Noch ein Gedanke in zwei Übersetzungen

„Die Natur ist so riesengroß und das Himmelsgewölbe darüber so endlos, daß der Mensch, von der Stille erschreckt, sterben würde, wenn die Rufe der Tiere und Vögel, die Seufzer der Kräuter und die Stimmen der Bäume und Wasser ihm nicht zu Hilfe kämen.“ (Ed. Virza, Straumehni, übersetzt von Willi Stöppler, Riga 1934)

Ich lese immernoch, mit erstauntem Vergnügen, die deutsche Übersetzung von Virzas Straumēni. Den obigen Gedanken habe ich mir notiert, weil er mir gefiel, und dann noch einmal selbst aus dem Lettischen übersetzt:

Die Natur ist so gewaltig und das Himmelszelt über ihr so endlos, dass die Stille den Menschen zu Tode erschrecken würde, wenn ihm nicht die Rufe von Vögeln und Vieh, die Seufzer der Gräser und die Stimmen der Bäume und Gewässer zu Hilfe kämen. (Übertragung von Nicole Nau, 2018)

Über das „über ihr“ versus „darüber“ habe ich einige Zeit reflektiert, ich weiß nicht, welche Variante schöner ist. „Tiere und Vögel“ finde ich komisch, da Vögel doch auch Tiere sind, außerdem heißt das im Lettischen verwendete Wort zuerst ‚Vieh‘. Ich lasse lieber die Gräser seufzen, denn bei Kräutern denke ich gleich an Dill und Petersilie. „Die Wasser“ kommt mir auch nicht leicht über die Lippen, und es geht doch wohl um Flüsse und Seen, also Gewässer. Letztlich sind die Unterschiede in den Übersetzungen jedoch eigentlich Geschmackssache. Und ich weiß nicht, wie sehr der Geschmack (in diesem Fall) mit der Zeit zusammenhängt, in der wir schreiben, oder eine ganz individuelle Angelegenheit ist.

Hier noch das lettische Original – vielleicht mag sich noch jemand daran versuchen?

Daba ir tik milzīga un debesu velve pāri tai tik bezgalīga, ka cilvēks nomirtu, klusuma izbiedēts, ja lopu un putnu kliedzieni, zāļu nopūtas un koku un ūdeņu balsis viņam nenāktu palīgā.

Knutifikation

Einer von mehreren etwas seltsamen Trailern zu einem Film über den lettischen Dichter Knut Skujenieks – „Knutifikācija“. Die Worte, die er spricht, habe ich so übersetzt:

Und alle haben es so schwer
Müde die Wolke von ihrem Gold
Müde der Spatz von seinem Flug
Der Stahl von seiner Stählung
Und ich von der großen Entfernung
Müde der Horizont von meinem Blick
Müde der Brief von meinem Geschick
Und du müde von meiner Ermüdung
Und alle haben es so schwer

Nur dass irgendwo eine Maus zu knabbern beginnt
Eine Spinne Fäden zu Luftbrücken spinnt
Ein Löwenzahn langsam ganz langsam einen Stein aufbricht
Deine Hand einen Steckling in Humus sticht
Und alle haben noch eine Hoffnung
Früher oder später

„Im Film “Knutifikation” geht es um den Prozess des Lernens und Bewusstwerdens, darum, wie das von Folgen der Ursachen bestimmte System versucht, den Geist des Individuums zu beherrschen, und dass die menschliche Natur doch nicht immer in der Lage ist, sich damit abzufinden. Der Film folgt Knuts Skujenieks, einem jungen Dichter, der nach seinem Studium in der Hauptstadt auf den Stillstand in der Provinz trifft. Nachdem er sieben Jahren ungerechtfertigt im Gefängnis eingesessen hat, wird er nach seiner Rückkehr noch unbequemer für die Machthaber. Knuts ist kein Revolutionär der Massen, Knuts lehrt, ein Revolutionär in sich zu sein. Die Lehre ist kurz: das Leben ist schwer, die Wahrheit teuer.“ (Text zum Trailer auf YouTube)

In den Jahren in der Strafkolonie bewahrt er sich seine Freiheit in der Dichtung. Seine Gedichte aus dieser Zeit (1963-1969) erscheinen 1990 in dem Band Sēkla sniegā (Samenkorn im Schnee), darunter auch das zitierte Gedicht Und alle haben es so schwer.

Und noch ein Kommentar des Dichters:

SkujenieksNodzerties

Mich totsaufen fände ich einfach langweilig.

