So und so

Der Herbst kommt und färbt Lettland ein.
Doch weißt du: bemüh dich nicht so.
Mir wird sie immer die Schönste sein
so und so.

Etwas zu groß ist sie, um sie in ein
wärmendes Tuch zu hüllen.
Zu groß, um sie wie ein
Kind an sich zu drücken.

Etwas zu klein ist sie, um allein
die Wege der Welt zu durchschreiten.
Zu klein; ich lass sie nicht allein.
Ich will sie begleiten.

Der Herbst kommt und färbt Lettland ein.
Doch weißt du: bemüh dich nicht so.
Uns wird sie immer die Schönste sein
so und so.

(Text: Māra Zālīte, Melodie: Uldis Stabulnieks; Deutsch: Nicole Nau)

Das schlichteste und ergreifendste der patriotischen Lieder. Meistens wird es allerdings zu getragen vorgetragen. Das obige Video, das Schüler des nach dem Komponisten Alfrēds Kalniņš benannten Musikgynmasiums in Cēsis zu Lettlands 100. gedreht haben, zeigt eine etwas flottere Version.

Hier noch eine andere, offizielle Verson, an der viele bekannte lettische Muiker beteiligt sind.

Die klare Sprache

Eine Hymne an das Lettgallische und Lettgallens heimliche Hymne.
Deutsche Übertragung von Nicole Nau

Anna Rancāne: Skaidruo volūda

Ein Wald singt hell.
Ein Felsen jubelt.
Die Sprache klar
wie Quellwasser.
Ein reiner Quell.

Ein Hündchen bellt.
Ein Feuer knistert.
Die Sprache klar
wie Quellwasser.
Ein reiner Quell.

Im Roggenfeld
schnarrt eine Wachtel.
Die Sprache klar
wie Quellwasser.
Ein reiner Quell.

Mein Heimatland
spricht mich so an.
Die Sprache klar
wie Quellwasser.
Ein reiner Quell.

Hier mit viel Pathos gesungen auf einem herrlich altmodischen Video von 1991:

Aleksandrs Čaks: Fast ein Chanson

Heute früh stieß ich zufällig auf YouTube auf diese schöne Version eines absoluten lettischen Klassikers (ich kenne keine Lett(inn)en, die das nicht kennen):

Musste ich dann doch mal übersetzen. Zum Mitsingen!

Aleksanders Čaks (1901-1950)

Geständnis (Atzīšanās)

Tränenschleier am Glas. Welchen Sinn hat es noch?
Meine Liebe zu Dir kein Geheimnis.
Worin hast du, du Schöne, deine Lippen getaucht,
dass sie brennen wie rote Verheißung?

Im Gewühl der Boulevards hab ich dich einst gesehn
und seitdem finde ich keinen Frieden.
An der Ecke, wo Bettler um Almosen flehn,
tritt die Sehnsucht wie Hufschlag mich nieder.

Jeden Tag, jede Nacht irr ich durch die Alleen,
reiße Blätter vom Baum in der Hoffnung,
dass dein Mund oder Haar sie gestreift haben mag.
Aber leer werf ich sie in die Gosse.

In die Schaufenster blick ich hinein, denn vielleicht
find ich dort deine Augen gespiegelt.
Doch die flatternde Hoffnung meinem Hirn schnell entweicht,
fühl die Zeit nur noch tiefer versinken.

Wo bist du jetzt, mein Freund – in dem Schimmer am Rand
meines einsamen Wolkengesichtes?
Oder bleibt mir von dir nur die Sehnsucht, gebannt
in meine scharfen verstörten Gedichte?

Tränenschleier am Glas. Welchen Sinn hat es noch?
Meine Liebe zu dir kein Geheimnis.
In mein Blut hast du Schöne deine Lippen getaucht,
dass sie brennen wie rote Verheißung.

(Deutsche Übertragung von Nicole Nau, CC BY-ND)

Silberregen fiel vom HImmel

Ein lettisches Volkslied zur Wintersonnenwende

Singbare Übertragung  (nach jeder Zeile singt man Kaladuu, kaladuu)

Silberregen fiel vom Himmel
in der tiefsten Winternacht.

Alle zarten Reiser schwangen
silbern klingend auf und ab.

Kerzen brannten ganze Tage
silberleuchtend eingefasst.

Mondlicht wies der Schar die Wege
Sonnentochter zum Geleit.

Frei gab Sonne ihre Tochter
aus dem Dunkel in die Welt.

(Deutsche Übertragung Nicole Nau)

Ich bin reich

Ich bin reich: mir gehört alles,
was mir widerfahren ist.

Diese Szene stammt aus einem lettischen Kultfilm von 1967, Elpojiet dziļi, oder Četri balti krekli. Der Text ist von Māris Čaklais (1940-2003) und die Melodie von Imants Kalniņš (geb. 1941), der in der Szene kurz zu sehen ist (Minute 1:12, rauchend). Meine Übersetzung ist nicht ganz zum Mitsingen geeignet.

