So und so

Der Herbst kommt und färbt Lettland ein.
Doch weißt du: bemüh dich nicht so.
Mir wird sie immer die Schönste sein
so und so.

Etwas zu groß ist sie, um sie in ein
wärmendes Tuch zu hüllen.
Zu groß, um sie wie ein
Kind an sich zu drücken.

Etwas zu klein ist sie, um allein
die Wege der Welt zu durchschreiten.
Zu klein; ich lass sie nicht allein.
Ich will sie begleiten.

Der Herbst kommt und färbt Lettland ein.
Doch weißt du: bemüh dich nicht so.
Uns wird sie immer die Schönste sein
so und so.

(Text: Māra Zālīte, Melodie: Uldis Stabulnieks; Deutsch: Nicole Nau)

Das schlichteste und ergreifendste der patriotischen Lieder. Meistens wird es allerdings zu getragen vorgetragen. Das obige Video, das Schüler des nach dem Komponisten Alfrēds Kalniņš benannten Musikgynmasiums in Cēsis zu Lettlands 100. gedreht haben, zeigt eine etwas flottere Version.

Hier noch eine andere, offizielle Verson, an der viele bekannte lettische Muiker beteiligt sind.

Die Sache

Māra Zālīte: Paradīzes putni (Paradiesvögel) Riga 2017
Erstes Kapitel. Aus dem Lettischen von Nicole Nau

„Wie war’s in der Schule?“ fragt Mima wie jeden Tag, während sie Laura hilft, den schweren Schulranzen abzustreifen. „Hast du da denn Steine drin? Also, wie war’s heute?“
„Gut“, antwortet Laura wie jeden Tag.
„Geht das vielleicht ein bisschen ausführlicher? Wie soll man aus einem einzigen Wort klug werden?“ Mima reicht das nicht.
„Aivars hat mich beinah erwürgt!“ ergänzt Laura zufrieden. Überhaupt war das ein richtig schöner Tag gewesen.
Was denn so schön gewesen sei?
„Alle Lehrer sind krank. Grippe.“
Ach so. Das ist nun wirklich sehr schön. Mima freut sich sehr. Sie hat Dörrapfelsuppe mit Klüten gekocht.
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Gäste (aus: Fünf Finger)

aus: Māra Zālīte: Pieci pirksti (Fünf Finger)
Rīga: Mansards, 2013

Aus dem Lettischen von Nicole Nau

 

Gäste

Mamma grämt sich schon wieder. Sie hatte so gehofft, dass alles wie früher wird, aber das ist es nicht. Nichts geht voran. Vati sagt, alles wird sich richten, sobald er zu etwas Geld kommt. Mamma denkt, zu Geld kann man nicht kommen, das kann man nur verdienen, und den Müll kann man auch ohne Geld hinauswerfen.
Aber Vati hat keine Zeit, denn es kommen Gäste. Muss man die Rückkehr nicht ordentlich feiern? Dass das Leben endlich begonnen hat! Fehlt Mamma und Laura etwa irgendwas? Schau, selbst ein Bett für Laura hat Vati gefunden. In den Brennnesseln zwar, aber was macht das? Ist es jetzt nicht sauber und weiß gescheuert? Ein bisschen zu kurz zwar, aber was macht das?
Es fehlt an nichts, nichts wird vermisst. Und wenn doch mal was fehlt, gibt Mima es ihnen, auch wenn sie dabei brummelt. Geld für Brot leiht ihnen Herr Linde. Wenn sie welches haben, geben sie es ihm zurück. Herr Linde hat das selbst angeboten. Und wenn sie welches haben werden, werden sie es auch zurückgeben.
Was kann man machen, wenn die Höllenhunde und ihre Helfer Vati zu keiner Arbeit anstellen wollen. Ein Volksfeind. Ein Verbannter. Bourgeosiesprössling. Zwar freigelassen, zwar freigesprochen. Trotzdem. Kein Rauch ohne Feuer, nicht wahr. Kann man so einem Lagerinsassen die Technik der Kolchose anvertrauen, die Traktoren und Samosvali ? Kann man den zum Zuchtvieh lassen, kann man dem die Schlüssel zum Stall geben? Die Katze lässt das Mausen nicht.
Trotz alledem hatte Vati nicht gedacht und nicht gehofft, dass es in Lame so viele nette Menschen gibt. Dass sie so viele Besucher haben würden. Dass die Nächte in Lettland so lang und hell sein würden, und so warm! Und ganz ohne Schlaf kommt der Mensch ja auch nicht aus, und sei es bei Tag, aber ein Stündchen muss man sich schon mal hinlegen.
Der runde Blechofen raucht so, dass sie alle drei hinauslaufen müssen, um nicht zu ersticken. Einmal müssen sie auch im Regen stehen. Mamma erinnert ihn daran. Hör auf zu nölen, das schadet nichts, mal im Regen zu stehen, das ist eher ein kleines Abenteuer, wie eine Nachtwanderung, ein Ausflug, verteidigt sich Vati.
Mamma meint, den Ofen könne man auch ohne Geld reparieren, vielleicht ist ja nur ein Ziegel in den Schornstein gefallen, vielleicht muss nur mal das Ofenrohr gesäubert werden.
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Als Laura geboren wurde

aus: Māra Zālīte: Pieci pirksti (Fünf Finger)
Rīga: Mansards, 2013

Aus dem Lettischen von Nicole Nau (vollständige Übersetzung in Vorbereitung)