Limbaži

(Bild: die Cēsu iela in Limbaži – zu einer etwas anderen Zeit. Gefunden auf letonika.lv)

Matthias Boosch: Black Friday und andere Lettland-Geschichten.
BaltArt-Verlag, 2016

Ich ging die Straße entlang. Rotbraune Blätter an den Bäumen, sowjetisch anmutende Autos, aufgesprungener Asphalt.
«Cēsu iela», stand auf einem Straßenschild. Das also war der Ort, in dem ich das nächste Jahr verbringen wollte.
Ein Freund hatte mich auf die Idee gebracht, als er nach einer Lettlandreise überzeugt war, man könne dort besser als anderswo «dem Leben zuhören».
Ich ging an einem alten Holzhaus vorbei, wie man es von Schweden her kennt. Folgte der Cēsu iela.
Limbaži. Eine Kleinstadt im Norden Lettlands. Ich freute mich auf das nächste Jahr.
Weiterlesen

Unübersetzbares und Unerklärliches

ar visiem valsts svētkiem
aizmirsās veļus pabarot

(Christian Rohlfs: Fabelwesen)

Christian Rohlfs: Fabelwesen

Im November hat Lettland Geburtstag. Am 18.11.1918 wurde die lettische Republik ausgerufen, nachdem jahrhundertelang fremde Gewalten über die Bewohner dieses Landes geherrscht hatten. Die Vorbereitungen zur Hundertjahrfeier im kommenden Jahr haben schon im vorigen angefangen. Heuer können wir die 99 noch etwas ruhiger feiern, wie es der lettischen Natur im November entspricht. Lettisch valsts svētki = Staatsfeiertag.

Im November wandern die Seelen der Verstorbenen übers lettische Land. Man sieht sie manchmal schemenhaft im Abendnebel oder hört sie im Dunklen durchs Laub rascheln. Auf Lettisch heißen diese wandernden Seelen veļi. Das Jahr über leben sie in ihrem eigenen Land und gehen dort ähnlichen Tätigkeiten nach wie die lettischen Bauern. Im Oktober, November, mancherorts noch im Dezember, besuchen sie ihre Nachfahren. Diese decken ihnen einen Tisch mit Essen und Trinken und ziehen sich dann respektvoll zurück, damit die Veļi ungestört unter sich sein können. Lettisch pabarot veļus = den Veļi Essen geben, die wandernden Seelenwesen füttern.

Wenn man dieses Vorwissen voraussetzt, könnte man die eingangs zitierte Zeile aus Knut Skujenieks Gedicht vielleicht so übersetzen:

Über all dem Staatsfeiertag
vergaß ich glatt die Ahnen zu bewirten.

Aber das gibt nichts von der Stimmung wieder, es fehlen die lettischen Novemberassoziationen. Kalter Nebel. Schatten, die durch die dunklen Abende wandern. Ahnen und Ahnungen. Und dahinein ein ungeahntes politisches Ereignis: eine Staatsgründung! Das verträumte Land wird zur Repulik! Bauern werden Bürger! Die lettischrote Fahne mit dem weißen Streifen wird zur Staatsflagge!

Die Veļi haben das vielleicht geahnt. Denn auf Christian Rohlfs‘ Zeichnung „Fabelwesen“ (aus dem Skizzenbuch „Hagen“, Kunsthalle zu Kiel) sehen wir flatternde Wesen, deren Flügel und Körper zu Fahnen in den Farben der baltischen Staaten werden – oben das Blau-Schwarz-Weiß der Esten (Staatsgründung 24.02.1918), unten etwas weniger deutlich das Gelb-Grün-Rot der Litauer (Staatsgründung 16.02.1918), mittendrin, klar und fröhlich, das Rot-Weiß-Rot der Letten. Dieses spezielle Rot heißt sogar Lettischrot, lehrt mich Wikipedia.
Baltic_Flaggen
Aber kann das denn sein? Der deutsche Künstler Christian Rohlfs scheint keine besondere Beziehung zum Baltikum gehabt zu haben (außer vielleicht über die aus Riga stammende Tänzerin Tatjana Barbakoff, der er einen ganzen Zyklus widmete). Aber die Zeichnung stammt aus dem Jahre 1906, und da gab es keine baltischen Staaten und keine baltischen Staatsflaggen. Die lettische und die estnische wurden in diesen Farben zwar schon seit Ende des 19. Jahrhunderts von Studentenvereinigungen getragen, aber die litauische entstand später. Es bleibt unerklärlich.

Wie so vieles im November.

(siehe auch das Nachwort zu Paul Bankovskis‘ Roman 18; ein anderes heute passendes Gedicht von Knuts Skujenieks)

Wo ist die Morgenröte?

AusmaKinder

Laima Pakalniņas Film Ausma (2015)

Lettisch-estnisch-polnische Koproduktion von Laila Pakalniņa, Kaspar Kallas und Małgorzata Staroń.
Kamera: Wojciech Staroń
Musik: Vestards Šimkus

Plötzlich und unerwartet lief dieser Film, den ich schon längst hatte sehen wollen, an einem Nachmittag vor Ostern in einem Kino meiner Stadt. Ich bin froh, dass ich ihn gesehen habe, auch wenn ich das Kino mit gemischten Gefühlen verließ.

