Die Sache

Māra Zālīte: Paradīzes putni (Paradiesvögel) Riga 2017
Erstes Kapitel. Aus dem Lettischen von Nicole Nau

„Wie war’s in der Schule?“ fragt Mima wie jeden Tag, während sie Laura hilft, den schweren Schulranzen abzustreifen. „Hast du da denn Steine drin? Also, wie war’s heute?“
„Gut“, antwortet Laura wie jeden Tag.
„Geht das vielleicht ein bisschen ausführlicher? Wie soll man aus einem einzigen Wort klug werden?“ Mima reicht das nicht.
„Aivars hat mich beinah erwürgt!“ ergänzt Laura zufrieden. Überhaupt war das ein richtig schöner Tag gewesen.
Was denn so schön gewesen sei?
„Alle Lehrer sind krank. Grippe.“
Ach so. Das ist nun wirklich sehr schön. Mima freut sich sehr. Sie hat Dörrapfelsuppe mit Klüten gekocht.

Laura erfüllt ihre Hausaufgaben. Aufgaben muss man erfüllen. Komisch ist das schon. Niemand sonst muss seine Hausaufgaben erfüllen, die anderen machen sie einfach. Mima muss das Wassertragen nicht erfüllen. Mima muss das Ofenanzünden nicht erfüllen. Mima muss das Apfelsuppekochen nicht erfüllen. Niemand muss seine Hausaufgaben erfüllen. Aber Laura muss sie erfüllen! Erfüllen, das klingt viel wichtiger als machen.

„Mima, wann machst du wieder Himmelsbrei?“
„Was für einen Brei? Kenne ich nicht.“
„Kennst du doch. Hatten wir am Sonntag.“
„Am Sonntag? Meinst du Himmelsmanna?“
„Ja, das himmlische Manna.“
„Gut, dass du das sagst. Ich habe gerade daran gedacht, dass wir etwas zum Nachtisch brauchen. Dein Vati kommt nach Hause.“
„Ja?“ Laura schiebt den Stuhl zur Seite und macht einen Freudensprung. „Ja! Ja! Vati! Vati!“
„Ach du mein Himmelsbrei!” seufzt Mima.

Wenn Vati bloß schneller nach Hause käme. Wegen Rechnen. Für Laura ist in der Schule alles ein Kinderspiel, außer Rechnen. Diese Textaufgaben. Im Schulspeisesaal stehen sieben Tische. An jedem Tisch sind vier Plätze. Sieben Schüler einer Klasse setzen sich zu Tisch. Wie viele Plätze bleiben frei? Laura kommt nicht drauf. Wenn sie sich nun alle an einen Tisch setzen? Wenn sie die Tische zusammenschieben und einen großen gemeinsamen Tisch daraus machen? Was hat das zu bedeuten, dass die Sieben aus einer Klasse sind? Warum eigentlich gerade sieben? Wie die sieben Zwerge, wie die sieben Geißlein, wie die sieben Wochentage. Das hat bestimmt einen verborgenen Sinn. Da ist irgendeine Falle. Lauras Gedanken flattern hin und her wie Fledermäuse im Dunkeln. Der Hals tut ihr weh.

„Mima!“
„Was ist denn nun schon wieder?“
„Was ist eine Sache?“
„Eine Sache? Na, der Tisch zu Beispiel. Oder hier dein Lineal. Überall sind Sachen. Sachen liegen überall herum. Die Teller. Pantoffeln.“
„Pantoffeln! Nein, das kann nicht sein.“
„Warum nicht?“
„Pantoffeln sind etwas völlig anderes. Diese Sache ist etwas völlig anderes.“
„Und was ist dann dieses völlig andere?“
„Die Sache der Kommunistischen Partei. Was ist das?“
„Grundgütiger!“
„Was ist das für eine Sache?“ Laura gibt keine Ruhe.
„Mach deine Hausaufgaben und drisch kein leeres Stroh!“
„Mima!“
„Ich muss jetzt nachsehen, ob der Teig endlich mal aufgeht. Ob aus den Piroggen für heute Abend noch was wird.“

Mima ist sauer. Wieder schlechte Hefe. Und irgendwie schämt sie sich. Laura fühlt das.
Vielleicht hätte sie nicht fragen sollen. Vielleicht ist es Mima peinlich zuzugeben, dass sie nicht weiß, was die Sache der Kommunistischen Partei ist. Alte Leute wissen das vielleicht auch nicht. Schade, dass Mima das vor Laura peinlich ist. Sie könnte ja sagen, dass sie es nicht weiß, und fertig. Aber Laura will es wissen. Laura muss es wissen, denn sie muss dafür kämpfen.
Am Jahrestag der Oktoberrevolution wurde die ganze Klasse bei den Pionieren aufgenommen. Sie mussten weiße Blusen haben. Die Jungs weiße Hemden. Alle bekamen ein rotes Halstuch genäht. Dann musste Laura den Pioniereid leisten.