 

Als Laura geboren wurde

Als Laura geboren wurde, hat niemand sie über blühende Erbsen gehalten, damit sie schön heranwüchse.
Als Laura geboren wurde, hat niemand sie in ein Tischtuch gewickelt, damit sie ihr Leben lang an einem vollen Tisch säße.
Als Laura geboren wurde, hat niemand Wasser auf einem Feuer von Lindenholzscheiten gewärmt.
Als Laura geboren wurde, hat niemand ihr Honig auf die Lippen geschmiert, damit sie, wenn sie groß wäre, viele Verehrer hätte.
Als Laura geboren wurde, waren es draußen minus fünfzig Grad Frost.
Als Laura geboren wurde, wog sie nicht mal zwei Kilogramm.
Als Laura geboren wurde, war sie zu früh geboren.
Mamma hatte keine Milch in der Brust.
Damit Mamma Milch in die Brust bekäme, hätte man sagen müssen: Milch kommt mir aus Jelgava, Milch kommt mir aus Liepaja, Milch kommt mir aus Riga, Milch kommt mir von allen Seen, Milch kommt mir von allen Flüssen, von allen Quellen, von all überall her kommt mir Milch.
Als Laura geboren wurde, hat niemand diese Worte gesagt, denn Jelgava, Liepaja und Riga lagen zu weit weg von der sibirischen Baracke, zu weit weg waren Seen, Flüsse und Quellen.
Mammas Brust lag trocken.
Als Laura geboren wurde, hätte sie sterben müssen.
Als Laura geboren wurde, war sie noch nicht Laura
Dann kam Leben in die Baracke.
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Ich schreibe nicht gerne in Sand

Māra Zālīte: Es nevēlos rakstīt smiltīs


Ich schreibe nicht gerne in Sand
auch auf Papier mag ich’s nicht.
Ich schreibe auf Sandpapier
ob Euch das gefällt oder nicht.

Wer’s liest, dem kratzt es die Augen.
Wer’s anrührt, allein in der Nacht,
dem juckt’s wie an Sommerabenden
Heu unterm Kragenrand.

Es schmirgelt die Fingerknöchel
wie weiße Kirschkerne blank.
Denn Sandpapier, das sind ja Steine
Steine gemahlen zu Sand.

Ich schreibe auf Sandpapier
Im Dunkeln glitzert es lind
wie zu Versen zerriebene Träume
wie meines Liebsten Kinn.

Deutsche Übertragung von Nicole Nau


Es nevēlos rakstīt smiltīs
un arī uz papīra ne.
Es rakstu uz smilšpapīra,
tīk jums vai nē.

Kas lasīs, tam grauzīs acis,
kas pieskarsies, vēlīns un viens,
tam sūrstēs kā vasaras naktī
aiz apkalkes aizbiris siens.

Tas nobrāzīs pirkstu kauliņus
kā ķiršu kodolus baltus,
jo smilšpapīrs – tie ir akmeņi,
tie ir akmeņi malti.

Es rakstu uz smilšpapīra,
kad tumsa tas vizuļo maigs
kā dzejā saberzti sapni
ka mīļota vīrieša vaigs.

Fünf Finger (Anfang)

Zum Klappentext

Māra Zālīte: Pieci pirksti (Fünf Finger)
Rīga: Mansards, 2013

Aus dem Lettischen von Nicole Nau (vollständige Übersetzung in Vorbereitung)

 

Jeder ist auch ein anderer und niemand ist nur er selbst.

(schrieb – jemand anders)

Der Zug

Laura fährt schon ihr ganzes Leben lang Zug. Vielleicht noch länger. Der Zug ist nichts Gutes. Eher etwas Böses. Wie ein riesiger Drache pustet er seinen Ärger durch die Nasenlöcher aus. Seinen schrecklichen Zorn auf die ganze Welt stößt er in regelmäßigen Abständen aus wie fauchenden Nebel.

– Was war das?

Papa meint, der Zug ließe Dampf ab und Laura würde das auch nicht schaden. Was? Ein bisschen Dampf ablassen. Laura? Ja, dann würde sie nicht so zappeln. Wie kann Papa sie bloß mit dem Zug vergleichen? Laura zieht eine Schnute.

Der Drache faucht und pfeift und würgt und wirft seinen Schwanz herum. Laura, Mamma und Papa fahren hinten im Zugschwanz. Der Drache wirft sie herum wie Kasperlepuppen. Laura hat kein Vertrauen zu dem Zug, nicht das kleinste bisschen. Vielleicht ist der Zug verrückt. Vielleicht hat der Zug keinen Verstand. Wie kann ein Mensch wissen, wohin so ein dummes Stück Eisen sie zerrt? Der Mensch denkt, nach Lettland, aber wie kann man das wissen? Wie kann man sicher sein?

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