Sonne, Donner, Daugava

Rainis
 
Sonne gab den Letten Heimat,
wo sich Meer und Land berühren.
Wo sich beider Ränder treffen,
erhielt Lettland Torgewalt.

Lettland hielt zum Tor den Schlüssel,
wachte über Dünas Fluten.
Fremdes Volk kam, brach das Tor auf
und der Schlüssel fiel ins Meer.

Weiße Blitze sandte Donner,
riss den Schlüssel aus der Tiefe.
Lettland schloss den Tod vom Leben,
weißes Meer von grünen Feldern.

Sonne gab den Letten Heimat,
wo die weißen Wogen branden.
Sand bedeckte grüne Felder –
sollten Lettlands Kinder darben?

Sonne hieß den Gott der Menschen
Dünas Graben zu vertiefen.
Tiere halfen, und aus Wolken
ließ Gott Lebenswasser fließen.

Lebensfluten, Todesfluten
bildeten die Daugava.
Tauch ich meine Hand ins Wasser,
spür ich beider Macht in mir.

Deutsche Übertragung von Nicole Nau

Dieses Gedicht ist ein Teil des lyrisch-dramatischen Werks Daugava des lettischen Nationaldichters Rainis, wo es als „Lied des Spielmanns“ in eine Szene eingebettet ist. Das Werk im Original ist 1919 erschienen und z.B. hier zu finden.

Die heutigen Letten kennen und lieben den Text aber vor allem als Lied für gemischten Chor, komponiert von Martiņš Brauns. Für viele ist dieses Lied so etwas wie die heimliche Hymne Lettlands. Mit wieviel Leidenschaft und Hingabe es gesungen wird, sieht man besonders gut auf diesem Video vom Abschlusskonzert des 25. Lettischen Liederfests 2013:

 
Das Lied weicht etwas vom oben übersetzten Originaltext ab: die Strophe über das Ausgraben der Düna wurde weggelassen, dafür wurde am Schluss eine Strophe hinzugefügt, die von einer anderen Stelle der gleichen Werks stammt. Wenn Sie mitsingen wollen, können Sie es mit der Fassung unten versuchen.
Die deutsche Sing-Fassung ist relativ nahe am Original, damit man die Emotionen der Sänger besser zuordnen kann (z.B. beim Singen der Wörter „Tod“, „Seele“, „Mutter“) und/oder ähnliche Laute an der gleichen Stelle hat. Natürlich geht das nicht immer. Für eine wirklich gute Liedfassung müsste der Text noch weiter überarbeitet werden.

Sonne gab den Letten Heimat
wo sich Meer und Land berühren
weiße Wellen, grüne Felder
Lettland Wächter ward am Tore

Lettland Wächter ward am Tore
wachte über Dünas Wasser.
Fremde Herren brachen Tore
tief im Meer versank der Schlüssel.

Weiße Blitze Donner sandte,
nahm den Schlüssel aus der Tiefe
Tod von Leben ward geschlossen,
weißes Meer von grünen Feldern.

Tod von Leben ward geschlossen,
weißes Meer von grünen Feldern.

Sonne gab den Letten Heimat,
dort wo weiße Wogen branden.
Wind weht Sand auf grüne Felder
Wasser brauchen Lettlands Kinder

Lebensfluten, Todesfluten,
Düna trägt von beiden Wasser
Ich benetze einen Finger
beide füllen meine Seele

Lebensfluten, Todesfluten
beide füllen meine Seele.

Sonne, unsre Mutter
Düna, unsrer Schmerzen Amme
Donner, Unterweltbezwinger
(das ist) unser Vater

Deutsche Übertragung von Nicole Nau

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s