Noch was Patriotisches?

Knuts Skujenieks

hab ein klein vaterland
schmal wie zwei händ
hab ein lieb vaterland
warm wie zwei händ
hab ein tief vaterland
bis an mein end

Auf dem Übersetzertreffen in Riga haben wir uns an einem kleinen, auf den ersten Blick schlichten Gedicht von Knuts Skujenieks versucht. Hier ist es im Original mit wörtlicher Übersetzung der Zeilen (wobei „Vaterland“ auch als „Land der Väter“ übersetzt werden kann):

Maza mana tēvu zeme.
Klein (ist) mein Vaterland.
Divu roku platumā.
In der Breite zweier Hände.
Mīļa mana tēvu zeme.
Lieb (ist) mein Vaterland.
Divu roku siltumā.
In der Wärme zweier Hände.
Dziļa mana tēvu zeme.
Tief (ist) mein Vaterland.
Visa mūža garumā.
Das ganze Leben lang.

Alle unter uns, die ins Deutsche, Englische oder Norwegische übersetzen, waren sich einig, dass man das Vaterland nicht mit „Vaterland“, „fatherland“ etc. übersetzen kann. „Heimat“ fand ich genauso unpassend. Mein erster Übersetzungsversuch war daher diese schlichte, etwas holprige Variante:

Klein ist mein Land.
Hat Raum in zwei Händen.
Nah ist mein Land.
Wird warm in zwei Händen.
Weit reicht mein Land.
Bis ans Lebensende.

Auch Ieva Lešinskas englische Übersetzung beginnt „Small is my land“ (das ist auch, nebenbei bemerkt, der Titel einer 2005 in Edinburgh erschienenen Anthologie lettischer Literatur). Ja aber. Vielleicht ist das Vaterland ja doch wichtig. Lässt man es raus, fallen so viele Bezüge weg. Vielleicht ist das Ganze ja doch auch ein bisschen ironisch (auch wenn es in Lettland nicht so aufgesasst wird, im Gegenteil, man schreibt sich diese Verse auf Grußkarten am 18.11. und singt eine vertonte Fassung im Chor, wie ich im Internet sehe). Vaterland, Volkslied, Liebe und Ironie, das braucht etwas Dialekt. Und Kleinschreibung. So kam mir beim Aufwachen heute früh die obige erste Fassung, und nun finde ich die von gestern gar nicht mehr gut. Was meint Ihr?

Ein Tag später wieder Zweifel. Vielleicht sollt man das „Dialektische“ rausnehmen und auf den letzten Reim verzichten? Also so:

hab ein klein vaterland
schmal wie zwei hände
hab ein klein vaterland
warm wie zwei hände
hab ein tief vaterland
lang wie mein leben

Knutifikation

Einer von mehreren etwas seltsamen Trailern zu einem Film über den lettischen Dichter Knut Skujenieks – „Knutifikācija“. Die Worte, die er spricht, habe ich so übersetzt:

Und alle haben es so schwer
Müde die Wolke von ihrem Gold
Müde der Spatz von seinem Flug
Der Stahl von seiner Stählung
Und ich von der großen Entfernung
Müde der Horizont von meinem Blick
Müde der Brief von meinem Geschick
Und du müde von meiner Ermüdung
Und alle haben es so schwer

Nur dass irgendwo eine Maus zu knabbern beginnt
Eine Spinne Fäden zu Luftbrücken spinnt
Ein Löwenzahn langsam ganz langsam einen Stein aufbricht
Deine Hand einen Steckling in Humus sticht
Und alle haben noch eine Hoffnung
Früher oder später

„Im Film “Knutifikation” geht es um den Prozess des Lernens und Bewusstwerdens, darum, wie das von Folgen der Ursachen bestimmte System versucht, den Geist des Individuums zu beherrschen, und dass die menschliche Natur doch nicht immer in der Lage ist, sich damit abzufinden. Der Film folgt Knuts Skujenieks, einem jungen Dichter, der nach seinem Studium in der Hauptstadt auf den Stillstand in der Provinz trifft. Nachdem er sieben Jahren ungerechtfertigt im Gefängnis eingesessen hat, wird er nach seiner Rückkehr noch unbequemer für die Machthaber. Knuts ist kein Revolutionär der Massen, Knuts lehrt, ein Revolutionär in sich zu sein. Die Lehre ist kurz: das Leben ist schwer, die Wahrheit teuer.“ (Text zum Trailer auf YouTube)

In den Jahren in der Strafkolonie bewahrt er sich seine Freiheit in der Dichtung. Seine Gedichte aus dieser Zeit (1963-1969) erscheinen 1990 in dem Band Sēkla sniegā (Samenkorn im Schnee), darunter auch das zitierte Gedicht Und alle haben es so schwer.

Und noch ein Kommentar des Dichters:

SkujenieksNodzerties

Mich totsaufen fände ich einfach langweilig.

Alexandertag

Knuts Skujenieks (*1936)

jahrhundertelang krumm gelegen
viel gereimt
und viel geträumt
dann gereckt und hoch

was wundert dich
dein rückenschmerz?

(aus dem Lettischen von Nicole Nau)

Dieses Gedicht stammt aus Knut Skujenieks kleinem Gedichtband TAGAD ES ESMU ALEKSANDRS (Jetzt bin ich Alexander), der 2006 im Verlag Neputns (Unvogel) erschienen ist. Der 18. November ist nicht nur lettischer Staatsfeiertag, sondern auch Namenstag aller Alexanders.

gadsimtos salīcis
sacerējies
un sasapņojies
tu izslējies stāvus

ko tu brīnies
ka mugura sāp?

Tagad-esmu-aleksandrs_wordpress