beim Roden hat stehen lassen, um kommenden Generationen seine Beharrlichkeit und Kraft zu beweisen. Wälder hat es hier nie gegeben. In diesem Gebiet hat es der Natur überall gefallen, das Übermaß ihrer Kraft im Gras der Wiesen zu beweisen. Wiesen ergießen ihre geschmeidigen Rücken hier von Westen nach Osten auf einer Breite von zwanzig Werst, wie Wasser, dem Gott bestimmt hat, an einem Ort zu bleiben und zu wogen.“
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Vater, Mutter, Meer

Ein Ausschnitt aus Andra Manfeldes Roman „Virsnieku sievas“ (Offiziersfrauen). Rīga: Dienas Grāmata, 2017
Aus dem Lettischen von Nicole Nau

Das Meer wie eine beschlagene Scheibe. Du schaust in die Ferne und siehst nichts. Pustest, wischst die Brillengläser mit einem Zipfel deiner Hosentasche ab und arbeitest weiter. Fragen sind überflüssig. Was bringen Fragen über das, was man nicht ändern kann? Auch im Schlaf bist du auf Posten, wenn du deine Frau an die Hand nimmst, bist du auf Posten, oder du schläfst. Du gehst ihr das Meer zeigen. An jenem Tag gab es überhaupt keine Wellen. Auch keine Schiffe. Ein paar Grenzschützer verschmolzen ihre Silhouetten in der Ferne mit den Weiden. Betonsterne lagen hilflos herum, eingezwängt auf den Schrägen der Mole, sie erinnerten an angespülte, schwarz gewordene Schrottteile. Hinter die Absperrung dürfen Zivilisten nicht.
„Wie schön.“ Die Frau blickte lange aufs Meer oder in Richtung Leere. Als Kind der Steppe bemerkte sie nicht, dass das Meer an jenem Tag langweilig war wie eine Zeitung, wie das Leben. Ein blanker Kessel aus bläulichem Gusseisen, ohne eine einzige Wellenbeule. Die Sonne hatte die Schatten in der Niederung verschluckt und streichelte nun immer heißer ihre Gesichter. Die Weiden standen in Ruhestellung. Seine Tochter fragte, ob die Sowjetunion genau dort aufhörte, wo das Meer anfing. Sie zog mit ihrem Fingerchen eine Grenzlinie in den Sand, aber das Salzwasser schwappte seine Unbeweglichkeit und Entschlossenheit darüber, und innerhalb einer Minute war die kleine Grenzrinne zu und die weißen Söckchen und Sandalen der Tochter waren nass. Seine Frau fing an zu schimpfen, nasse Sandalen würden ihre Form verlieren, die Füße würden ohnehin zu schnell wachsen, da käme man nicht hinterher, Lera solle sofort die Schuhe ausziehen und vom Meer weggehen. Er fühlte sich alt und müde. Jetzt bist du ganz oben, Oberst.
Die Arbeit ist ein Posten, die Familie ist ein Posten, der Körper ist ein Posten. Du stehst Wache wie das ewige Feuer und niemand, verdammt, niemand kommt dich ablösen. Lange noch wirst du hier der Hauptkerl mit den Schulterstücken sein, zumindest in dieser Keimzelle der Gesellschaft, zu lange, um darüber nicht zu wimmern, wenn man in der Einsamkeit auf die Knie fällt und den Flachmann an die Brust drückt. Wacht darüber, dass das Feuer niemals verlöscht! Ruhm und Ehre den Helden des Vaterlands! Ruhm denen, die niemals weichen und die siegen werden! Ruhm denen, die das Teuerste hingaben!
„Papa, hört hier die Heimat auf?“
Ja, so könnte man sagen.
Schau, hier verschwindet der Rand unseres Staates im Meer. Fern im Zentrum von Liepāja ist der Sand wie gelber Puderzucker, die Dünen sind damit bestreut wie Pfannkuchen, durch Lachen und Niesen wird der Sand in alle Richtungen verteilt. Hier in der Militärstadt ist der Sand grau und grob gemahlen, er erinnert an den Teig, den man in Kastenformen gießt um Brot zu backen. Sieh, die Wellen verzieren die Grenzen unserer Heimat mit glattgewaschenen Steinen, Glasscherben, roten Ziegelsplittern. Schmücken sie mit Bernstein, mit Muscheln, mit dem weichen Seegras, das in der Tiefe des Meeres wallt wie flaumiges grünes Haar, doch wenn es an Land gespült wird, anfängt zu stinken.
„Mama, wann gehen wir ans Meer?“
„Wenn Papa heimkommt.“
Papa kommt zusammen mit der Dunkelheit heim. Die Dunkelheit öffnet die Tür und lässt Papa ein.
„Bist du noch nicht im Bett? Jetzt aber…“
„Papa, Papa!“

