Straumēni in neuer Übersetzung

Es gibt niemanden mehr, bei dem Sie sich nach dem Weg erkundigen könnten, denn zu dieser Stunde schlafen alle Leute in Zemgale, ob nun in den Kleten oder im Schatten der Gärten. Aber Straumēni kann man jetzt auch erkennen, ohne danach zu fragen. Eine hohe, verzweigte Eiche bewacht dieses Haus wie ein grüner Erzengel, und um sie herum drängen sich Ahorn- und Lindenbäume.

Wenn Leipzig nicht liest, müssen wir uns eben anders über Neuerscheinungen informieren.

Der wunderbare Guggolz Verlag hat 2020 Edvarts Virzas Straumēni (1933 auf Lettisch erschienen) in einer neuen Übersetzung von Berthold Forssmann herausgebracht. Die Hauptfigur dieses Werkes (ist das ein Roman? hmmm) ist ein Gehöft, eben Straumēni, und das Leben der übrigen, namenlosen, Protagonisten, Mensch und Tier und Baum, strömt durch es hindurch und um es herum. Es ist ein ruhig fließendes Denkmal für eine schon damals verflossene Zeit und Lebensart. Hier sind die ersten zwei Seiten als Vorgeschmack, eine längere Leseprobe gibt es auf der Verlagsseite – da könnt Ihr das Buch auch gleich bestellen, falls Ihr es nicht mehr bis zur nächsten Buchhandlung schafft!

Zemgale (deutsch auch Semgallen) ist bis heute die Kornkammer Lettlands. Die graphische Umsetzung dieses Gedankens ist auf der Postkarte aus der Serie „Nice Place“ zu sehen, die ich unten nochmal anhänge, weil ich sie so schön finde.

PS (02.05.) Eben habe ich noch entdeckt, dass 2010 eine Art Theaterstück nach diesem Werk produziert wurde: „Plūdi un saulgrieži Straumēnu skaņās“, „Flut und Sonnenwende im Klang von Straumēni“. Huch. Hier ein kleiner Eindruck davon (mir fehlen da die Bäume):

Edvarts Virza
Straumēni. Ein altes Zemgaler Gehöft im Jahresverlauf

Aus dem Lettischen und mit einem Nachwort von Berthold Forssman
Guggolz Verlag, Berlin, 2020

Jeder wird schon einmal an einem ruhigen Sommertag in die Tiefe eines Sees, eines Flusses oder eines Teiches geblickt haben. Hat er dort eine Weile hineingesehen, wird er von der Schönheit der Dinge ergriffen worden sein, die sich im kühlen Nass widerspiegeln, und er wird länger in ihrer Betrachtung verharren, als wenn er all diese Erscheinungen auf Erden erblickt hätte, denn groß ist der Unterschied zwischen wirklichen und gespiegelten Dingen. Im Nass sehen Sie ihren Widerschein: Die Birke biegt und wiegt sich dort im Wind, wenngleich ohne Geräusch, der Vogel singt in den Zweigen, aber sein Lied ist nicht zu vernehmen, und die langen Speere des Kalmus kreuzen sich zwar, doch hört man ihr Rascheln ebenso wenig wie das heisere Surren der Libellen, die sich auf ihren Enden niedergelassen haben. Welch große Ähnlichkeit mit dem Tod zeigt uns diese gespiegelte, mit Bewegungen erfüllte und doch stumme Welt, die hinter allen Dingen zu sehen ist!

Auch Erinnerungen sind nichts anderes als die Spiegelungen des vergangenen Lebens in unserem Geist. Darum ist ein Gang auf den Spuren dieser Erinnerungen ein Gang durch das Totenreich. Um uns herum breitet sich die Natur aus, ob nun in grüner Gewaltigkeit oder in weißer Erstarrung; der Mensch arbeitet, lacht oder weint, aber Gott hat all diesen Bewegungen ihre Stimmen genommen. Nur der Dichter, der beständig im Zwiegespräch mit dem Herrn steht, kann die Sprache der Entschlafenen zum Erwachen bringen. Er lässt eine Himmelsleiter geradewegs auf den Hof eines Hauses, und an ihr steigen seine einstigen Bewohner herab. Aber bevor wir mit ihnen bekannt werden, müssen wir uns mit dem Weg, der zu diesem Haus führt, und ganz besonders mit ihm selbst bekannt machen. Denn das ist unbedingt notwendig: Zwar errichtet der Mensch ein Haus nach seinem Ebenbild, aber ist es erst einmal gebaut, beginnt es ein Eigenleben zu fuhren. Jeder, der darin wohnt, wird nach ihm geformt, und je älter es ist, desto tiefer ist der Eindruck, den es bei seinen Bewohnern hinterlässt. In den Ecken der Stube schwebt der Hauch der Dahingeschiedenen, die des Nachts ihre Zwiegespräche mit den im Herd glimmenden Kohlen führen. Sie halten mit ihrem unsichtbaren und nicht fühlbaren Gewicht die neuen Hausherren von eigenmächtigen Gängen ab, und sie sind durch unzählige Faden mit den alten Freuden und Leiden des Hauses verknüpft. Und wenn Sie sehen, wie die neue Hausherrin von der Stube zur Klete oder zum Stall geht und wie der Hausherr zu seinen Pferden läuft – wie sich da in ihrem gesenkten Haupt und ihrem flinken Schritt oder in seinem gebeugten Rucken die Bewegungen der früheren Eigentümer des Hauses wiederholen! Wie ein aus der Fremde versetzter Baum seine Zweige nach der Sonne und den Winden seiner neuen Heimat richtet, so biegt und verändert die Macht der Vergänglichkeit eines jeden Hauses die Menschen. Wir alle sind an Händen und Füßen gebunden und schleppen, selbst gegen unseren Willen, die erhabenen Ketten längst vergangener Tage mit uns.

ZemgaleNicePlace003

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