Renner

Dace Rukšāne
Renner (Skrējiens)

Erzählung, veröffentlicht in Latvju Teksti 10 (2012)

Aus dem Lettischen von Nicole Nau

Sie steht auf den Meereslippen – an der Stelle, wo die sandige Unterlippe sich mit der mild kühlen Oberlippe in einem stummen Seufzer berührt. Pschsch…Pschsch… Heute ist es ruhig. Der Wind von der Seite so warm, dass man ewig leben möchte.
Sie kreuzt die Arme über der Brust, kriecht in die Ärmel ihres langen, ausgeblichenen Pullis, versteckt ihr Gesicht im hohen Kragen. Nur die Augen schauen heraus und die schmale Nase, deren Flügel von Zeit zu Zeit erzittern wie bei einem Hund, der endlich sein lang ersehntes Zuhause wittert.
Eine leere Plastikflasche rollt, vom Wind getragen, klappernd den Strand entlang. Sie stößt gegen ihre Beine, bleibt dort einen Moment hängen, bis eine kräftigere Brise sie fortreißt. Sie bemerkt es nicht.

Der Strand ist nackt – von einer Ecke der Bucht bis zur anderen, von Horizont zu Horizont ist nicht ein einziger Mensch zu sehen. Kein Boot, kein Schiff, keine Schaumkronen. So hat sie es immer gewollt – allein sein, raffen, was das Auge fassen kann, das ganze sichtbare Stück Meer nur für sich haben und nicht die schreckliche Eifersucht spüren, wenn man das Meer besuchen kommt und es dann mit anderen teilen muss. Mit Fremden, Kleinkindern, Hunden. Allein, allein will sie sein mit den Farben, mit dem Grün, dem Gelbbraun, dem Grau und dem Aschbraun des geblichenen Treibholzes, allein mit der Bewegung, der unaufhörlichen Bewegung des Meeres, die nicht einmal bei völliger Windstille anhält, nicht einmal in der Winterstarre, wenn man metertief unter dem Eis das Meer sich strecken hört und unter den Füßen hastiges Leben knackt. Immer in Bewegung. Die See ist die Einzige, die niemals innehält.
Sie verkrampft ihre erfrorenen Finger und versucht ruhig zu atmen.