„Ich, Laura, trete der Allsowjetischen Pionierorganisation bei und gelobe feierlich vor meinen Kameraden: mein Heimatland voll Hingabe zu lieben; zu leben, zu lernen und zu kämpfen, wie es uns der große Lenin aufgetragen hat und die Kommunistische Partei lehrt; die Regeln der sowjetischen Pionierorganisation immer treu zu erfüllen.“

Laura hat den Eid haargenau so gesprochen, ohne auch nur einmal ins Stocken zu geraten. Alle Kinder haben den Eid gesprochen. Nur Ludis hat sich drei Mal verheddert, aber die Pionierleiterin hat ihm geholfen. Und dann hat die Pionierleiterin jedes Kind einzeln streng gefragt:
„Bist du bereit zum Kampf für die Sache der Kommunistischen Partei?“
„Immer bereit!“
So hatten sie alle antworten müssen.
Die Pionierleiterin hatte gefragt und die Kinder hatten geantwortet. Den Arm musste man anwinkeln und die Hand über die Stirn heben, als ob man die Augen vor einer grellen Sonne schützen wollte. Laura war auch gefragt worden: „Bist du bereit zum Kampf für die Sache der Kommunistischen Partei?“ und Laura hatte auch geantwortet: „Immer bereit!“ In solchen Situationen kannst du nicht anfangen darüber nachzudenken, ob du bereit bist oder nicht. Alle warten auf deine Antwort. Trotzdem lässt es Laura keine Ruhe.

Wie viele Plätze bleiben an den Tischen im Speisesaal frei? Sieben Tische, genau sieben.

Und wenn man Laura nun schon morgen zum Kampf ruft? Was wird sie dann machen? Wenn man sie alle gleichzeitig rufen würde, dann ginge das ja noch. Sie würde dann von den anderen abgucken. Es den anderen nachmachen. Aber wenn man nun Laura ganz allein zum Kampf für die Sache der Kommunistischen Partei ruft? Was dann? Was ist das nun eigentlich für eine Sache, und wie soll man dafür kämpfen? Jetzt ist es zu spät, die Pionierleiterin zu fragen. Laura hat gelobt, dass sie kämpfen wird. Wenn bloß Vati schneller heimkäme. Er weiß das bestimmt!

Das Halstuch! Das ist wirklich schön! Aus roter Seide. Das Halstuch ist ein kleines Stückchen von der großen Fahne des Arbeiterstaates. Von der Fahne der mächtigen Sowjetheimat. Wenn ihr das jemand anders erzählt hätte, würde Laura das ja nicht glauben. Aber der Pionierleiterin glaubt Laura. Das Halstuch hat drei Ecken, und das nicht einfach so. Das hat einen Sinn. Die eine Ecke sind die Pioniere, die zweite der Komsomol und die dritte die Kommunisten. Laura glaubt der Pionierleiterin, denn die ist jung und hübsch und sie hat ein Damenrad mit einem bunten Netz. Diese drei Ecken muss man verstehen als Symbol für die Einheit der sowjetischen Generationen. Laura tut so, als ob sie es verstünde, denn die Ränder des Halstuchs sind so hübsch gesäumt.
Blöd bloß, dass das rote Halstuch jeden Morgen gebügelt werden muss. Mima will von der Einheit der Sowjetgenerationen nichts hören. Mima wird Lauras Halstuch nicht plätten! Laura kann das selbst plätten. Und die Bänders kann sie gleich mit plätten. Ist ja schon gut. Seit sie ein neues und wunderschönes hellblaues elektrisches Bügeleisen mit Holzgriff haben, kann Laura selber bügeln.
Aber bitteschön bügeln. So heißt das richtig, nicht plätten. Das ist auch kein Plätteisen, sondern ein Bügeleisen. Und es heißt nicht Bänders, Mima, sondern Bänder. Das Band, die Bänder. Der Band, die Bände. Mima soll auch wissen, wie es richtig heißt.