Mütter und Töchter (3). Inga Gaile.

Die Zeit macht aus mir eine Esche am Rand der Allee, die Zeit macht aus mir diesen farbigen Himmel, unter dem ich über den Hof meinen Mannes, meines ermordeten Mannes, schreite, die Zeit verschwägert mich mit der Bienenkönigin, die Zeit verwandelt mich. Die Zeit heilt mich und deckt mich zu. All diese Zeilen gehen mir nicht aus dem Kopf, je weiter sich meine Bücher von mir räumlich entfernen, desto mehr kommen Zeilen aus Gedichten und Romane hervor, Sätze, die ich, bevor ich zwanzig war, in verschiedenen Altersstufen gelesen, gelernt und eingepaukt habe. Vale et me ama! Quod licet Iovi, non licet bovi! Auf Latein natürlich nur das Allerbanalste und dann noch alle Bezeichnungen vom Bau des menschlichen Körpers. Einige Wörter, die den Namen von Pflanzen oder von weiblichen Organen ähneln, sinus maritimus, coitus, agina. Sie verweben sich zu einem einheitlichen Gewirr. Einem einheitlichen Blumengewinde. Die Zeit verwandelt mich, doch ich werde bei dir sein wie ein vergessener Handschuh auf weißem Marmorgesims, wie der Wind, der in die Locken deiner Tochter einfällt, die Zeit verwandelt mich, doch ich werde bei dir sein.

Ich stehe an Martins Regalen, beide Türen geöffnet. Dicke Glasscheiben schützen die Bücher vor Staub und Sonne. Es ist schwierig, in den Regalen eins meiner Bücher zu finden. Irgendwo müssen Rilkes Sonette an Orpheus stehen, die mir meine Mutter geschickt hat. Das ist das einzige Geschenk, dass mir meine Mutter in den siebzehn Jahren, in denen ich sie nicht gesehen habe, gemacht hat. Vor siebzehn Jahren kam sie hier auf den Hof und verkündete, dass Karlis mit ihr gehen würde, dass sie überhaupt nicht verstünde, warum ich ihn zu mir holen musste, wo ich doch schon vier Jahre problemlos ohne meinen Sohn ausgekommen war. Es war Krieg, Mamma. Und ich war drei Jahre fort. Warst du denen dort etwa wichtiger als deinem Sohn? Ich konnte nicht, flüsterte ich auf Lettisch. Ich bin gekommen, als ich konnte. Nun gut, aber jetzt muss er auf eine Schule. Sie erhob sich und zog die Handschuhe wieder aus. Sie nahm sie in die andere Hand, schlug sich damit auf die Handfläche und fragte: wo ist er? Es war Juni, er war draußen, als er Johanna sah, fiel er ihr um den Hals, packte schnell seine Sachen zusammen und fuhr mit ihr weg. Mamma, das ist doch besser für mich. Natürlich, mein Sohn, sagte ich. Natürlich war es besser für ihn. Auch wenn ich gerade angefangen hatte zu glauben, dass wir so etwas wie eine Familie werden könnten. Die einzige Nachricht von Johanna kam vier Jahre später in Form dieses in roten Samt gebundenen Gedichtbandes.

