Die grüne Krähe

Kristīne Ulberga: Zaļā Vārna (Die grüne Krähe)
Rīga: Dienas Grāmata, 2012

Ausschnitt, aus dem Lettischen von Nicole Nau

 

Die Klinik ist leer und still. Ich stehe noch immer im dunklen Flur, in dem Schatten über Schatten liegt wie Einwickelpapier, das der Welt größtes Geheimnis verbirgt – Licht. Im Krankenzimmer erwartet mich die Familie, die ebenso der Welt größtes Geheimnis ist und Schicht um Schicht etwas Unverstehbares umhüllt, vielleicht ebenfalls Licht. Aber mir reicht es, ich will nicht mehr enthüllen und entdecken. Mir reicht der Schatten hier in der dunkelsten Ecke des Irrenhausflurs. Überall hallen Geräusche: das Geklapper der eisernen Tragen, die müden Piepser der lebenserhaltenden Apparate, die Sätze der Schwestern, landende Fliegen, Druckergeratter. Am Ende des Gangs rasseln Schlüssel, jemand öffnet eine Tür und aus dem Zimmer meines Arztes tritt ein Mann im grauen Wollmantel. Er sieht aus, als fröre er schon seit damals, als er zwei war und sein Vater beim Versuch, ihn zu wärmen im Schnee zusammengekauert starb. Der Mann im Mantel betätigt den Aufzugsknopf und ich laufe und versuche dabei nicht wie eine Verrückte im gestreiften Schlafanzug auszusehen. Das bringen ja Eltern ihrem Kind bei: hample nicht, tob nicht, sei still, tu nichts im Überschwang, sonst siehst du aus wie ein Blöder, schrei nicht, hörst du, schrei nicht, sonst bringen wir dich zum Arzt, damit er feststellt, ob mit deinem Köpfchen alles in Ordnung ist, benimm dich wie ein Mensch, sonst kriegst du keine Bonbons. Kinder lieben Bonbons, deshalb bleiben sie ruhig. Aber die Erwachsenen im Irrenhaus fürchten die Elektrokammer im dritten Stock, sie brauchen keine Bonbons mehr und sie fürchten nicht die Schläge der Eltern und sie wissen, dass man so leben muss, dass es den anderen gefällt. Deshalb bleibe ich auf dem Treppenabsatz stehen, als die dicke Pflegerin vorbei geht, beiße mir auf die Lippe und blicke in die Ferne. Sie mögen das, wenn man in die Ferne blickt. Auch die dicke Pflegerin blickt in die Ferne, nicht etwa zu Gott, Gott ist hier nebenan, – ihr Blick schweift in ferne Länder, wenn sie ihren Kaffee schlürft und hofft, dass sie eines Tages auswandern und eine gute Stelle bekommen wird, damit sie sich alles kaufen kann, was man zum Leben braucht. Als die Dicke im dunklen Gang verschwindet, flitze ich nach unten.