Māris Čaklais: Es esmu bagāts

Ich bin vermögend, alles ist ja mein,
was mit mir jemals geschehen ist.

Schnell verrinnende frohe Stunden
und lange Minuten des Wartens.
Herbstflackern auf den Straßen
und Schlamm an Frühlingstagen.

Das dünne Nachkriegsbrot
und das spätere “iss was du willst”.
Die Sehnsucht nach Zärtlichkeit
und die Liebe selbst.

Gedanken rein wie fallender Schnee
und zwischendrin unreine.
Nackte Offenheit und dann
im Gegenzug Niedertracht.

Schwer ist solche Last, schwer
du kannst gar vergessen, dass du reich bist.

Noch ein Lied aus diesem Film (alle Lieder mit Texten von Čaklais vertont von Kalniņš)

Māris Čaklais: Cik mēs viens par otru zinām

Was denn wissen wir von einander?
Ganz wenig, fast nichts.
Scheinbar feiern wir miteinander,
scheinbar teilen wir Alltagspflicht.

Und doch – was wissen wir vom anderen,
der neben uns am Kreuzweg steht.
Jeder spinnt seinen eignen Faden,
tut so, als wüsste er den Weg.

Jeder von uns legt dem anderen
die Elle des eignen Lebens an.
Um sich dann schrecklich zu wundern,
dass alles anders ist als gedacht.

Dann tun wir so, als wüssten wir vom anderen…
Doch wissen tuen wir fast nichts.
Scheinbar feiern wir miteinander,
scheinbar teilen wir Alltagspflicht.

Sonne, Donner, Daugava

Rainis
 
Sonne gab den Letten Heimat,
wo sich Meer und Land berühren.
Wo sich beider Ränder treffen,
erhielt Lettland Torgewalt.

Lettland hielt zum Tor den Schlüssel,
wachte über Dünas Fluten.
Fremdes Volk kam, brach das Tor auf
und der Schlüssel fiel ins Meer.

Weiße Blitze sandte Donner,
riss den Schlüssel aus der Tiefe.
Lettland schloss den Tod vom Leben,
weißes Meer von grünen Feldern.

Sonne gab den Letten Heimat,
wo die weißen Wogen branden.
Sand bedeckte grüne Felder –
sollten Lettlands Kinder darben?

Sonne hieß den Gott der Menschen
Dünas Graben zu vertiefen.
Tiere halfen, und aus Wolken
ließ Gott Lebenswasser fließen.

Lebensfluten, Todesfluten
bildeten die Daugava.
Tauch ich meine Hand ins Wasser,
spür ich beider Macht in mir.

Deutsche Übertragung von Nicole Nau

Weiterlesen

Trage mich (auf die Melodie von Besame mucho)


Gestern habe ich entdeckt, dass es eine lettische Version des Liedes „Besame mucho“ gibt. Die Worte sind ist aber nicht eine Übersetzung des spanischen Texts, sondern ein Gedicht von Ojārs Vācietis Der Witz ist, dass die erste Zeile lautlich an den spanischen Liedtext erinnert. Die Musik ist eine Adaptation von Raimonds Pauls. Hier können Sie es hören, gesungen vom Schauspieler Ivars Kalniņš.

Hier ist der lettische Text zum Mitsingen mit meiner deutschen Übersetzung zum Verstehen.

Ojārs Vācietis (1933-1983)
Nes mani vēl


Nes mani vēl, nes mani mūžam
Kādas vien jūras un lauki ir – tajos nes
Nesāpēs, nesāpēs mūžam
No miljons rokām šīs vienas paņēmu es
Paņēmu es, paņēmu es, paņēmu es, paņēmu es…


Nes mani vēl, nes mani mūžam
Kādi vien augstumi ir – tajos augstumos nes
Nesāpēs, nesāpēs mūžam
Cik augstu celsi tik reibšu no augstuma es
No augstuma es, no augstuma es, no augstuma es, no
augstuma es…


Nes mani vēl, nes mani mūžam
Nenes vien tur, kur pēdejo reiz‘ visus nes
Nesāpēs, nesāpēs mūžam
Pieneņu ziedā uz tevi kad raudzīšos es
Raudzīšos es, raudzīšos es, raudzīšos es, raudzīšos es…

Trage mich

Trage mich, trag mich für immer
Wo immer Meere und Felder sind, trag mich hinein
Es tut nicht weh, weh tut es nie mehr
Unter Millionen von Händen hab ich die hier gewählt
Die halte ich, die halte ich, die halte ich

Trage mich, trag mich für immer
Wo immer Höhen sind, trag mich hinauf
Es tut nicht weh, weh tut es nie mehr
So hoch du mich hebst, so schwindelt es mich von der Höhe
Mich von der Höhe, mich von der Höhe, mich von der Höhe

Trage mich, trag mich für immer
Nur dorthin nicht, wo am Ende man alle hinträgt
Es tut nicht weh, weh tut es nie mehr
Aus Löwenzahnblüten schau ich dich dann an
Schau ich dich an, schau ich dich an…