Die Bäume von Straumehni. Eine Übersetzungsprobe

„Straumēni ist ein sehr altes Gehöft. Davon zeugen die großen Bäume, die um seine Gebäude herum wachsen. Sie sind nicht etwa die Überbleibsel eines alten Waldes, die ein Mann früherer Zeiten beim Roden hat stehen lassen, um kommenden Generationen seine Beharrlichkeit und Kraft zu beweisen. Wälder hat es hier nie gegeben. In diesem Gebiet hat es der Natur überall gefallen, das Übermaß ihrer Kraft im Gras der Wiesen zu beweisen. Wiesen ergießen ihre geschmeidigen Rücken hier von Westen nach Osten auf einer Breite von zwanzig Werst, wie Wasser, dem Gott bestimmt hat, an einem Ort zu bleiben und zu wogen.“

In einem Antiquariat in Riga fand ich eine deutsche Ausgabe von Edvards Virzas Klassiker „Straumēni“. Das Original erschien 1933 und die Übersetzung bereits ein Jahr später. Ich lese das Buch mit Neugier und finde es längst nicht so langweilig, wie ich vermutet hatte. Obwohl nicht gerade viel passiert: auf den ersten vierzig Seiten gar nichts, dann schmilzt drei Seiten lang der Schnee (Jayde meinte, dass sollte ich als Klappentext schreiben, falls das Buch neu herausgegeben wird). Besonders aber interessiert mich gerade die Frage, ob man für eine Neuausgabe die alte Übersetzung verwenden kann oder eine neue anfertigen muss. Deshalb kaufte ich in einem anderen Antiquariat auch das lettische Original (in einer Ausgabe von 1989) und versuchte mich dann an der Übersetzung eines kleinen Ausschnitts. Hier ist er, und im Anschluss dann zum Vergleich die Fassung von 1934.

Aus: Edvards Virza, Straumēni. 1933. Übersetzung von Nicole Nau.

Straumēni ist ein sehr altes Gehöft. Davon zeugen die großen Bäume, die um seine Gebäude herum wachsen. Sie sind nicht etwa die Überbleibsel eines alten Waldes, die ein Mann früherer Zeiten beim Roden hat stehen lassen, um kommenden Generationen seine Beharrlichkeit und Kraft zu beweisen. Wälder hat es hier nie gegeben. In diesem Gebiet hat es der Natur überall gefallen, das Übermaß ihrer Kraft im Gras der Wiesen zu beweisen. Wiesen ergießen ihre geschmeidigen Rücken hier von Westen nach Osten auf einer Breite von zwanzig Werst, wie Wasser, dem Gott bestimmt hat, an einem Ort zu bleiben und zu wogen. Vielleicht hatten in fernen Zeiten an diesen Orten einmal einzelne Eichen ihre Äste ausgebreitet; ihre blauschwarzen Rümpfe grub man hier und da aus der Erde. Die Bäume um das Gehöft von Straumēni waren angepflanzt worden, sie standen alle in feiner Ordnung: einer hinten am Ende eines Gebäudes, ein anderer neben einer Tür, ein anderer in der Mitte des Hofs. Gepflanzt wurden sie zu Ehren Pērkons, damit der, wenn er an schwülen Sommertagen mit seinen Blitzen durch die Lüfte fuhr, nicht in die Dächer der Häuser einfuhr. Und tatsächlich schlug der Donnergott immer in die Wipfel dieser Bäume ein, wenn er seinen Zorn nicht beherrschen konnte. Der großen Eiche in der Mitte des Hofs war deshalb die Spitze gestutzt, weil Pērkons eines Nachmittags in ihren Wipfel gefahren war und dabei im ganzen Hof einen unguten Schwefelgeruch hinterlassen hatte. Auch die alte Linde war deshalb hohl, weil der große Wolkenrüttler einen großen Spalt in sie gerissen hatte. Danach war ihr Inneres allmählich löchrig geworden, und Fledermäuse hingen tagsüber dort in Reihen, um bei Einbruch der Dämmerung ihren Flug durch den Hof zu beginnen. So standen diese Bäume hier, im Frühling grünend und gelb im Herbst, im Dienst der Schönheit wie der Notwendigkeit des Lebens. Unten waren ihre Stämme blankgescheuert, denn Mensch und Tier hatte sich immer gerne dagegen gerieben. Für die Haubewohner waren sie ebenbürtige Wesen. Von ihnen kam der Schatten, der sich auf dem Rasen bewegte, wo sich an Sonntagnachmittagen Männer und Frauen zu endlosen Gesprächen niederließen.

Der lange Viehweg vom Stall zu den Weideplätzen war mit Silberweiden gesäumt. Sie waren alt und morsch geworden und hatten von ihren Spitzen zu allen Seiten wie grüne Pfeile Nachkommen geschossen, die nun ihrerseits schon zu altern begannen. Im Frühling waren sie es, die als erste blühten, und ihre langen gelben Fransen verströmten Honigduft. Da die zu beiden Seiten des Viehwegs gepflanzten Bäume oben fast zusammenstießen, schritt man hier wie durch eine summende gelbgrüne Höhle, bis man zu den Viehweiden und auf einen anderen Weg gelangte.