Der Mann im grauen Mantel geht leicht schwankend, eine braune Aktentasche unter den Arm geklemmt. Ab und zu fährt er sich mit der Hand durch das schüttere Haar und setzt dann seinen langsamen Gang fort. Und ich folge meinem Arzt und dem von Gecko und F22, so wie es Patienten schon immer tun: an jedem Baum stehen bleiben, so tun, als läse man eine nicht vorhandene Zeitung, die Schuhspitzen auf dem Irrenhausterrain anstarren. Aber der graue Doc bemerkt nichts, denn er ist betrunken. Ich bleibe bei einer dicken Linde stehen, spähe am Rand des rauen Stamms vorbei und dann wird mir ganz schlecht. Kaum ein paar Meter von mir entfernt sitzt auf einer Bank mein Mann und schaut über den von einsamen Bänken umstandenen Teich. Dieser Teich wurde zu psychotherapeutischen Zwecken und zur künstlichen Erbauung ausgehoben. Vor hundert Jahren hätten hier die Gräber von Psychopathen gewesen sein können, eine Grube für die Leichen missglückter Versuche. Jetzt jedoch fischt hier eine Flussseeschwalbe, die es auf der Suche nach dem großen Fang hierher verschlagen hat. Auch Seeschwalben wollen den allergrößten Fisch. Die Grüne Krähe würde dazu sagen, dass Seeschwalben es entschieden ablehnen, Pottwale zu essen, denn die seien die schnellsten Fische und Seeschwalben schafften es nicht, sie zu fangen. Darum steht in den Büchern, dass Seeschwalben allerlei Kleinzeug fressen, Pottwal jedoch nicht mögen.
Das Gesicht, mit dem ich im zweiten Jahrzehnt zusammen lebe, ist das Gesicht meines Mannes. Er hat eine gerade Nase, die Spitze etwas gebogen, vielleicht krummgelegen, kalte blaue Augen, schmale Lippen, ein flaches Grübchen im Kinn, Hängeohren, aber das weiß nur ich, denn die sind von Haaren bedeckt. Dann weiß ich noch, dass dieser Mensch, der da auf der Bank am Ufer des Irrenhausteichs sitzt, lispelt und sich den Hintern nicht mit Papier abwischt, sondern mit der Hand wäscht, denn das sei gesünder. Und er hat sehr viel Geld und eine Frau, die im Irrenhaus wohnt, und einen Sohn, der aus irgendeinem Grund einen längeren Schwengel hat als der Vater, und eine Tochter, über die es nichts Interessantes zu erzählen gibt.
Der Doc geht zum Tor hinaus und entschwindet in der lichten Abzweigung der sonntäglichen Straße. Ich will einen Stein werfen, den Mann am Kopf treffen, denn Verrückte sind ja unberechenbar und man kann sie nicht verurteilen und man darf ihnen nicht böse sein, aber da ist kein Stein. Alle sind schon geworfen worden. In den letzten fünfzig Jahren hat es hier Steine gehagelt, und faustdick lügen die, die sagen, dass die Steine auf der Erde nimmer zu Ende gehen, weil sie als erstes entstanden seien. Am Anfang schuf Gott das Licht, und damit müssen wir uns jetzt bewerfen, denn das Licht hört nimmer auf.
Ich kneife die Pobacken steinhart zusammen und renne dem Doc im grauen Mantel hinterher. Mein Mann würde mein Hinterteil sofort erkennen, wenn es ihm einfiele, nach rechts zu schauen. Einmal sagte er, wenn ich einen furchtbaren Unfall hätte und mein ganzer Körper verbrannt wäre, würde er mich am Po erkennen.
Der Doc stiefelt langsam auf dem Bürgersteig voran. Die Straße ist gerade wie ein Stecken, sie endet weit vorne, wo Schatten riesiger Tanker im schmutzigen Hafenwasser schaukeln. Ich überquere die Straße und weiß nicht, welcher Tag heute ist, so wie damals, als Kinder und Mann auf den grünen Krähenbraten warteten, während ich bummelte und wusste, dass vom kalten hohen Himmel über mir das Auge meines Mannes mich beobachtete, aber nichts machen konnte. Solche Augen folgen den Menschen nur dann, wenn sie Sex hatten. Die Krähe denkt, das Menschensex nur ein Vermischen von Körpersäften ist. Bei den Vögeln sei es anders, sie vereinigen sich, damit Vogelkinder kommen, denn so hat Gott es gewollt, denn Gott hat gesagt: „Es werde der Vogel“ und hat den Vögeln aufgetragen, sein Werk fortzusetzen, auf dass die Vögel nicht verschwinden, dass sie fliegen den Menschen zur Lehre, dass sie die Welt erklingen lassen mit ihren Liebesliedern. Während der Mensch am Kiosk aromatisierte Kondome kauft.
**