*

Luise hatte es immer schwer gefunden, ruhig zu sein. Nicht zu rennen. Still zu sitzen und die Beine nicht zu bewegen.
„Sitz still!“
„Zapple nicht!“
„Bist du mal ruhig?“
„Hör mal, kannst du denn nicht einen Augenblick einmal nicht herumtoben?“
Als Kind hatte Luise sich sehr bemüht, zu gehorchen. Sie presste die Knie zusammen und verkrampfte sich so zielstrebig, dass sie regelmäßig in die Hose pinkelte. Es war einfacher, sich nass zu machen als sich zu zwingen, still zu stehen. Dann hatte sie wenigstens für einen Moment Ruhe – sie wurde zum Umziehen in Bad geschickt, und dort konnte sie sich loslassen. Die vor Scham zusammengekrallten Finger lösten sich und tanzten über die Wände des Badezimmers, über Spiegel und Waschbecken, die Knie tanzten nach selbsterdachten Melodien, rissen die Füße mit und die eckigen Hüften, und Luises Gedanken konnten zwischen Decke und Fußboden hin und her schießen, von der Tür zum Duschvorhang, darunter durch, mit dem Wasser fort durch das Abflussrohr, weg von zuhause.
Später, als sie größer war und Pinkeln in der Öffentlichkeit zur sozialen Katastrophe zu werden drohte, ging Luise zu Schluckauf über. Lautes Klicken erschall in den Schulräumen während der Klausuren und Prüfungen, und das störte nicht nur die Klassenkameraden, sondern auch die Lehrer, die mit beneidenswerter Halsstarrigkeit Luise jahrelang immer wieder empfahlen, den Atem anzuhalten, kaltes Wasser zu trinken, bei zugehaltener Nase so lange Luft auszupusten, bis Bläschen in den Augenwinkel erschienen. Niemandem konnte Luise erklären, dass sie das Schlucken nicht vor Aufregung oder Nichtwissen bekam. Luise wusste. Sie konnte nur nicht in ihrem Lauf anhalten und aus der Fülle all des Wissens, das in wildem Tempo an ihr vorbeistürmte, genau das Stückchen fangen, das im gegebenen Augenblick notwendig war. In ihrem Kopf tobte ein riesiges Knäuel von Gedanken und Ansichten herum – es rotierte und schlingerte und warf Hunderte und Tausende bunter Fäden in die Luft. Man hätte nur das Karussell anhalten, das richtige Ende finden und ziehen müssen. Doch jeder Versuch zu bremsen erforderte gewaltige Konzentration und eine ganze Schluckaufserie.
Zu Anfang schleppte ihre Mutter sie zu Immunologen, Neurologen und Endokrinologen. Dann versuchte sie es mit Heilpraktikern und Psychotherapeuten. Zum Schluss brachte sie Luise zu einem Psychiater. Luise schluckte gehorsam Tabletten, hörte mit dem Schluckauf auf und fing dafür mit hundert bunten, lebhaften Träumen an. Alles andere blieb jedoch beim Alten – Luise schaffte es nicht, einen Augenblick still zu halten. Sie musste entweder selber unaufhörlich in Bewegung sein oder zusehen, wie andere sich bewegten. Wie die Zeit kommt und dir den Rücken kehrt. Wie der Wind die Richtung ändert und das Wasser durch die Gezeiten lebendig wird. Wie eine Neuigkeit in den Kopf hineinfliegt und wieder hinaus, unbedeutende Fußspuren hinterlassend. Alles Gesehene und Gehörte lag in ihrem Gehirn wie dünne, millionenfach durchgedruckte Kohlepapierblätter, die schon im Augenblick ihres Erscheinens unverzüglich sortiert und an der entsprechenden Stelle abgelegt werden mussten, damit sie nicht durcheinander kamen, damit sie nicht verschwanden.
Luise liebte es, an einem Ort geboren zu sein, an dem sich die Jahreszeiten abwechselten und das Meer pulsierte, – so gut wie jeden Tag geschah etwas Unvorhersehbares, etwas vorher Unvorstellbares. Aber gleichzeitig herrschte irgendwo an der Wurzel des scheinbaren Chaos der Jahreszeiten wie auch der Wellen Ruhe – ein bestimmtes System, nach dem sich die Welt richtete, das außerhalb von Luise existierte. Sie sehnte sich und strebte nach dieser Welt, die sie in ihrer Nähe nicht finden konnte. Um das Flimmern in Fingern, Lunge und Augenbrauen in den Augenblicken, in denen sich nichts bewegte, zu beruhigen, musste sie ständig etwas tun. Sie ordnete die Bücher in den Regalen, putzte das Haus, wühlte in der Erde und rupfte grüne Sprossen zwischen Pflastersteinen aus. Ihre Absätze trommelten den Rhythmus jedes gehörten Lieds. Ihre Zehen bewegten sich wie der Bogen über die Saiten einer Geige. Ihre Finger spielten Klavier. Deshalb hörte Luise viel Musik – in diesen Momenten hatten alle Teile ihres Körpers etwas zu tun und die Gedanken hörten auf, in Panik hin und her zu flitzen.
Luises Blumenbeete hielten jedoch keine geraden Linien ein, die Mohnsamen vermischten sich mit den Erbsen, die Bücher wechselten auf eigene Faust die ihnen zugeteilten Plätze und generierten ständig neue Systeme. Früh entfloh sie dem Elternhaus, in dem die Mutter für Ruhe und Ordnung sorgte und der Vater sich an Rituale hielt, die jegliche Überraschung ausschlossen. Sie konnte keine Freundschaft aufrecht erhalten, denn sie kam nie pünktlich zu Verabredungen, Gläser fielen ihr aus den Händen und Flüssigkeiten befleckten fremde Teppiche in Kaffeebraun und Rotweinrot. Gespräche sprangen von einem Thema zum nächsten in solcher Geschwindigkeit, dass die anderen nicht mitkamen. Die Freunde, die dann zu Bekannten wurden, meinten, Luise könne nicht zuhören. Sie würde an ihnen vorbei und über sie hinweg sehen, sie sei nachlässig und oberflächlich. Aber Luise hatte keine Zeit, darüber nachzudenken und sich in das Geschwindigkeitsgefühl zu vertiefen. Sie selbst war Geschwindigkeit.

