Stadt am Fluss, Film und Buch

Die Erfahrung lehrt, dass man niemanden und nichts beim Namen nennen darf. Nur so kann man Anklagen, Gerichtsverfahren und Strafen entgehen. Deswegen nenne ich meine Stadt Katharinenstadt. Wenn ich jetzt noch sage, dass es in Katharinenstadt vier Gotteshäuser gab, drei Oberschulen und zwei Hotels, dann weiß jeder, der dort gelebt hat, wie diese Stadt wirklich heißt. Ich gebe noch eine kleine Hilfe. Diese Katharinenstadt liegt am Ufer der Daugava. Nun kann es keine Zweifel mehr geben, welches meine Stadt ist. Man kann es leicht erraten. Aber ich habe nichts gesagt.
Ist es wirklich so wichtig, den Namen dieser Stadt zu verschweigen?
Ja. Wie schon gesagt, ich habe da so meine Erfahrung.
(Gunars Janovskis: Pilsēta pie upes)

Eine Stadt an der Daugava ist der Schauplatz von Gunars Janovskis‘ 1989 erschienenem Roman „Pilsēta pie upes“ (Stadt am Fluss). Der Erzähler will sie nicht beim Namen nennen, doch allen soll klar sein, dass es diese ist. Katharina die Erste (nicht die Große, sondern die Frau von Peter dem Großen) ist hier geboren (daher der Deckname „Katharinenstadt“), und der Autor selbst hat hier von 1941 bis 1944 gewohnt. Die Handlung des Romans beginnt in den 1920er/ 1930er Jahren und endet 1944, als der Erzähler wie sein Autor vor der erneuten sowjetischen Besetzung flieht. Der Erzähler ist Sohn eines Malermeisters, dann sein Geselle und später sein Nachfolger. Er malt die Schilder der Stadt unter den wechselnden Machthabern: in der jungen Republik Lettland, unter dem autoritären Regime von Ulmanis, im nicht ganz freiweilig zur Sowjetrepublik gewordenen Land unter Stalin, und unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Das Buch erzählt davon, was mit dem Land, mit der Stadt, mit den Menschen in dieser Zeit geschieht und wie manche versuchen, dabei menschlich zu bleiben. Es gibt auch eine große Liebe, wobei sich die Leserin allerdings immer wieder fragt, was der symphatische Erzähler bloß an dieser Zicke findet.

Nun hat Viesturs Kairišs (der Regisseur von Melanies Geschichte) aus diesem Buch einen in vieler Hinsicht bemerkenswerten Film gemacht, der im Januar in die lettischen Kinos kam. Seine Katharinenstadt (die er auch nicht beim Namen nennt, auch nicht bei einem erfundenen, doch alle wissen, dass es diese ist) liegt ein gutes Stück weiter flussaufwärts, in Lettgallen. Deshalb sprechen die Menschen im Film auch Lettgallisch, ohne dass dies zum Thema gemacht wird, und das ist ein großes Ereignis und tut dem Prestige dieser von der Geschichte nicht immer nett behandelten Regionalsprache gut. Es zeigt, dass man in dieser Sprache nicht nur Heimatfilme drehen und Kommödien auf die Bühne bringen kann.

Ich habe den Film im Februar in Riga gesehen und erst danach angefangen, das Buch zu lesen. Es gibt viele kleine Unterschiede zwischen den beiden Versionen, aber ich bin fasziniert davon, wie der Regisseur dabei den Ton des Buches trifft. Eine großartige Übersetzung!

Der Film wird sicher auch im deutschsprachigen Raum gezeigt werden, zumindest auf Festivals. Das Buch ist, soweit ich weiß, nicht in andere Sprachen übersetzt worden, jedenfalls nicht ins Deutsche oder Englische. Ich habe hier mal die ersten anderthalb Seiten übertragen. Das Buch beginnt und endet mit einer kurzen Rahmenhandlung – ein alter Mann im Altersheim in einem ungenannten Exilland blickt auf sein Leben in Lettland zurück. Der Autor Gunars Janovskis lebte seit 1947 in England und zog 1984 in das von Letten geleitete und bewohnte Altersheim Straumēni in Leicestershire. Woher der Name des Altersheims kommt, wisst ihr ja, oder erfahrt es im nächsten Beitrag.

Gunars Janovskis: Stadt am Fluss (Pilsēta pie upes, Rīga, Apgāds Artava 1989)

Anfang des Romans, aus dem Lettischen von Nicole Nau

Mein Name ist Klētnieks. Ansis Klētnieks. Ich bin sechundsiebzig. Und ich bin nichts mehr. Einer, der im Altersheim wohnt, ist nichts mehr und kann auch nichts mehr sein. Niemand braucht mich. Ehrlich gesagt brauche auch ich niemanden. Oder höchstens den Arzt, der mir Pillen gegen die Schmerzen in den Knien und im Rücken verschreibt. Ein guter Arzt. Er verschreibt gute Pillen.

