Gäste (aus: Fünf Finger)

aus: Māra Zālīte: Pieci pirksti (Fünf Finger)
Rīga: Mansards, 2013

Aus dem Lettischen von Nicole Nau

 

Gäste

Mamma grämt sich schon wieder. Sie hatte so gehofft, dass alles wie früher wird, aber das ist es nicht. Nichts geht voran. Vati sagt, alles wird sich richten, sobald er zu etwas Geld kommt. Mamma denkt, zu Geld kann man nicht kommen, das kann man nur verdienen, und den Müll kann man auch ohne Geld hinauswerfen.
Aber Vati hat keine Zeit, denn es kommen Gäste. Muss man die Rückkehr nicht ordentlich feiern? Dass das Leben endlich begonnen hat! Fehlt Mamma und Laura etwa irgendwas? Schau, selbst ein Bett für Laura hat Vati gefunden. In den Brennnesseln zwar, aber was macht das? Ist es jetzt nicht sauber und weiß gescheuert? Ein bisschen zu kurz zwar, aber was macht das?
Es fehlt an nichts, nichts wird vermisst. Und wenn doch mal was fehlt, gibt Mima es ihnen, auch wenn sie dabei brummelt. Geld für Brot leiht ihnen Herr Linde. Wenn sie welches haben, geben sie es ihm zurück. Herr Linde hat das selbst angeboten. Und wenn sie welches haben werden, werden sie es auch zurückgeben.
Was kann man machen, wenn die Höllenhunde und ihre Helfer Vati zu keiner Arbeit anstellen wollen. Ein Volksfeind. Ein Verbannter. Bourgeosiesprössling. Zwar freigelassen, zwar freigesprochen. Trotzdem. Kein Rauch ohne Feuer, nicht wahr. Kann man so einem Lagerinsassen die Technik der Kolchose anvertrauen, die Traktoren und Samosvali ? Kann man den zum Zuchtvieh lassen, kann man dem die Schlüssel zum Stall geben? Die Katze lässt das Mausen nicht.
Trotz alledem hatte Vati nicht gedacht und nicht gehofft, dass es in Lame so viele nette Menschen gibt. Dass sie so viele Besucher haben würden. Dass die Nächte in Lettland so lang und hell sein würden, und so warm! Und ganz ohne Schlaf kommt der Mensch ja auch nicht aus, und sei es bei Tag, aber ein Stündchen muss man sich schon mal hinlegen.
Der runde Blechofen raucht so, dass sie alle drei hinauslaufen müssen, um nicht zu ersticken. Einmal müssen sie auch im Regen stehen. Mamma erinnert ihn daran. Hör auf zu nölen, das schadet nichts, mal im Regen zu stehen, das ist eher ein kleines Abenteuer, wie eine Nachtwanderung, ein Ausflug, verteidigt sich Vati.
Mamma meint, den Ofen könne man auch ohne Geld reparieren, vielleicht ist ja nur ein Ziegel in den Schornstein gefallen, vielleicht muss nur mal das Ofenrohr gesäubert werden.

Vati hat keine Zeit, nachzuschauen, denn immerzu kommen Gäste und man muss schließlich auch mal ein bisschen Spaß haben im Leben. Einmal alles vergessen, und wenn nur für einen Abend, für eine Nacht! Die Gäste bringen immer einen Halben mit, im Laden gekauft oder selbst gebrannt, jeden Tag muss man auf das Zusammensein anstoßen.

Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren.
So jung kommen wir nicht mehr zusammen.
Nicht lang schnacken, Kopp in’ Nacken.
Hopfen und Malz, Gott erhalt’s!
Hoch die Tassen!

