SLOW FOOD

Dace Rukšāne
SLOW FOOD

Erzählung, veröffentlicht auf Satori.lv März 2011

Aus dem Lettischen von Nicole Nau

Grafik von Aylin Langreuter, http://www.langreuter.com/Show/show.php

Grafik von Aylin Langreuter

Jetzt haben wir schon zum dritten Mal den falschen Weg gewählt. Wir fahren in Bögen, das Auto rutscht an den matschigen Rändern aus, beinahe säuft uns der Motor ab. Der Scheibenwischer bleibt auf halbem Wege stecken. Regenschleier vermischen sich mit Nebel und im Scheinwerferlicht kann man mit Mühe ein paar Meter voraus sehen. Es ist schon nach zehn und wir können das verdammte Hotel einfach nicht finden, in dem wir die kommende Woche verbringen wollen. Wir haben uns bewusst einen Ort in der Mitte von Nirgendwo ausgesucht, noch dazu in der scheußlichsten Jahreszeit und an Werktagen, um der Menschheit zu entfliehen. Völlig. Wir sind müde vom ewigen Marathon, von den obligaten Gläschen Wein, den nervösen Typen, dem Handyklingeln bis zwei Uhr morgens und dass wir einander beim Aufwachen nichts weiter erzählen können, als dass wir schon wieder von der Arbeit geträumt haben.
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Renner

Dace Rukšāne
Renner (Skrējiens)

Erzählung, veröffentlicht in Latvju Teksti 10 (2012)

Aus dem Lettischen von Nicole Nau

Sie steht auf den Meereslippen – an der Stelle, wo die sandige Unterlippe sich mit der mild kühlen Oberlippe in einem stummen Seufzer berührt. Pschsch…Pschsch… Heute ist es ruhig. Der Wind von der Seite so warm, dass man ewig leben möchte.
Sie kreuzt die Arme über der Brust, kriecht in die Ärmel ihres langen, ausgeblichenen Pullis, versteckt ihr Gesicht im hohen Kragen. Nur die Augen schauen heraus und die schmale Nase, deren Flügel von Zeit zu Zeit erzittern wie bei einem Hund, der endlich sein lang ersehntes Zuhause wittert.
Eine leere Plastikflasche rollt, vom Wind getragen, klappernd den Strand entlang. Sie stößt gegen ihre Beine, bleibt dort einen Moment hängen, bis eine kräftigere Brise sie fortreißt. Sie bemerkt es nicht.
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