Jeder dieser Bäume hatte eine eigene Stimme, die seine unveränderlich durch die Zeiten wandernde Seele ausdrückte. Im stärksten Wind, wenn es schien, dass alle Bäume sich in einem unverständlichen Brausen vereinten, konnte man das weiche Rauschen der Linde, das ergebene Raunen der sich hoch biegenden Weide und das straffe, orgelgleiche Brummen der Eiche unterscheiden. Selbst in der schwärzesten Nacht, wenn alle Wege und Dinge verschwanden, konnten die Bewohner dieses Hauses am Rascheln erkennen, zu welcher Gattung ein jeder Baum gehörte. Zwar hatte Gott in seiner unergründlichen Schmelze alle Arten zusammengemischt, doch als Er sie auf die Erde entließ, gab Er einer jeder, was ihr zustand, und daran können die, die Seite an Seite mit Seiner Schöpfung leben, sie erkennen.

Hier nun zum Vergleich die „Einzig berechtigte Übersetzung aus dem Lettischen von Willi Stöppler“, in der Ausgabe von 1934.

Ed. Virza. Straumehni. Eines alten semgallischen Gehöftes Jahreslauf. Riga, Verlag „Zemnieka Domas“, 1934.

Straumehni ist ein sehr altes Gehöft, und das kann man an den großen Bäumen sehen, die um seine Gebäude wachsen. Sie sind nicht die Überreste eines ehemaligen Waldes, die ein Roder als Beweis seiner Beharrlichkeit und Kraft für spätere Generationen hier stehen ließ. Wälder sind hier nie gewachsen, und die Natur hat das Übermaß ihrer Kraft im Gras der Wiesen weit umher zeigen wollen. Wie das Wasser, dem es von Gott beschieden ist, auf der Stelle zu stehen und zu wogen, wölben hier die Wiesen ihre rispelhalmigen Rücken zwanzig Werst in die Breite von Westen nach Osten. Vielleicht haben in längst vergangenen Zeiten an solchen Stellen einsame Eichen gegrünt, deren blauschwarze Stämme hier und da aus der Erde gegraben werden. Die Bäume um das Straumehni – Gehöft jedoch sind gepflanzt, denn sie wachsen alle nach einer gewissen Ordnung, – einer am Ende des Gebäudes, ein anderer vor der Tür, ein dritter im Hofraum. Sie sind zu Ehren Perkonis, des Donnergottes, gepflanzt, damit er nicht in die Dächer des Gehöftes fahre, wenn er an schwülen Sommertagen mit Blitzen durch die Lüfte saust. Und wirklich, Perkonis hat in seinem unbezähmbaren Zorn immer die Spitzen dieser Bäume getroffen. Die Hofeiche hat nur deshalb einen gestutzten Wipfel, weil Perkonis eines Nachmittags ihre Spitze abgeschlagen hat, wobei er im ganzen Hof einen häßlichen Schwefelgestank hinterließ. Auch die alte Linde ist nur deshalb löchrig, weil der Wolkenerschütterer einen großen Spalt in sie gerissen hat. Seit der Zeit ist sie allmählich hohl geworden, und Fledermäuse hängen tagsüber reihenweise darin, um mit der Abenddämmerung ihren Flug über den Hofraum zu beginnen. So wuchsen diese Bäume hier, grünten im Frühling, welkten im Herbst, waren schön und nützlich zugleich. Unten waren ihre Stämme glatt gescheuert, denn häufig pflegten sowohl Menschen als auch Tiere sich an sie zu lehnen. Von den Bewohnern des Hauses wurden sie als gleichstehend angesehen. Sie spendeten den Schatten, der auf dem Rasen des Hofraumes spielte, wo an Sonntagnachmittagen Männer und Frauen sich zueinandersetzten und endlose Gespräche begannen.

Den langen Viehweg vom Stall bis zur Weide begrenzten silbrig schimmernde Weidenbäume. Alt, narbig und löcherig, hatten sie doch nach allen Seiten gleich grünen Strahlen lange Schossen getrieben, die nun auch schon alt zu werden begannen. Im Frühling waren sie die ersten, die blühten, und ihre langen und gelben Kätzchen verbreiteten süßen Honigduft ringsumher. Da die zu beiden Seiten des Viehwegs wachsenden Weiden oben fast zusammenstießen, ging man hier wie durch eine summende, gelbgrüne Höhle, bis man zur Weide und auf einen anderen Weg kam.

Jeder dieser Bäume hatte seine Stimme, und sie kündete von ihren durch Lebensalter schweifenden, unwandelbaren Seelen. Im stärksten Sturm, wenn alle Bäume sich zu einem unverständlichen Brausen zu vereinen schienen, konnte man der Linde sanftes Rauschen, der hohen Korbweide zutrauliches Gemurmel und der Eiche strenges, Orgeltönen gleiches Brummen unterscheiden. Selbst in der finstersten Nacht, wenn alle Wege und Gegenstände verschwunden sind, können die Bewohner dieses Hauses die Art jedes einzelnen Baumes nach seinem Rauschen bestimmen. Nur in seinem unergründlichen Schmelztiegel hat Gott alle Arten vermengt, doch als er sie zur Erde sandte, hat er jeder Art ein Gleichnis gegeben, und danach wird sie erkannt von denen, die in innigster Gemeinschaft mit Seiner Schöpfung leben.

Meine Übersetzung ist natürlich schöner, aber hier und da hat der alte Übersetzer vielleicht doch eine bessere Lösung. Das Wort, das ich als „geschmeidig“ übersetzt habe (die Rücken der Wiesen), heißt wohl tatsächlich „rispelhalmig“ – aber ist das ein verwendbares Wort im Deutschen? Auf jeden Fall ist es sehr inspirierend, wenn man die eigene Übersetzung mit der von anderen vergleichen kann! Das hat man im Lettischen ja nicht oft.

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