*

Tom war der Erste, den Luise aushalten konnte. Luise war die Erste, die Tom annehmen konnte. Später, als sie zusammenlebten, traf sie hin und wieder Menschen, die ihr ähnlich waren – diese fragilen, ständig aufgeregten Typen, deren Gliedmaßen ohne äußerlich wahrnehmbare Aufforderung losrennen, deren Augen hin und her schießen auf der Suche nach einer Bewegung außerhalb ihrer selbst zum Anknüpfen, und deren Herz den Schlag dreier Leben in einem hämmert. Manche von ihnen hielten sich mit Chemikalien an der kurzen Leine, andere fügten sich und anderen absichtlich Schmerz zu, wieder andere sprangen – von Hausdächern, von Klippen, von Brücken, aus Flugzeugen. Manche mit Fallschirm, andere ohne. Selten traf einer einen anderen Renner. Da sie so auserwählt und selten waren, waren solche Verbindungen gewöhnlich stark und fürs Leben.
Luise und Tom flitzten und blinkten in einer mit menschlichem Auge nicht zu erfassenden Blitzhaftigkeit, ohne einander je durch den Wechsel von Tempo und Rhythmus zu stören. Was Tom ordnete, das brachte Luise durcheinander. Was Luise aufstellte, musste Tom umbauen. Sie lachten viel, fuhren mit dem Rad zur Arbeit, und bei Schneesturm gingen sie zu Fuß. Sie puzzelten im Haus herum, jeder hörte dabei seine eigene Musik in einer disharmonischen Kakophonie, und nur in den Momenten, in denen sie sich ihren fiebrigen Umarmungen hingaben, legten sie dieselben Platten auf. Oder stellten die Musik ganz ab und machten die Nachrichten im Radio an. Sex war die Gelegenheit, bei der Informationen es schafften, sich in der vorgesehenen Reihenfolge und Tonart den Gedanken einzuprägen. Wie im Meer, über dessen Rhythmus in nie wiederholbarer Zeichnung Wolkenfetzen schwimmen, die flüchtige Abdrücke in der Spiegelfläche des Wassers hinterlassen.
Sie verzichteten darauf, ihre alten Holzfenster durch moderne aus Plastik zu ersetzen und baten den Sturm, in die Scheiben zu jagen, die morschen Rahmen zu brechen, die Blumentöpfe von der Fensterbank zu fegen und das Zimmer mit Glassplittern voll zu schütten. Dann tanzten sie inmitten des Chaos, wirbelten und drehten sich, lachten und pufften sich, bis sie kraftlos aufs Bett fielen und einander zukeuchten:
„Wenn nun dieser Splitter…“
„Wenn nun diese Höhe…“
„Wenn nun ein Fall…“
„Oder eine Leiter, oder ein Auto, oder ein Eiszapfen…“
„Was auch immer davon…“
„Ja, was auch immer davon…“
„Ja. Dann schneide ich die Schnüre durch.“
„Ich reiße den Stecker raus.“
„Ich kappe dir den Strom.“
„Und wenn man mich nicht lässt, dann sprenge ich das Kraftwerk.“
„Versprichst Du’s?“
„Ja.“
„Ja.“
„Ja.“
Sie kauften einen Jack Russel Terrier, der ohne Anlauf höher als Toms Kopf springen konnte und ihr Mobiliar in viel schnellerem Tempo zerstörte, als sie es selbst zustande brachten. Nachdem sie sich ausgelacht hatten, versuchten sie, die Dinge wieder an ihren Platz zu räumen, während der kleine Teufel die Ordnung vom anderen Ende wieder auflöste. Leider war der Terrier nicht nur chaotisch und ungestüm. Er war auch ein Springer. Dritter Stock ohne Fallschirm. Nach einem raschen Hundebegräbnis versprachen Luise und Tom sich, keine Außenstehenden mehr in ihre Spiele zu verwickeln.

*

Sie steht auf den Meereslippen – an der Stelle, wo die sandige Unterlippe sich mit der mild kühlen Oberlippe in einem stummen Seufzer berührt. Pschsch…Pschsch… Heute ist es ruhig. Der Wind von der Seite so warm, dass man ewig leben möchte.
Luise wendet sich den Dünen zu und geht langsam weg vom Meer. Sie watet durch Sandseggen und bezwingt ein paar kleine Hügel, dann bleibt sie stehen. An der Stelle, wo die Kiefern beginnen und der Waldweg in wirren Verwehungen verschwindet, wartet Tom auf sie. Mit festem Griff schiebt sie ihren Mann im Rollstuhl bis ans Wasser. Am Rand der Wellen hält Luise an, um Atem zu holen. Das Steuern durch den Sand hat sie schlapp und langsam gemacht.
Luise hebt den von der Lähmung vernichteten Körper ihres Mannes aus dem Rollstuhl und trägt ihn behutsam hinein ins Meer. Das Wasser ist kalt und ihr Körper beginnt zu zittern – er scheint sich von der furchtbaren Steifheit und Starre der letzten Monate zu befreien, tanzt und zerrt in zehnfach schnellerem Tempo als das Meer braust. Aber mit jedem Schritt lässt das Zittern nach und passt sich zunehmend den Wellen an.
Luise öffnet Tom die Augen. Mit Daumen und Zeigefinger sperrt sie die Lider auf und taucht ihren bewegungsunfähigen Mann eine Handbreit unter Wasser. Tom sieht sie an. Durch das Spiegelbild der Wolken, durch den Rhythmus, auf den sich schon einen Augenblick später ein anderer Wind legt, der ihn in eine neue Lebensform verwandelt.
Luise lässt Tom los. Einen Moment verfolgt sie, wie er sich entfernt, wie er blasser wird, dann geht sie tiefer ins Wasser hinein.

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