Also. Ich bin nichts. Aber einst war ich Maler. Dekorationsmaler. Kein Kunstmaler. Man könnte meinen, da sei kein großer Unterschied. Ist da aber. Manch ein Maler war auch Kunstmaler. Doch wie viele Kunstmaler gibt es, die ein ordentliches S hinbekommen? Ganz schön wenig, meine ich. Ein R geht noch irgendwie. Mit dem K fangen die Schwierigkeiten schon an. Aber für ein S braucht man mehr als Begeisterung und Inspiration. Ein Akademieabschluss hilft auch nicht. Dafür braucht man Können und Verständnis für die Harmonie der Buchtstaben. Man kann nicht überall mit Schablonen arbeiten. Ein Gemälde ist dagegen viel leichter. Du trägst einfach Farbe auf und verstreichst sie. Und am Ende kommt schon etwas dabei heraus. Das kann man nicht bestreiten. Ich will das nicht bestreiten. Ich nicht.

*

Ja, ein Altersheim. Der letzte Hafen nach den weiten Fahrten eines Schiffs, der letzte Bahnhof eines Reisenden. Mich erinnert es oft an die Chaussee zwischen Riga und Daugavpils. Wie die in alten Zeiten war. Wer weiß, wie sie heute aussieht. Vielleicht glatt und gerade? Vielleicht zertrampelt, von Hufeisen angeschlagen, jahrelang nicht ausgebessert?

Wir wissen so wenig über unser Land. Und überwiegend Schlechtes. Warum ist das so? Aber daran will ich jetzt nicht denken.

Gut. Fangen wir mit der Chaussee an. Mit der von Riga nach Daugavpils. Und wir, die Bewohner des Altersheim, sind sowas wie Fußgänger.

Man kann in Riga anfangen. Mit der Straßenbahn bis zum Quadrat fahren, falls die Gummifabrik nicht von den Deutschen gesprengt oder von den Russen gestohlen wurde. Die haben beide so eine Neigung zur Zerstörung. Ich habe selbst gesehen, wie sie in Liepavots die Freilichtbühne in die Luft gesprengt haben und den Mädchenfelsen von Staburags. Das seien militärische Ziele gewesen…

Nein, so geht das nicht. Meine Gedanken schweifen ständig ab. Ich muss die Zügel fester greifen und bei der Sache bleiben. Was hat das Mädchen von Staburags hier zu suchen? Ich wollte doch von der Chaussee von Riga nach Daugavpils erzählen. Das sind natürlich alles nur so meine Gedanken. Es kommt mir manchmal so vor, dass wir Alten uns bei der Gummifabrik auf den Weg machen. Nach Daugavpils. Manche mit Krücken. Am Stock. Manche haben den Rücken noch stolz gereckt. Aber uns allen ist klar, dass wir Daugavpils nicht zu sehen bekommen. Dass die Knochenfrau das nicht zulässt, die mit der Sense. Keiner erreicht Daugavpils. Nach und nach fallen die Wanderer am Wegrand nieder. Noch ein paar zittrige Pulsschläge. Noch ein paar letzte Seufzer im Gedenken an jemanden, der ihnen im Leben nahegestanden hat.

Haha. Es könnten auch böse Flüche für jemanden sein, der nicht nahestehen wollte. Der ihnen den Rücken gekehrt und seinen Weg allein fortgesetzt hat. Mit ihm zusammen hätte das Leben ein glanzvolles Fest werden können. Aber der Andere wollte nicht. Da war kein Platz für dich. Wenn es dir gefällt, kannst du das alles vom dunklen, schmutzigen Hof aus sehen, durch eine Ritze in der Küchentür. Und jetzt geht alles zu Ende. Dann hör her: soll doch der Teufel dich und dein Fest holen.

Auch so kann es einem ergehen. Vielen vermutlich.

Manchmal frage ich mich: wie weit werde ich kommen? Bis nach Livāni? Das ist noch ein ganzes Stück. Oder bis Pļaviņas? Koknese? Genauso gut könnte ich gleich hier bei Ķegums ausfallen. Oder in Ogre. Alles ist in Gottes Hand.
Morgens schaffe ich es noch, mein Bett zu machen. Vielleicht nicht sehr ordentlich. Der Rücken tut weh. Es fällt schwer, ihn krumm zu machen, um die Decke an der Wandseite festzustecken. Aber es ist gut genug. Wer wird schon kommen und nachschauen?

Nach dem Frühstück gehe ich zum Fenster. Das Eichhörnchen wartet auf mich. Ich streue ihm Nüsse hin.

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