Die alljährliche Visite

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Laima Muktupāvela: Die alljährliche Visite. Eine brave Raubkatze erzählt.

Aus dem Lettischen von Nicole Nau

Veröffentlicht in: Lettische Literatur #2
Riga: LLC (Lettisches Literaturzentrum), 2007

 Lettisches Original in: Laima Muktupāvela: Ducis. Rīga: Daugava, 2002.

Wem in der Johannisnacht eine Farnblüte in den Schuh fällt, der versteht die Welt.
(Volksglauben)

Ich fahre gerne Auto. Besonders Freitag Abend. Dann haben alle ihre Wagen vollgeladen mit den noch schnell im Supermarkt zusammengekauften Lebensmitteln und Geschenken für die Verwandtschaft auf dem Land, haben ihre Ehefrauen, Ehemänner, Kinder und sonstigen Lieblinge ins Auto gepackt und stürzen sich raus aus Riga, wie die Verrückten, sag ich Ihnen, wie gebrannt und gesengt. Zu Mama, ins Landhaus oder die Datscha.
Ich war auf dem Weg zu meiner Tochter.

Im Moment steckte ich allerdings noch vor der Stadtgrenze von Riga im Stau und wartete an der Ampel auf Grün. Seit einigen Jahren schon verbringen mein Mann und ich mit unserer Tochter und anderen Kindern aus der Verwandtschaft die Sommer auf „unserem Hof“, dem Haus Mežķidi. Das heißt, Otto und ich sind natürlich unter der Woche in Riga, nur an den Wochenenden und Feiertagen fahren wir nach Mežķidi raus. Ins Grüne und zu unserem Kind, das den Sommer dort mit meiner Schwiegermutter verbringt. Sie ist pensionierte Lehrerin für lettische Sprache und Literatur. Bekanntlich ist das kein Beruf, sondern eine Diagnose, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ach ja, die liebe Schwiegermutter, sie ist auch der Grund, weswegen ich es heute nicht besonders eilig habe…

Aber dieser Abend ist etwas besonderes. Ein Feiertag steht bevor, ein feierlicher Abend.

Johannisnacht. Mittsommer!

Ja, meine Lieben, heute ist wahr und wahrhaftig Mittsommerabend, aber ich kann es nicht leugnen, ich habe überhaupt keine Lust, in unser Haus zu fahren und dort zu feiern. Und wissen Sie, warum? Wenigstens heute will ich nicht lügen. Na klar, weil meine Schwiegermutter da ist. Damit ist alles gesagt, Kommentar erübrigt sich. Jede Frau, die die alte Weisheit erfahren hat, dass es keine furchtbarere Rivalin im stillen Kampf um den einen Mann/Sohn gibt als die vielgepriesene Schwiegermutter, wird sich mit mir solidarisieren.

Schwiegermama ist natürlich die wahre Expertin für Mittsommerbräuche. Sie ist, versteht sich, praktisch die einzige, die weiß, wie man Mittsommer richtig feiert. Ganz klar, mit Piroggen und Kümmelkäse, natürlich aus eigener Herstellung, und nie ohne Bier – „liebes Bierchen, alter Bruder“ –, das vom Fass fließen muss, logisch. Damit die Johanniskinder, die in der Nacht singend herumziehen und den lettländischen Höfen Segen bringen, etwas zur Erquickung bekommen.

Meine Schwiegermutter ist noch volkstümlicher als die Volkstümler der 30er Jahre, die die alten baltischen Götter wiederbeleben wollten. Ihrer Ansicht nach ist Johannis nun wirklich das lettische Fest der Feste und die ideale Gelegenheit, die Jugend Patriotismus zu lehren. In unserem Landhaus führt das zu kulinarischen Absonderlichkeiten. Wir müssen Gerichte essen, deren Namen in Lettland kaum einer mehr kennt – stūķis (Stampfkartoffeln), staks (Hanfbrei) und pontāgs (Eierkuchen) –, müssen schwarze Hanfbutter auf selbstgebackenes Weißbrot schmieren, Speckküchlein, Blutwurst und Fladenbrote in uns reinprügeln, Sauergrütze löffeln, den Magen mit dicken Erbsen mit Speck vollschlagen und Bohnen runterkriegen, die vor dem Essen mit ausgelassenen Grieben begossen werden, wofür die lettische Hausfrau so reizende Bezeichnungen hat wie čurkstīņi, griuzdiņi, čabiņas, čipstaliņas und čirpaliņas.

Wir müssen Birkensaft trinken und uns an Zimtwecken gütlich tun, die mit Rahm, gutem fettem Rahm gemacht sind, den Rhabarberkuchen nicht zu vergessen, und zum Knabbern gibt es wie im Volkslied „lebend Körnelein“ – Sprießweizen in Honig.