Inga Gaile: Stikli. Rīga: Dienas Grāmata, 2016.
Ausschnitt, aus dem Lettischen von Nicole Nau

Mütter und Töchter (2). Nora Ikstena.

Nora Ikstena: Muttermilch
Rīga: Dienas Grāmata, 2015.

Ausschnitt aus dem Roman, aus dem Lettischen von Nicole Nau

Zwei Tage später wurde ich aus dem Unterricht heraus in das Zimmer der Direktorin gerufen. Dort saß ein Mann in einem grauen Mantel. Die Direktorin sagte, der Genosse wolle sich mit mir unterhalten.
Ich war kein ängstliches Mädchen, aber aus irgendeinem Grund überkam mich eine fürchterliche Panik. Richtige Todesangst beim Gedanken, dass ich mit diesem Genossen allein im Büro der Direktorin bleiben sollte. Ich muss so blass geworden sein, dass die Direktorin erschrak, denn sie ließ mich mich setzen und schenkte mir ein Glas Wasser ein. Ach du meine Güte, wie dir das Herz schlägt, sagte sie. Vielleicht sollte ich die Krankenschwester rufen? Vielleicht warten wir? Sie blickte bittend auf den Genossen, der unerschütterlich an ihrem Tisch saß und mit seinen dicken Fingern darauf trommelte. Nein, jetzt. Gehen Sie, sagte er in harschem Ton zur Direktorin.
Wir blieben zu zweit im Zimmer zurück. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. So ist das wahrscheinlich, wenn man stirbt, dachte ich.
Der Genosse fasste mich schmerzhaft an der Schulter und zog mich auf einen Stuhl ihm gegenüber.
Jetzt Schluss mit dem Gezappel und antworte auf meine Fragen, sagte er.
Hat deine Mutter dir jemals etwas erzählt, was du nicht in der Schule lernst?
Ich fing an zu weinen. In dem Moment begriff ich, dass die einzigen Verdächtigen in der Sache mit der Kreideschrift auf dem Asphalt wir waren, meine Mutter und ich. Wie ungerecht, wie gemein.
Beruhige dich und antworte mir. Vorher kommst du hier nicht raus, sagte der Genosse mit verärgerter Stimme.
Und da beruhigte ich mich zu meinem eigenen Erstaunen. Eine unglaubliche innere Kraft machte mich ruhig. Ich zog laut Luft ein und sagte: „Ja, sie hat mir erzählt, wie die Kinder entstehen. Sie ist Ärztin, sie weiß das, und ich weiß das jetzt auch. In der Schule habe ich das nicht gelernt.“
Der Genosse saß da wie ein begossener Pudel. Und ich fühlte, wie meine unterbewusste Angst nachließ und ich mich nicht mehr fürchtete. Ich fühlte so etwas wie einen süßen Kloss in meinem Hals, ich hatte das Gefühl, er könne mir gar nichts tun und er würde niemals, unter keinen Umständen, etwas aus mir herausbringen. Nichts, niemals. Nichts über meine Mutter, nichts über die Freiheit, nichts über die Läuse, nichts über die Sklaven. Das würde er niemals erfahren.
Der Genosse fühlte sich sichtbar unbehaglich.
Ist das alles, was sie dir erzählt hat?
Nein, das ist noch nicht alles. Sie hat mir aufgezeichnet, wie das Baby in der Gebärmutter liegt und wie schwierig es ist, herauszukommen. Und überhaupt, wie schwer es ist, auf die Welt zu kommen.
Der süße Kloss in meinem Hals machte mich stark. Ich sah, wie das verschwitzte Gesicht des Genossen auseinanderlief. Wie er sein schmutziges Taschentuch herauszog und sich abwischte.
Es braucht viel Kraft, sagte ich, damit das Baby aus der Mutter herauskommt. Meistens kommt der Kopf zuerst.
Danke, das genügt, sagte der Genosse. Keine weiteren Fragen. Er stand auf, öffnete die Tür und rief die Direktorin herein, die gehorsam draußen gesessen und gewartet hatte.
Alles in Ordnung hier, sagte der Genosse. Ich sah eine ungeheure Erleichterung in den Augen der Direktorin.
 