Im Speisesaal stehen sieben Tische. An jedem Tisch sind vier Plätze. Sieben Schüler einer Klasse kommen und setzen sich zu Tisch. Laura sieht den Speisesaal, sie riecht das Sauerkraut, sie stellt sich viereckige Tische vor. Halt, steht in der Aufgabe, dass die Tische viereckig sind? Steht da nicht. Nur, dass es vier Plätze gibt. Da können die Tische auch rund sein. Wie viele Plätze bleiben frei? Nein, Lauras Kopf ist ein Karussell. Dort drehen sich das Himmelsmanna, die Sache, für die Laura zu kämpfen bereit sein muss, das Halstuch, das Bügeleisen, der Speisesaal mit vier Plätzen an jedem Tisch, die sieben Geißlein und Pawlik.
Pavel_Morozov
Pawlik ist ein schöner Junge. Mit hellem Haar und einem reinen, schmalen Gesicht. Gut, dass das Gesicht so schmal ist. Wenn Pawliks Gesicht rund und voll wäre und speckig wie das vom Gorilla Smirnow, dann würde Pawlik Laura nicht gefallen. Jedenfalls nicht so schrecklich. Auf dem Foto lächelt er traurig. Auch das ist gut. Wenn Pawlik immer breit grinsen würde wie Ludis, würde das Laura echt abstoßen.
Pawliks Bild hängt im Klassenraum an der Wand. Wenn sie daran denkt, steigt Laura die Hitze ins Gesicht, denn das gleiche Foto war auch in dem Buch, das im Pionierzimmer neben der Trompete, der Trommel und der Fahne der Einheit steht. Es war… Aber jetzt nicht mehr. Laura fühlt ein Ziehen in der Brust bei der Erinnerung daran, dass sie es da rausgerissen hat. So sehr wollte sie ihren Pawlik auch zu Hause haben! So furchtbar schrecklich sehr! Laura hat eine große Sünde begangen, das ist ihr bewusst. Die große Sünde, die Tische im Speisesaal mit den vier Plätzen und den sieben Schülern und diese Sache, für die sie vielleicht schon morgen, vielleicht schon heute Nacht zum Kampf gerufen wird, all das schnürt Laura den Hals zu.

Dafür kann sie jetzt Pawlik so viel anschauen, wie sie will. Laura wird schwindlig vor Glück. Sie wird Pawlik zurück ins Pionierzimmer bringen, wenn sie sich sattgesehen hat. Über ihrem Bett hängt Tante Tilli. Natürlich nicht Tante Tilli persönlich, sondern ihr Bild. Mimas Schwester aus Melluži. Laura nimmt das alte Bild runter und befestigt Pawlik über Tante Tilli. Wenn man ihn mit Knete festklebt, hält sich Pawlik ziemlich gut. Laura streichelt das schöne und traurige kleine Gesicht des Jungen. Drückt ihn voll Liebe und Mitleid an ihre Brust. Streichelt ihn nochmal, nimmt dann ihren Mut zusammen und küsst ihn. Laura küsst das Bild viele Male, dann hängt sie es auf. Den ganzen Abend schaut sie glücklich zu Pawlik hoch.
Aber was ist das? Am nächsten Morgen ist Pawlik nicht mehr im Bild. Dort ist wieder Tante Tilli mit ihrer dummen runden Brille. Pawlik! Wo bist du? Wo bist du hin? Wer hat Pawlik abgenommen, ihren süßen, traurigen, lieben Pawlik? Wie kann Laura Pawlik jetzt zurückbringen? Was wird geschehen, wenn herauskommt, dass Laura ihn aus dem großen Buch im Pionierzimmer gerissen hat? Pawlik! Pawlik!

„Was zum Teufel ist das für ein Pawlik?“
Vati! Das war Vatis Stimme. Mima antwortet ihm nicht, sondern fragt ärgerlich zurück: „Woher soll ich das wissen?“ Und dann: „Das Kind glüht ja!“ Was für ein Kind? Laura spürt im Schlaf, dass Vati zu Hause ist. Er ist zurück von den Sboris. Oder aus Sbori? Der Ort scheint weit weg zu sein, denn Vati war lange fort.
„Wir müssen Fieber messen.“ Laura hört diese Worte, bevor ihr Kopf kippt und ihr schwarz vor Augen wird.

Vati! Vati! Laura muss ihm sofort erzählen, was mit Pawliks Vati passiert ist. Laura muss ihren eigenen Vati vor der schrecklichen Gefahr beschützen. Vati! Vati! Sie muss ihm erzählen, dass Pawliks Vati einmal zwei Säcke Getreide versteckt hatte. Das war sehr schlecht von ihm, Vati muss das wissen. Alles Getreide hatten sie der Sowjetmacht abzugeben, aber Pawliks Vati wollte es nicht abgeben. Er wollte alles für sich behalten, nur für sich, ganz allein für sich, aber es musste doch für alle sein. Pawlik konnte das nicht ertragen und ging zur Sowjetmacht. Ging hin und sagte ihnen, wie unrecht sein Vati gehandelt hatte.
„Pawlik, du bist ein guter Junger, ein echter Pionier“, sagte die Sowjetmacht. „Jetzt zeig uns, wo dein Vati die Säcke versteckt hat“, forderte ihn die Sowjetmacht auf.
Pawlik zeigte es ihnen.
„Gut gemacht, Pawlik!“ sagte die Sowjetmacht und erschoss Pawliks Vati.

