Probezeit (Fortsetzung)

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Gundars Ignats: Pārbaudes laiks (Probezeit).
Rīga: Dienas Grāmata, 2013

Fragment des Romans übersetzt von Andreas Jäkel

 Fortsetzung (zum ersten Fragment)
Am Samstagmorgen war der Parkplatz vor dem Supermarkt noch ziemlich leer, die ausgehungerten und einkaufswütigen Leute waren noch nicht von zu Hause aufgebrochen, etwas später – in ein paar Stunden – würde es problematisch, einen freien Platz zu finden. Sie bemühten sich, so früh wie möglich zum Supermarkt zu fahren. Kurz vor zehn öffneten sich die Schiebetüren, sie glitten vorbei an trägen Verkäuferinnen, die sich auf Käufer wartend langweilten. Geschminkte Mädchen, hübsche Madames und gleichgültige Damen ließen mit oberflächlichem Blick die Waren passieren und plapperten zwischen Regalen und Sonderangeboten, zwischen saisonalen Neuheiten und Gratisgeschenken.
Vor dem Supermarkt glitt die Zwanzig-Santīms-Münze wie das letzte Puzzlestück in die für sie vorgesehene Stelle, die Kette, die die Einkaufswagen miteinander verband, löste sich und vor ihnen öffneten sich die Eisentore des Einkaufsparadises.
»Schau mal, was für eine tolle Farbe.« Ilvija hatte die hellroten Küchenhandtücher entdeckt. Sie ging zum Regal und klappte eines auf. »Schön, nicht?«
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Probezeit

Gundars Ignats: Pārbaudes laiks (Probezeit).
Rīga: Dienas Grāmata, 2013

Fragment des Romans übersetzt von Andreas Jäkel

 

Gundars Ignats (rechts) und Andreas Jäkel auf der Leipziger Buchmesse 2014

Gundars Ignats (rechts) und Andreas Jäkel auf der Leipziger Buchmesse 2014


 

Oktober


»Gibt es Veränderungen?«
»Wie bitte?«
»Der Index?«
»Ja, 0,294.«

Die Tabellen der Registerübersicht mit ihren mehreren Hundert Zeilen und dreizehn Spalten waren ausgefüllt mit Zahlen und Codes, Abkürzungen und den Daten aus dem NAKVAK über die im Quartal erfolgten Kontrollen und Konstatierungen. Das Formelsystem rechnete die Wesentlichkeitsschwelle von Einfluss und Risiko nach und der Algorithmus des Computersystems verallgemeinerte die Ergebnisse. In der letzten Tabellenspalte bildete die Zahlensumme jeder Zeile den Index und die Summe der einzelnen Indizes zum Quartalsabschluss war 0,294.
»Woraus resultiert der Unterschied?«, fragte Žanete, die Leiterin der Unterabteilung Methodik, mit der Stimme eines einfühlsamen Zahnarztes.
»Aus …« Ingars fuhr mit den Fingern über die Spalten der neuen Registerübersicht und der des vergangenen Monats. Er hatte die Zahlen mechanisch zusammengesetzt, sich aber nicht tiefergehend damit befasst, mehr noch, sogar wenn er es auch gewollt hätte, konnte er es nicht. »Das liest doch eh keiner«, hatte Linda gesagt, und die plötzliche Besprechung, die die Abteilungsdirektorin organisiert hatte, hatte Ingars unvorbereitet überrascht.
»… Spalte 6, Spalte 9, Spalte 13 …«, erklärte er, als er die Unterschiede erkannt hatte.
»Spalte 13 bleibt stabil, Spalte 13 bleibt immer stabil, woher rührt die Veränderung?« Žanete ließ keine Ruhe, bei jeder Zahl, jeder Ziffer hatte die zänkische Kollegin nachzuhaken.
»Die kommt … von …« Der Zahlensalat schwirrte an Ingars’ Augen vorüber, er hatte nicht die geringste Ahnung, warum die stets stabile Spalte 13 genau das nicht mehr war. Anstelle der 0,328 in der Registerübersicht des vergangenen Monats stand nun eine 0,294. Was es auch zu bedeuten hatte, es war so, so hatte das System es berechnet. Roberts hatte auf das zum Abgleichen geschickte Material mit einem kurzen »Danke, ist okay so!« geantwortet und Ingars hatte sich an die Abarbeitung der Vermerke im NAKVAK gemacht, aber nach ein paar Minuten erwies sich die Freude als verfrüht – er hatte eine E-Mail von der Leiterin der Unterabteilung Methodik bekommen: »Warum ist dort keine Null?«

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