Guter Trailer auf Vimeo:

Am Anfang läuft einer vor der Kamera her durch einen Bach und ruft dabei: Wo ist die Morgenröte?  Aber es geht nicht um Licht am Himmel, und der englische Titel „Dawn“ ist eher irreführend. Es geht um Grausamkeiten verschiedener Art, individuelle, historische, politische, schicksalhafte. Ein Mann hat seine Frau tot geprügelt (wir sehen ihren Leichnam auf einem Pferdewagen). Ein Sohn hat seinen Vater wegen antikommunistischer Umtriebe oder so angezeigt. Ein Vater ermordet seinen Sohn. Eine Handvoll Männer wird gefesselt abgeführt, von einer harkenschwingenden Menge bespuckt. Die Männer befreien sich und ermorden nicht nur ihre Bewacher. Das Volk stürmt eine Kirche, reißt Bilder, Kreuze, Madonnen herunter und stapelt sie zu einem Scheiterhaufen. Menschen, die kaum noch wie solche aussehen und sich schon gar nicht wie solche benehmen, trinken milchigen Selbstgebrannten aus großen Gläsern. Weißbehemdete, rotbehalstuchte Kinder schwärmen über Wiesen. Beeindruckende Bilder, großartige Musik (wie ich las, die erste Filmmusik, die der lettische Pianist Vestards Šimkus komponiert hat; der Soundtrack ist hier).

Aber worum geht es wirklich? Das habe ich erst verstanden, als ich den rekonstruierten Film von Sergej Eisenstein „Die Beschinwiese“ (1935-1937) im Internet fand. „Ausma“ ist ein Dialog mit diesem Film, vielleicht mit dem sowjetischen Kino der Dreißiger überhaupt. Dazu passt dann auch, dass mir Pakalniņas Film als eine Aneinanderreihung von Bildern erschien, denn nur so ist Eisensteins Filmidee heute erhalten. Eisenstein wollte die Geschichte eines Jungen erzählen, der in den stalinistischen Dreißigern und danach zum Mythos wurde (der Mythos hat den Namen „Pawel Morosow“, der Junge im Film heißt allerdings anders). Pakalniņa zeigt, wie absurd diese Idee aus heutiger Sicht ist. Zeigt, wie man dieselben Szenen filmen und anders interpretieren kann. Das ist schon spannend und aufwühlend. Ohne dieses Hintergrundwissen fehlt dem Film allerdings etwas (die Story?).

Schwarze Schlange hat gemahlen

rozentals_melna_cuska

Jānis Rozentāls: Melna čūska miltus mala (1903)

Daina 31348

Schwarze Schlange hat gemahlen
Mehl im Meer auf einem Felsen.
Das sei Speise für die Herren,
die uns fern der Sonne knechten.

Melna čūska miltus mala
Vidū jūras uz akmeņa.
Tos būs ēst tiem kungiem,
Kas bez saules strādinaja.

(Deutsche Übertragung von Nicole Nau)

Die Daina vereint ein sehr altes Motiv aus der baltischen Mythologie (die Schlange in der Mitte der See, die mit der Erschaffung der Welt aus dem Chaos beschäftigt ist) mit einem profaneren Kommentar zur Sklaverei in späterer Zeit (nachdem die Deutschen die Letten entdeckt hatten).

Rozentāls Bild erinnert, jedenfalls vordergründig, nur an die mythologische Seite. Das Bild hat dann seinerseits die lettische Indie-Gruppe mit dem seltsamen Namen „Das Sonntags Legion“ zu einem Stück inspiriert, das hier zu hören ist. Andere Stücke auf diesem neuen Album gefallen mir allerdings besser, z.B. gleich das erste von Nils Īle und Kanisaifa zum Bild „Prinzessin mit Affe„, von dem hier schon mal eine ganz andere Version zu sehen war. (Das waren jetzt aber mal viele Links)

Von Liebe, Sprache und Verantwortung

p1020474Kārlis Vērpe: Gefährliche Worte (in: Satori Nr. 1)
Ausschnitte in deutscher Übersetzung von Nicole Nau

Ein Denker der Antike hat einmal gesagt, die Liebe sei eine Flut. Am Anfang ist sie kaum zu spüren, unmerkbar steigt der Pegel, Vögel tirillieren, Forellen haschen nach summenden Käfern, ein warmer Wind streichelt die Haut, Schäfchenwolken gleiten über blauen Himmel. Plötzlich erfasst dich die Strömung und du verlierst den Boden unter den Füßen, und es ist zu spät, um an Land zu kriechen. Du krallst dich in den Zweigen eines gefallenen Baumes fest und wehrst dich, die Strömung reißt dir ein Stück Seele aus, lässt dich aber am Leben und gemahnt an das große Geschenk der Götter und deine unbehauene Überheblichkeit. Du kannst dich nur noch treiben lassen, ohne zu wissen, was wird: vielleicht zieht dich hinter der nächsten Biegung ein Strudel in die Tiefe, vielleicht wird die Strömung mit der Zeit zu einem ruhigen Fluß, auf dessen Grund greise Welse wohnen, an dessen Ufern malerische Eichenwäldchen stehen und dessen Arme weit in den Kontinent hineinreichen. Vielleicht aber versiegt die wilde Kraft auch in einem nebeligen Morast ohne Ende, Ränder und Garantien, dass die Fluten dich nicht noch einmal unvorbereitet erwischen. Die Liebe kommt immer überraschend. So der antike Denker.
Weiterlesen