Pawliks Vati war selbst schuld. Warum hatte er zwei Säcke Getreide versteckt? Er wusste doch, dass er nichts verstecken durfte! Er wusste das gut. „Wenn du etwas versteckst, wird es dir schlecht ergehen, sehr schlecht“, hatte die Sowjetmacht klar und deutlich gesagt.
Trotzdem hatte er die Säcke versteckt.
Und dann wurde Pawliks Großvater, der war nämlich auch da, vom Wahnsinn befallen. Er knallte völlig durch, fiel in geistige Umnachtung, oder vielleicht ins Delirium, und, wie entsetzlich: er hat Pawlik erschossen! Seinen Enkel, den süßen Pawlik! Am Ende hat der irre Alte sich dann selbst die Kugel gegeben. Das konnte er ja gerne tun, aber den lieben, süßen Pawlik erschießen? Warum?

Pawlik hatte doch nur gewollt, dass alles seine Ordnung hat. Dass alles ehrlich und gerecht abläuft. So, wie es ihnen die Pionierleiterin und alle Lehrer immer sagen. Er hatte den Pioniereid geleistet: „Ich, Pawlik, trete der Allsowjetischen Pionierorganisation bei und gelobe feierlich, immer und überall so zu handeln, wie Lenin es lehrt, wie die Kommunistische Partei es lehrt.“
Pawlik war seinem Schwur treu geblieben, und deshalb ist er ein Held. Und deshalb heißt Lauras Pioniergruppe nach ihm. Nach Pawlik Morosow.
Laura liebt Pawlik, sein helles schmales Gesicht, seine traurigen lieben Augen. Trotzdem ist ihr klar, dass sie seiner ganz und gar nicht würdig ist und dass sie nie und nimmer eine Heldin sein wird, denn sie könnte nicht, sie würde nicht… Auch wenn sie es geschworen hat… Wenn Lauras Vati zwei Säcke versteckt hätte…

Vati! Vati! Hörst du? Bitte! Versteck niemals zwei Säcke Getreide vor der Sowjetmacht! Nicht mal einen Sack! Vati! Bitte! Niemals!
Laura weint, aber im Traum muss sie in einem Speisesaal marschieren, in der sieben Schüler aus einer Klasse zu Tisch sitzen. Warum ist es so schwer, die Füße zu heben?

„Müßiggang in unserm Hause
Man nicht finden kann.
Pionierkinder sind fleißig,
Fangen fröhlich an.
Nur wer fleißig bei der Arbeit,
Wird ein echter Mann!“

Nein! Nein! Laura will kein echter Mann werden! Nein! Warum muss Laura ein Mann werden? Laura ist ein Mädchen! Zu ihrem Schrecken sieht Laura, dass die Pionierleiterin schon zum Mann geworden ist. Sie hat einen Bart wie Fidel Castro und Haare an den Beinen, und sie fährt ein Herrenrad. Nicht mehr das Fahrrad mit dem bunten Netz. Laura muss auf der Stange des Herrenrads sitzen, die Pionierleiterin bringt sie fort. Wohin? Laura will runter, aber sie kann nicht. Laura will runter, aber sie kann nicht! Sie will und sie kann nicht! Sie kann nicht runter! Runter! Runter! Sie kann nicht.

AusmaKinder
Bild aus dem Film Ausma. Siehe: Wo ist die Morgenröte?

„Paradiesvögel“ ist die Fortsetzung von „Fünf Finger“. Laura ist jetzt 10 und erlebt den widersprüchlichen Alltag im sowjetischen Lettland der sechziger Jahre.

Der Text auf dieser Seite wurde für einen Workshop übersetzt, zu dem uns „Latvian Literature“ im September nach Riga eingeladen hatte. Danke an alle für die lebhaften Diskussionen und einige Verbesserungsvorschläge, die ich hier eingearbeitet habe!

Anmerkungen

Sbori: obligatorische dreimonatige Wehrübungen für Reservisten in der Sowejtunion. Russisches Wort im lettischen Text.

Das Bild von den Mädchen beim Pioniereid habe ich hier gefunden, das von Pawlik auf der deutschen Wikipediaseite zu Pawlik Morosow. Māra Zālīte meinte allerdings, dass ihr Pawlik viel lieber und nicht so streng ausgeschaut hätte.

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