Aus allen Wolken

Mitunter fliegen die Seen aus der Folklore auch in die moderne Literatur. Wie in diesem Roman von Pauls Bankovskis, dessen Anfang schon in einem früheren Beitrag zu lesen war.

Pauls Bankovskis: Offshore.
Rīga: Valters un Rapa, 2006

Auszug. Übersetzt von Berthold Forssman

[Ende von Kapitel 5]

Sicherheitshalber sah ich noch einmal hinunter. Wenn das jetzt nur ein Trugbild war, und keine Insel? Aber die Insel war noch immer genau am selben Fleck, nur dass wir inzwischen schon über sie hinweg geflogen waren, und in wenigen Augenblicken würde ich sie schon nicht mehr sehen können. Ich wusste, dass der Flugbegleiter gleich wieder zurückkommen und irgendeinen Namen nennen würde, der mir vollkommen gleichgültig war und den ich noch nie zuvor gehört hatte. Vielleicht würde ich auch ein paar Informationen über die Zahl der Einwohner, deren Religionszugehörigkeit und die klimatischen Verhältnisse auf der Insel zu hören bekommen. Aber in mir erwachte die Sehnsucht, der Steward möge meine Bitte vergessen haben. Oder es möge etwas dazwischenkommen, und er würde mein Anliegen zwangsläufig vergessen. Vor allem darum, weil ich die Umrisse der Insel gesehen hatte. Nein, es war nicht ihr Gesicht, ganz und gar nicht. Es war überhaupt kein Gesicht.
Aber ich kannte diese Konturen. Und umso mehr wünschte ich, ich hätte niemals den Flugbegleiter gerufen und er möge nicht versuchen, mir auf meine Frage zu antworten.

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Pauls Bankovskis: Nachwort oder Ewige Auferstehung

aus: Pauls Bankovskis: 18.
Rīga: Dienas Grāmata, 2014

Aus dem Lettsichen von Nicole Nau

Gründung der lettischen Republik am 18. November 1918. Foto von Vilis Ridzenieks, gefunden auf: m.lvportals.lv

Gründung der lettischen Republik am 18. November 1918. Foto von Vilis Ridzenieks, gefunden auf: m.lvportals.lv

Geschichte

„Es war ein kalter Novemberabend, der Wind rüttelte an den Ladenschildern und die Kälte kroch durch meinen löchrigen Mantel, dass ich zitterte,“ schreibt Aleksanders Grīns (1895-1941) in seiner Erzählung „Die Auferstehung“. „Ich ging langsam am Kanal entlang in Richtung Zitadelle, während der Wind mir trockenes Laub unter die Füße warf. Am Russischen Theater blieb ich stehen und starrte verständnislos auf die seltsame Fahne, die am Balkon flatterte. Rot-weiß-rot züngelte sie da wie ein dunkel funkelndes Feuer; doch in den Fenstern war kein Licht, alle Straßen um das Theater herum waren leer und ich sah niemanden, den ich hätte fragen können, was das für eine Fahne war. Und dann hörte ich ein leises Rauschen von der Kanalallee heraufsteigen, wie das Rascheln trockener Blätter, die der Wind vor sich hertrieb, oder die vielleicht von den Tritten eines in der abendlichen Dunkelheit nicht zu sehenden Passanten aufgewirbelt wurden. […] Ich ließ mich beim Eingang zum Theater auf das Trottoir fallen, um Atem zu schöpfen und die müden Beine auszustrecken und betrachtete im Schein des wieder aufgetauchten Mondes erneut die Fahne, die nun genau über meinem Kopf flatterte und dabei auf den kleinen Platz vorm Theater große Schatten warf, die dem Hin und Her der Fahne folgten. […] Die Kälte, die mich meinen brüchigen Soldatenmantel fester um mich ziehen ließ, schien weder vom Boden noch aus der Luft zu kommen. Sie strömte vielmehr von den massiven Riesengestalten, die auf ihren Schultern das Gewicht des Balkons trugen, aus; und als ich unwillkürlich zu ihnen hinsah, erblickte ich im Türschatten einen dritten, der sich in Bewegung setzte und mit unhörbaren leichten Schritten auf mich zu kam. Und mich überkam erneut ein Frösteln und zugleich Verwunderung, denn der Fremde hatte keinen Schatten, obwohl jetzt der Mond wieder schien, und eine Grabeskälte begleitete ihn.“

