Mütter und Töchter (1). Kristīne Ulberga.

Aus Kristīne Ulberga: Die grüne Krähe

Ein anderer Morgen. Das Haus ist still wie ein Grab oder aber mein Haus ist ein Traum, ein aufgeräumter, frisch geputzter Traum, und ich schlafe, eine kleine Prinzessin. Meine Mutter nennt mich Prinzessin, wenn sie böse ist. Doch mein Vater ist kein König, das weiß ich genau. Könige arbeiten nicht Tag und Nacht an Postmaschinen, Könige beschummeln nicht den Staat, Könige klauen keine Briefmarken von Umschlägen, um ihren Kinder eine Freude zu machen. Nein, mein Vater ist kein König, und ich bin keine Prinzessin, aber meine Mutter ist ein Dienstmädchen, das sagt sie oft, als würden wir es nicht sehen. Ihre Kleider sind alt, es lohnt nicht mehr sie zu waschen – so sehr hat sich der Dienstmädchenschweiß dort eingesaugt, auf ewig. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter je nach echter Mutter gerochen hätte, denn sie raucht. Sie raucht, wenn sie auf dem kleinen Küchenhocker sitzt, die Augen zu, die Beine auseinander, ihr Frausein vergessen. Sie ist keine Königin und mein Vater ist kein König und ich bin keine Prinzessin. Heute ist mein Geburtstag, und an einem solchen Tag ist jeder Gassenhund das glücklichste Wesen auf der Welt, weil die ihn an diesem Tag empfangen hat. Und dann lernt der Gassenhund bellen, sein Territorium abpinkeln, mindesten einmal im Leben den Menschen beißen, der sich als sein Herrchen ausgibt, und so weiter. Ich habe wohl auch meine Mutter gebissen und bepinkelt, denn sie war mein Territorium. Keine einzige Mutter weiß, wenn sie ein Kind zur Welt bringt, dass es sie bepinkeln und auch noch beißen wird.

Deutsch von Nicole Nau

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Auf der Welt gibt es sieben Miljarden geteilt durch zwei Vulkane

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Kristīne Ulberga
Auf der Welt gibt es sieben Miljarden geteilt durch zwei Vulkane

Aus dem Lettischen von Nicole Nau
(Ausschnitt aus einem Roman in Vorbereitung)

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Wir hatten abgemacht, dass ich Oma nicht sage, dass ich Papa auf dem Friedhof gefunden habe, denn von Friedhöfen darf man nichts mit nach Hause nehmen, weil sonst das Elend einzieht. Doch wir sind reingegangen.
Jetzt muss ich zu Omas Zimmer gehen, auf der Schwelle stehen bleiben, bis drei zählen und wieder weggehen. Sie wird schweigen und weinen. Diesmal sag ich, dass ich auch Papa mitgebracht habe, der ihr Sohn ist und ein berühmter Schriftsteller und alles, was von Mama übrig ist. Die andere Hälfte des Apfels, vertrocknet, aber mit Samen drin. Oma sagt immer, der Papa interessiert sie nicht, für sie ist nur wichtig, was Papa um sich herum geschaffen hat. Ja, sagt sie, dein Vater, Saifa, ist ein fauler sterblicher Gott, und Götter haben es nicht leicht, wenn sie die Welt aufs Neue erschaffen müssen.
Doch Oma und Opa schlafen. Und Papa ist angezogen ins Bett gefallen, aus dem Mamas Duft noch nicht verflogen ist. Jetzt ist keiner mehr da, der ihn unter Lachen an den Füßen kitzelt, seine Scham entfacht, Socken und Hose auszieht, das Hemd aufknöpft und ihn streichelt. Aus dem Schattenreich kommt Mama nur im Herbst und in Nächten, wenn der Wind auf Schlechtwetter gedreht hat.
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Die grüne Krähe

Kristīne Ulberga: Zaļā Vārna (Die grüne Krähe)
Rīga: Dienas Grāmata, 2012

Ausschnitt, aus dem Lettischen von Nicole Nau

 

Die Klinik ist leer und still. Ich stehe noch immer im dunklen Flur, in dem Schatten über Schatten liegt wie Einwickelpapier, das der Welt größtes Geheimnis verbirgt – Licht. Im Krankenzimmer erwartet mich die Familie, die ebenso der Welt größtes Geheimnis ist und Schicht um Schicht etwas Unverstehbares umhüllt, vielleicht ebenfalls Licht. Aber mir reicht es, ich will nicht mehr enthüllen und entdecken. Mir reicht der Schatten hier in der dunkelsten Ecke des Irrenhausflurs. Überall hallen Geräusche: das Geklapper der eisernen Tragen, die müden Piepser der lebenserhaltenden Apparate, die Sätze der Schwestern, landende Fliegen, Druckergeratter. Am Ende des Gangs rasseln Schlüssel, jemand öffnet eine Tür und aus dem Zimmer meines Arztes tritt ein Mann im grauen Wollmantel. Er sieht aus, als fröre er schon seit damals, als er zwei war und sein Vater beim Versuch, ihn zu wärmen im Schnee zusammengekauert starb. Der Mann im Mantel betätigt den Aufzugsknopf und ich laufe und versuche dabei nicht wie eine Verrückte im gestreiften Schlafanzug auszusehen. Das bringen ja Eltern ihrem Kind bei: hample nicht, tob nicht, sei still, tu nichts im Überschwang, sonst siehst du aus wie ein Blöder, schrei nicht, hörst du, schrei nicht, sonst bringen wir dich zum Arzt, damit er feststellt, ob mit deinem Köpfchen alles in Ordnung ist, benimm dich wie ein Mensch, sonst kriegst du keine Bonbons. Kinder lieben Bonbons, deshalb bleiben sie ruhig. Aber die Erwachsenen im Irrenhaus fürchten die Elektrokammer im dritten Stock, sie brauchen keine Bonbons mehr und sie fürchten nicht die Schläge der Eltern und sie wissen, dass man so leben muss, dass es den anderen gefällt. Deshalb bleibe ich auf dem Treppenabsatz stehen, als die dicke Pflegerin vorbei geht, beiße mir auf die Lippe und blicke in die Ferne. Sie mögen das, wenn man in die Ferne blickt. Auch die dicke Pflegerin blickt in die Ferne, nicht etwa zu Gott, Gott ist hier nebenan, – ihr Blick schweift in ferne Länder, wenn sie ihren Kaffee schlürft und hofft, dass sie eines Tages auswandern und eine gute Stelle bekommen wird, damit sie sich alles kaufen kann, was man zum Leben braucht. Als die Dicke im dunklen Gang verschwindet, flitze ich nach unten.
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