Fünf Finger (Anfang)

Zum Klappentext

Māra Zālīte: Pieci pirksti (Fünf Finger)
Rīga: Mansards, 2013

Aus dem Lettischen von Nicole Nau (vollständige Übersetzung in Vorbereitung)

 

Jeder ist auch ein anderer und niemand ist nur er selbst.

(schrieb – jemand anders)

Der Zug

Laura fährt schon ihr ganzes Leben lang Zug. Vielleicht noch länger. Der Zug ist nichts Gutes. Eher etwas Böses. Wie ein riesiger Drache pustet er seinen Ärger durch die Nasenlöcher aus. Seinen schrecklichen Zorn auf die ganze Welt stößt er in regelmäßigen Abständen aus wie fauchenden Nebel.

– Was war das?

Papa meint, der Zug ließe Dampf ab und Laura würde das auch nicht schaden. Was? Ein bisschen Dampf ablassen. Laura? Ja, dann würde sie nicht so zappeln. Wie kann Papa sie bloß mit dem Zug vergleichen? Laura zieht eine Schnute.

Der Drache faucht und pfeift und würgt und wirft seinen Schwanz herum. Laura, Mamma und Papa fahren hinten im Zugschwanz. Der Drache wirft sie herum wie Kasperlepuppen. Laura hat kein Vertrauen zu dem Zug, nicht das kleinste bisschen. Vielleicht ist der Zug verrückt. Vielleicht hat der Zug keinen Verstand. Wie kann ein Mensch wissen, wohin so ein dummes Stück Eisen sie zerrt? Der Mensch denkt, nach Lettland, aber wie kann man das wissen? Wie kann man sicher sein?

Aus eigenem Willen kann der Zug gar nichts tun, beruhigt Mamma sie. Der Zug muss immer geradeaus auf den Schienen fahren, nicht nach links und nicht nach rechts. Die Schienen halten dieses Ross im Zaum. Laura kann beruhigt sein, denn die Schienen führen den Zug geradewegs nach Lettland. Ne kurze Wiel und schon am Ziel! sagt Papa lachend. Laura will gar nicht wissen, was all diese fremden Wörter bedeuten, die eben gesagt wurden. Ein anderes Mal würde sie das, aber im Moment lässt sich Laura auf kein Gespräch ein.

Laura hält es nicht mehr aus, sie kann es nicht mehr ertragen! Sie kann nicht und sie will nicht, Schluss aus. Sie kann das ewige Gerüttel und das Rattern der Weichen nicht mehr ertragen, davon wird Laura schlecht und sie muss spucken. Sie will den beißenden Steinkohledampf und den schalen Metalldunst nicht riechen müssen. Sie will den Schweiß und die stinkenden Füße der anderen Leute nicht ertragen, wenn sie ihre Stiefel ausziehen, um sich auf die Pritschen zu legen. Viele haben Stoffwickel statt Strümpfe. Sie will den Dunst nach Schnaps und Papirossi nicht, sie will keinen Tee aus dem Blechbehälter, denn nach dem Trinken muss man nur wieder aufs Zugklo pieschern gehen. Laura hält immer an bis es nicht mehr geht.

Aufs Klo? Musst du mal aufs Klo? Laura hatte Mamma vertraut. Aber was sie dann gesehen hatte… Laura bekommt Brechreiz, daran darf man nicht mal denken.

Der Abort ist das Schrecklichste im Zug. Ein kleines Kind kann in die Kloschüssel und dann durch das offene Loch nach draußen fallen! Das ist das Fürchterlichste, was Laura sich vorstellen kann. Das Loch im Klo bewegt sich und weicht aus, man kann nicht hinein treffen, durch das Loch hindurch sieht sie die vorbeiblitzenden Schwellen und die drohende, rachgierige Erde zwischen den Schienen. Die Erde zwischen den Schienen ist wie eine Furche, in die die Menschen ihren Dung säen. Ein kleines Kind kann da nur die Augen zusammenkneifen und schreien. Laura will nicht, dass es stinkt, dass es rüttelt, dass ihr der Bauch weh tut. Genug! Laura wird aus dem Zug steigen und nie mehr im Leben mit so einem stinkenden Drachen fahren! Sie wird einen anderen Weg finden, wie sie nach Lettland kommt. Sie sucht ihre Sachen zusammen. Mamma liest ein Buch und hält den Kopf gesenkt. Soll sie nur lesen, wenn sie den Kopf hebt, ist Laura weg.

– Laura! Wo willst du denn hin? Papa findet das anscheinend lustig.