Das hier Dargestellte spielt am 18. November 1918. Gut möglich, dass der Schauder, den diese und mehrere andere in der Kindheit gelesene Erzählungen von Aleksanders Grīns in mir auslösten, ein Grund war, warum ich mir aus der Geschichte Lettlands für meinen Roman die Geburtsstunde des lettischen Staats ausgesucht habe.
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Pauls Bankovskis: Offshore (Anfang)

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Pauls Bankovskis: Offshore.
Rīga: Valters un Rapa, 2006

Anfang des Romans. Übersetzt von Berthold Forssman

1

Hier im Himmel ist es so schön. All diese Wolken unter einem. Die Erde ist überhaupt nicht mehr zu sehen. Und die Horizontlinie ist genau in Augenhöhe, wobei, der Horizont liegt ja wohl immer genau in Augenhöhe. Hier ist der Ort, an dem der ausgefranste Rand der Wolkenfelder mit der blauen Himmelskuppel zusammentrifft. Und es weder Erde noch Meer gibt. Die Wolken sind ganz nah, und es scheint, als gleite man über ihre Oberfläche dahin. Über eine holperige, wellige, löchrige und bergige Oberfläche, die rau und hart aussieht wie der Grund eines ausgetrockneten Ozeans. Manchmal streifen wir die weißen Gipfel und die weichen Zipfelmützen der Schaumberge. Wieder ein kleines Stück weiter wachsen sie widerstrebend zusammen wie ein Wald. Um dich herum erheben sich weiße und blaugraue Wirbel wie wunderliche Bäume, und du saust zwischen ihnen hindurch wie durch ein Labyrinth. Deine Augen werden von der glänzenden Sonne geblendet, weil alle Wolken unter oder neben dir sind, aber keine ist über dir. Dir ist warm, obwohl du weißt, dass in einer solchen Höhe nur Kälte und Eis herrschen.
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Pauls Bankovskis: Der Mantel (aus: 18)

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Pauls Bankovskis: 18.
Rīga: Dienas Grāmata, 2014

Anfang des Romans, übersetzt von Nicole Nau

bankovskis_18

I
DER MANTEL
Wenn wir ankommen, fangen wir an zu putzen. Eigentlich hinterlassen wir ja bei unserer Abfahrt immer alles ordentlich und sauber, doch wenn wir zurückkommen, spüren wir einen unbezwingbaren Drang, alles noch sauberer zu machen und noch mehr aufzuräumen.
Natürlich haben Nagetiere Küttel hinterlassen, Spinnen haben Netze gewebt, auf der Fensterbank liegt die eine oder andere tote Fliege, das Wespennest in der Dachfensterecke ist jetzt leer und zerfallen, das Vogelnest hinterm Balkongitterbogen verlassen; in alle Ecken hat es zur Eichenblüte braune Krümel geweht, überall liegen kleine Stängel, Rispen und Blütenstaub von allerlei Blumen, Gräsern und Bäumen, in der Mülltonne eine verhungerte Maus und gleich neben ihrem vertrocknetem Leichnam die Hülle einer sich entpuppt habenden Fliegenpuppe; einzelne Legosteine liegen noch von früheren Besuchen auf dem Fußboden verstreut und warten darauf, dass ein Erwachsener mit nackten Füßen auf sie tritt; und Dinge, Dinge, Dinge, alle möglichen Dinge, die Jahr für Jahr mit der Feststellung „kann man sicher noch mal gebrauchen“ zur Seite gelegt wurden, oder die speziell aus der Stadt aufs Land geschafft worden waren, denn „in der Stadt benutzen wir das nicht mehr, aber fürs Land ist es noch gut genug.“
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