Mamma meint, dass sich die gesamten Trinker von Lame bei ihnen einschmeicheln wollen. Nein, Vati denkt das nicht. Die Gäste kommen, um Lilijas Tochtermann kennen zu lernen. Andas Ehemann. Den neuen Nachbarn. Den neuen Wirt vom Quellengrund, schlussendlich!
Vati ist froh und glücklich, dass die Leute von Lame ihn als den Ihrigen annehmen, als Svojak. Vati wird schon nichts Falsches sagen, Anda braucht keine Angst zu haben. Nicht mal im Rausch. Vati hat eine Blockade im Hirn. Alles wird gefiltert. Das ist eisern.
Mamma soll mal selbst nicht so viel tratschen. Mit wem? Mit Frau Lehrerin, mit Herrn Linde. Denen könne man vertrauen? Kann man nicht! Niemandem kann man vertrauen, Mamma soll bloß nicht so naiv sein.
Die Gäste wollen wissen.
Wann kommt denn Lilija? Ach, vielleicht erst in einem Jahr? Sie geben ihr keinen Pass? Lassen sie nicht weg von der Arbeit? Eine zu wertvolle Arbeitskraft? Ja, das kann gut sein, das klingt nach Lilija.
Aber vielleicht ist da doch noch etwas anderes? Vielleicht hat sie einen Kerl, einen Russen oder Mongolen, wie? Vielleicht lässt der sie nicht weg? Und der liebe Juris? Ach je! Ja, wir haben so etwas gehört, aber es ist schwer zu glauben.
— Wenn’s so schwer ist, dann glaub’s eben nicht! Spar dir die Mühe! — schnauzt Mamma zurück.
— Andaken! Was bist du denn gleich so? Wir meinen’s doch nur gut.
— Erinnerst du dich denn nicht an mich? — fragt einer der Gäste. Fredis. Naja, du warst ja auch noch klein.
In seiner Stimme hört Laura Erleichterung. Dass Mamma sich nicht erinnert. Alle möglichen Leute kämeen jetzt hierher, aus Russland, aus dem hintersten Lettgallen, beschwert er sich.
— Da schau, ihr seid zurückgekommen, Andaken! Darauf müssen wir trinken! Viele werden wohl nie mehr zurückkommen? Auch darauf müssen wir trinken!
Ob das wahr ist, dass der alte Quellenwirt an Hunger gestorben ist?
Andaken, wie kannst du das nicht wissen?
Das sagen alle. Stellt euch nur vor! Gemeinderat von Lame war er, viele Jahre lang, ein Ehrenmann. wie kann so einer an Hunger sterben?
Das wisst ihr nicht?
Auf den alten Quellenwirt müssen wir trinken!
Na, und Edmund? Es sollen ja Tausende in diesen Lagern umgekommen sein.
Die Gäste gehen zum Flüstern über.
Das wisst ihr nicht?
Ja, so richtig weiß ja niemand irgendwas, es kann sein, dass alles nur Gerüchte sind. Propaganda der Yankees. Die Amis setzen absichtlich Gerüchte in die Welt, bloß um die Sowjetmacht schlecht zu machen. Die Macht des Arbeitervolks. Wieso steht denn nichts davon in den Zeitungen? Wieso kommt nichts darüber im Radio? Vielleicht nur Klatsch und Tratsch. Von bösen Leuten verbreitet, eine Erfindung der Bourgeoisie, der Imperialisten. Wie ist es denn wirklich?
Das wisst ihr nicht?
Vielleicht ist Eddi noch am Leben? Es hat schließlich keine Benachrichtigung gegeben. Vielleicht hat Eddi Glück gehabt?
Das wisst ihr nicht?
Kann ja sein, dass Eddi in Amerika ist und dort lebt wie die Made im Speck? Oder in Australien, sogar dort soll es Letten geben. Auf Eddi müssen wir trinken!
Wenn aber Eddi doch umgekommen ist, hat denn Lilija in den fünfzehn Jahren keinen anderen Mann gefunden, so knackig, wie sie noch war? Bei der Deportation war sie doch erst um die dreißig? Dann ist sie jetzt ja noch keine fünfzig! Das kann ja wohl nicht sein, dass sie keinen anderen mehr gehabt hat. Nein? Dann ist sie noch zu haben? So einer wie Lilija würde es hier in Lame an Freiern nicht fehlen. Wer denn? Na, wir doch! Flott wie wir sind. Wir könnten schon bei ihr landen! Was spricht dagegen, wir sind doch noch ganze Kerle. Noch steht er, feixen sie. Sie soll nur heimkommen!
Reden die Freier von Buka? Laura wird von dem Gerede schlecht. Laura sieht, dass Mamma auch schlecht wird.
Laura bemerkt, wie klug Mamma ist. Und wie dumm die Gäste. Mamma erzählt so gut wie nichts, nur von den schönen Blumen, die in Sibirien wachsen, von der Taiga mit den vielen Beeren, von Pilzstellen, wie es sie hier in Lame nicht gibt und nie geben wird, aber den Gästen scheint, dass Mamma erzählt.
Die Gäste gehen befriedigt nach Hause, dass sie so viel über Sibirien erfahren haben.
Laura weiß genau, dass Mamma nichts erzählt. Von den wirklichen Dingen.
Vati erzählt auch nicht, er quatscht nur über die Jagd, über Eichhörnchen, Bären und Burunduks, macht Witze, aber das ist kein wirkliches Erzählen über Sibirien.
Die Gäste meinen, es sei.
Die Gäste sind neugierig, sie fragen auch Laura aus, aber Laura weiß, dass man über Sibirien nicht reden darf. Das weiß sie und Schluss. Über Sibirien darf man nie, nirgends und niemandem erzählen! Warum? Weil es ja doch niemand versteht, weil es ja doch niemand glaubt, hat Vati erklärt. Weil ein normaler Mensch das gar nicht verstehen kann. Sie denken dann, dass wir nicht normal sind, hat Mamma erklärt.
Aber der Hauptgrund sind die Höllenhunde. Daran muss Laura denken, das muss ihr so klar sein wie die fünf Finger ihrer Hand. Dass die Höllenhunde nicht wollen, dass jemand über Sibirien spricht. Die Höllenhunde wollen Sibirien verbuddeln wie die Katze ihren Kot. Die Höllenhunde haben überall Augen und Ohren. Wer über Sibirien spricht, wird von den Höllenhunden ergriffen und nach Sibirien zurückgeschickt. Ob Laura das versteht?
Laura versteht.

(Zum Anfang des Buches)

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