Mütter und Töchter (1). Kristīne Ulberga.

Aus Kristīne Ulberga: Die grüne Krähe

Ein anderer Morgen. Das Haus ist still wie ein Grab oder aber mein Haus ist ein Traum, ein aufgeräumter, frisch geputzter Traum, und ich schlafe, eine kleine Prinzessin. Meine Mutter nennt mich Prinzessin, wenn sie böse ist. Doch mein Vater ist kein König, das weiß ich genau. Könige arbeiten nicht Tag und Nacht an Postmaschinen, Könige beschummeln nicht den Staat, Könige klauen keine Briefmarken von Umschlägen, um ihren Kinder eine Freude zu machen. Nein, mein Vater ist kein König, und ich bin keine Prinzessin, aber meine Mutter ist ein Dienstmädchen, das sagt sie oft, als würden wir es nicht sehen. Ihre Kleider sind alt, es lohnt nicht mehr sie zu waschen – so sehr hat sich der Dienstmädchenschweiß dort eingesaugt, auf ewig. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter je nach echter Mutter gerochen hätte, denn sie raucht. Sie raucht, wenn sie auf dem kleinen Küchenhocker sitzt, die Augen zu, die Beine auseinander, ihr Frausein vergessen. Sie ist keine Königin und mein Vater ist kein König und ich bin keine Prinzessin. Heute ist mein Geburtstag, und an einem solchen Tag ist jeder Gassenhund das glücklichste Wesen auf der Welt, weil die ihn an diesem Tag empfangen hat. Und dann lernt der Gassenhund bellen, sein Territorium abpinkeln, mindesten einmal im Leben den Menschen beißen, der sich als sein Herrchen ausgibt, und so weiter. Ich habe wohl auch meine Mutter gebissen und bepinkelt, denn sie war mein Territorium. Keine einzige Mutter weiß, wenn sie ein Kind zur Welt bringt, dass es sie bepinkeln und auch noch beißen wird.

Deutsch von Nicole Nau

Mehr aus diesem Buch hier.

Aus allen Wolken

Mitunter fliegen die Seen aus der Folklore auch in die moderne Literatur. Wie in diesem Roman von Pauls Bankovskis, dessen Anfang schon in einem früheren Beitrag zu lesen war.

Pauls Bankovskis: Offshore.
Rīga: Valters un Rapa, 2006

Auszug. Übersetzt von Berthold Forssman

[Ende von Kapitel 5]

Sicherheitshalber sah ich noch einmal hinunter. Wenn das jetzt nur ein Trugbild war, und keine Insel? Aber die Insel war noch immer genau am selben Fleck, nur dass wir inzwischen schon über sie hinweg geflogen waren, und in wenigen Augenblicken würde ich sie schon nicht mehr sehen können. Ich wusste, dass der Flugbegleiter gleich wieder zurückkommen und irgendeinen Namen nennen würde, der mir vollkommen gleichgültig war und den ich noch nie zuvor gehört hatte. Vielleicht würde ich auch ein paar Informationen über die Zahl der Einwohner, deren Religionszugehörigkeit und die klimatischen Verhältnisse auf der Insel zu hören bekommen. Aber in mir erwachte die Sehnsucht, der Steward möge meine Bitte vergessen haben. Oder es möge etwas dazwischenkommen, und er würde mein Anliegen zwangsläufig vergessen. Vor allem darum, weil ich die Umrisse der Insel gesehen hatte. Nein, es war nicht ihr Gesicht, ganz und gar nicht. Es war überhaupt kein Gesicht.
Aber ich kannte diese Konturen. Und umso mehr wünschte ich, ich hätte niemals den Flugbegleiter gerufen und er möge nicht versuchen, mir auf meine Frage zu antworten.

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