Warte nur, warte, bis Laura ausgestiegen ist. Dann werden wir ja sehen, ob Papa das immer noch lustig findet.

– Laura fährt nicht mit dem Zug! Laura fährt mit dem Schiff! Laura steigt aus!
– Kletter wieder auf die Bank und red keinen Unsinn! Du steigst nicht aus, da wird nichts draus! Versuch nur an der Tür zu zerren. Dannkommt die Schaffnerin, und die wirft dich dann hinaus! – Mamma hat den Kopf von ihrem Buch erhoben und ist böse.
– Laura fährt mit dem Schiff!
– Wo willst du das Schiff herkriegen? Nach Lettland gehen keine Schiffe.
– Warum gehen keine?
– Weil Schiffe keine Beine haben.
– Warum nicht?
– Denk mal nach.

Laura will nicht nachdenken! Laura will keine Rechtfertigung dafür finden, dass sie mit dem Zug fahren müssen. Noch dazu mit einer Schaffnerin, die kleine Kinder aus dem fahrenden Zug wirft!

Mit einem Schiff hatte ihre Reise begonnen. Mit einem großen weißen Schiff! Mit einem großen Schiff und mit großem Jubel. Von wegen ausgeblichener Pantoffel! Wie konnte Papa so etwas sagen? Das ist ein großes, weißes Schiff. Auf einem Schiff kann man an die frische Luft gehen, in den blauen Himmel gucken, die schmerzenden Knie und Ellenbogen von der Sonne wärmen lassen und den großen Fluss einatmen. Der Fluss ist vertrauenswürdig. Der Fluss ist lebendig. Der Fluss ist klug. Nicht wie die Schienen, die weder Herz noch Verstand haben. Der Fluss duftet süß nach frischen Fischen. Wenn man ganz tief einatmet, kann man einen süßen Fisch einatmen. Ein ganz kleines Fischlein natürlich, keine großen.

Laura hat ganz viele winzig kleine Fischlein eingeatmet. Die sind so winzig, dass man sie mit dem Auge gar nicht sehen kann, man kann nur spüren, wie die Fischlein im Herzen fröhlich spielen. Wie sind sie da rein gekommen?

Mit den Fischlein fühlt Laura sich viel lebendiger.

Laura wird überhaupt nicht seekrank, kein bisschen. Manche werden das. Wie kann man auf einem Fluss seekrank werden? Papa und Mamma werden es auch nicht. Sie stehen am Rand des Schiffes, was man die Reling nennt, halten sich umfasst und singen leise: Wehet, Winde, treibt mein Bötchen, treibt mich fort, nach Kurland heim. Kein Bötchen, ein Schiff! Laura verteidigt die Ehre des Schiffes, aber die beiden sehen nur einander in die Augen. Ihr Kind sehen sie überhaupt nicht!

Auf dem Schiff, das den großen Fluss entlang fährt, versteht Laura, was Freiheit ist. Um die es ja geht, über die immer geredet wird. Jetzt fängt sie an, das so ungefähr zu begreifen. Zumindest so in die Richtung. Wasser und Himmel. Wind und Sonne. Freude über die Fischlein im Herzen. Das Schiff, das ruhig dorthin fährt, wohin du, Mensch, dich so brennend sehnst. Wenn du, Mensch, mit den Winden reden kannst, sie um Hilfe bitten. Treibt mich fort, nach Kurland heim!

Kurland ist dasselbe wie Lettland.

 

*****

Mehr aus diesem Buch? Hier!

Mehr über dieses Buch? Hier!

Lettland Ende der fünfziger Jahre. Stalin ist tot und die Angehörigen der während der Terrorjahre erschossenen oder in den Gulags umgekommenen „Volksfeinde“ kehren aus der Verbannung zurück – in eine Heimat, die es so, wie sie sie in Erinnerung haben, nicht mehr gibt. Diejenigen, die bei der Deportation noch Kinder waren, sind in Sibirien zu jungen Erwachsenen geworden. Für ihre eigenen Kinder ist das unbekannte Lettland das Versprechen auf ein Leben im Glück. Welche Chancen hat so ein Versprechen in einem Land, das sich vom Krieg und seinen Folgen noch nicht erholt hat und in dem sich allmählich der sowjetische Alltag etabliert?

Das Buch Pieci pirksti, der erste Roman der Dichterin und Dramatikerin Māra Zālīte, wurde mit dem Lettischen Jahrespreis für Literatur in der Kategorie „Bestes Prosawerk 2013“ ausgezeichnet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s