Und damals ging ich durch die Stadt, schaute zum Himmel auf und weinte beim Gedanken an die Vögel, die gar nicht ahnen, dass im Himmel das Auge meines Mannes steht und dass ich nie ein Vogel sein werde, der sich in der Regenbogenhaut des Himmelsauges anmutig erleichtert. Denn es gab eine Zeit, wo ich beim Blick nach oben Liebe sah und der Regen, der mich nässte, aus Freudentränen floss. Darum gehe ich in einen Laden und kaufe einen kleinen Puter, den ich in Weinsoße zubereiten und meiner Familie als grüne Krähenkönigin vorsetzen werde.
Am Eingang der großen Halle ist kein Mensch, nur die gepflasterten Wege atmen ruhig aus. Die Krähe lügt nie. Heute Abend spielt hier Annie Lennox. Ich bleibe am Eingang stehen und sehe, wie das Auge meines Mannes lacht, es zieht sich schmal zusammen wie die Ritze im Hintern eines Schweins und vergießt Freudentränen. „Du bist so klein und du kriegst nichts hin! Nichts kriegst du hin! Fahr lieber nach Hause, ich drehe dich mit dem Gesicht zum Bild des berühmten Künstlers und fick dich durch. Das wird eine Pracht! Und es ist mir egal, ob dir das gefällt… Egal. Denn ich bin es gewohnt dich zu ficken. Und jetzt ficke ich dich auch! Wenn du’s nicht glaubst, fühl nach, fass dich an, du bist völlig nass!“ Und ich stecke meine Hand zwischen die Schenkel. Wie immer hat er Recht. Es regnet immer stärker.
„Oho!“ Vor mir landet die Krähe. „Sieh mal einer an!“
Die Krähe hat ein Adlerauge. Eins vom Adler, das andere vom Huhn. Genetisch bedingt. Es ist mir peinlich.
„Wenn es keiner sieht, darf der Mensch alles tun. Sogar morden. Aber du mordest ja nicht, du steckst dir nur die Hand zwischen die Beine. Vögel schleifen allerdings ihre Flügel nicht am… du weißt schon wo. Die Innenseite ihrer Flügel ist delikat, wenn man die besudelt, ist es aus. Vögel tragen ihre Seele in der Innenseite der Flügel, also, die Seele am Hintern reiben… Na, vielleicht sind das ja auch nur Vorurteile. Schön, dich zu sehen!“
„Warum ist hier kein Mensch? Findet das Konzert statt?“
„Also warum denkt ihr Menschen immer, dass Konzerte nur dann sind, wenn Säufer über fröhliche Köpfe kotzen? Komm, wir gehen!“ Die Krähe streift mit ihrem Flügel meinen Rücken.
„Tu mit mir, was du willst!“ sage ich und schäme mich sofort dafür. Das hatte ich einst zu einem Mann sagen wollen, den ich lieben würde wie den Morgen, an dem ich lebend erwacht war, wie den kleinen feuchten Körper eines Neugeborenen. Viel hat nicht gefehlt und die Worte wären an den Falschen gelangt. Stattdessen sagte ich zu meinem Mann: „Fick mich, wie es dir gefällt.“
„Auch dann, wenn unsere Wünsche nicht übereinstimmen?“ Die Krähe bleibt stehen und sieht mir in die Augen.
„Ja.“
Und schon jagen wir in die Höhe, von Regentropfen gepeitscht, in Serpentinen nach oben. Ganz wie in der Kindheit kralle ich mich ins weiche Gefieder der Krähe, nur habe ich jetzt keine Angst, denn ich weiß, was Familie ist. Und ich schreie. Wir schießen in die Höhe, vorbei an Metern von Zement und verglasten Öffnungen, die für das Licht und die Steine da sind.
„Gefällt es dir?“ krächzt die Krähe.
„Jaaaaaa!“
Und ich denke, die Krähe trägt mich jetzt über die Stadt, die von oben aussieht wie die Zeichnung eines Schwachsinnigen, ich denke, wir halten dann beim blanken Wetterhahn der Petrikirche, damit er uns verrät, in welchen Kirchenvaters Schoß Goliath all die Jahre geschlafen hat, ich glaube, wir werden zwischen den Stahlseilen der großen Brücke Slalom fliegen und die Kormorane auf dem Dach des Pressehauses aufscheuchen, oder in toller Geschwindigkeit ein Haar breit über den dunklen Wogen der Düna dahinjagen. Doch nein. Wir fliegen nur in die Höhe, bis wir das Ende der Hallenwände erreicht haben. Die Krähe wälzt mich von ihrem Rücken wie einen Sack Kartoffeln.
„Kling, klang – wir sind da, Mädel!“ sagt die Krähe, und ich weiß nicht, wie ich all diese Jahre ohne die Krähe auskommen konnte, ich laufe rot an, als ich daran denke, wie ich den Schnabel der Krähe ansägte, als der im Gitter unseres wundervollen Hauses eingeklemmt war.
„Und jetzt, bitte, spring!“ Die Krähe schubst mich sanft an den Rand des Daches der großen Halle.
„Warum? Was willst du?“
„Du bist zweiundvierzig und du hast weder Geldanlagen noch Ersparnisse noch Schulden. Du bist zweiundvierzig und weißt nicht, wie Libellen sich lieben und Katzen weinen, du weißt nicht, was Liebe ist. Du hast nichts zu verlieren. Spring!“
„Nein. Bitte nicht!“
„Ach so? Du hast mir aber erlaubt, alles mit dir zu tun, was ich will.“
In diesem Augenblick erfasse ich, welch grauenhafte Rechte der Krähe verliehen wurden, aber es ist zu spät…

**
Der graue Mantel zottelt immer noch torkelnd vor mir her. Mindestens zwanzig Straßenbahnen sind auf den Gleisen neben uns vorbeigerattert. Wie ein rohes Ei, das jemand ans Fenster des bösen Nachbarn geworfen hat, gleitet die Sonne herab und hinterlässt einen undeutlichen Umriss des durchlebten Tags. Der graue Doc bleibt am Hafentor stehen, zeigt dem Wächter etwas und geht weiter. Das Tor schiebt sich langsam zu und ich klammere mich am Zaungitter fest. Der Gedanke, zurück zu müssen zu Kindern, Mann, F22, Gecko und Schneewittchen verfliegt, sowie ich den grauen Doc erblicke, der hinter dem Zaungitter über den Asphaltweg torkelt. Gott liebt mich – das sagen Menschen, wenn sie Glück hatten, wenn sie ihrem Psychiater folgen können und wenn sie nicht zu ihrer Familie zurückgehen müssen.

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