Am Johannistag keimt in meiner Schwiegermutter die große Nährerin, und sie treibt die nahrhaften Gerichte der traditionellen lettischen Küche aus wie ein alter Reisigbesen, der im Frühling plötzlich ausschlägt. Erbarmungslos würfelt sie auf der Festtafel alle Jahreszeiten zusammen: an Mittsommer wird bei uns mit frisch gebackenem Roggen- und Weizenbrot gleichzeitig Dreschfest, Aussaatfest und der Annentag gefeiert, wir opfern einen schwarzen Hahn wie zu Martini, essen Schweinsfüßchen und -schwänzchen wie zu Fasching, vertilgen Fasten-Pfannkuchen, schlagen bunt gefärbte harte Eier aneinander und essen Pasha, die traditionelle Osterspeise der Orthodoxen. Buttermilch sollen wir verschlingen, als käme sie vom ersten Buttern nach dem Almauftrieb im Frühling.

Die Schwiegermutter stopft die Mägen ihrer Gäste zu Johannis so reichlich mit gutem Essen voll wie beim Weihnachtsfest, und ja, auch Schmorkohl mit Würsteln ist dabei, hol’s der Teufel.

Und dann dieses Getue! Von Sonnenuntergang bis zu den ersten neuen Sonnenstrahlen müssen wir singen, bis uns die Stimme wegbleibt, müssen mit erhobenem Rock- oder Mantelsaum über Roggenfelder wandeln, sieben mal sieben absonderliche Riten mit Ebereschenruten ausführen, damit die Hexen nicht an uns gehen, und im Morgengrauen den Tau von ausgelegten Leinentüchern sammeln, um damit im Fall des Falles kranke Augen zu kurieren. Aber natürlich sind das alles Kleinigkeiten, špicka, wie mein Mann Otto sagen würde. Entgegen meiner öffentlich vertretenen Ansichten nehme ich Schwiegermamas Aktivitäten schweigend hin und sage nie auch nur ein Wort dagegen. Sie soll tun, was sie tun muss.

Und zu tun gibt es eine Menge. Ein ölgetränkter Lumpensack muss angezündet werden, Kränze müssen geflochten werden – wenn nicht aus sieben verschiedenen Blumen und Gräsern für mich und die Mädchen, dann aus Eichenlaub für die Männer. Aus Eichenlaub, woraus sonst, denn damit wird der Bekränzte selbst ein Mann wie ein Eichbaum mit tiefen starken Ästen – ozolītis-zemzarītis. Stabil soll er dadurch werden. Ein Pappa, ein durch und durch lettischer Macho-Patriarch wie der alte Indrāns im Drama von unserem Klassiker Blaumanis. Einer, auf dessen Wort die Erde erdröhnt und alle sofort klitzeklein werden und sich ihm zu Füßen werfen. Ungefähr so.

Jesses! Ihr Sohn wird trotzdem nie ein freier Bauer und Gutsherr sein! Nie und nimmer wird er das, und wenn man ihn mit den Zweigen von Lettlands ältester Eiche bekränzt. Einer, dem Mama vom ersten Atemzug an gesagt hat, was er zu sehen und zu tun hat, was er studieren soll, wo er Arbeit zu suchen und was er zu denken hat – so einer wird kein Gutsherr. Der wird immer anderen nach dem Mund schauen, wird am Zügel trotten, sich vom Wind treiben lassen, mit dem Strom schwimmen, die Reden anderer wiederkäuen und wird sich irgendwann selbst im Spiegel nicht mehr sehen. Denn es wird ihn gar nicht geben.

Ein Wunder, dass Otto den Mut hatte, mich zu heiraten. Ohne das Wissen seiner Mutter. Die hatte ja für ihren Sohn schon eine Bessere gefunden – eine mit Zopf bis zum Boden. Na ja, lassen wir das. Jetzt putze ich meinen Mann zu Johannis mit Eichenlaub heraus, wobei ich mich bemühe, keinen zu schweren Kranz zu flechten, denn sein zarter Körper könnte unter der schweren Eichenkrone zusammenbrechen.

Was erwarte ich von der Johannisnacht? Nichts besonderes. Einzig das Gefühl, dass ich in dieser kürzesten Nacht ein Teil des Universums bin.

Ich möchte einfach Stille und Ruhe, in der ich ohne große Show spüre, dass ich zur Ordnung der Welt gehöre. Was soll ich mit Erbsen und Bohnen in Speck, Kümmelkäse und sauren Gürkchen, wenn ich doch bloß einmal im Leben einen Farn in Blüte sehen will.

Ich will mehr. Ich will eine Farnblüte sehen!

Wenigstens einmal im Jahr will ich mir erlauben, nicht an die Folgen zu denken. Ich will die Ärmel runterkrempeln, die mehlbestäubte Schürze ablegen, die Maske der sorgenden Hausfrau und vorbildlichen Gattin vom Gesicht nehmen. Will meinen Job, meine Jahre, die Kinder und den Gemahl vergessen!

Will zu Yin und Yang werden, zu Anfang und Ende, Milch und Blut, Erde und Luft, Feuer und Wasser.

Amen!

Grün.

An der letzten Ampel im Stadtbereich ging ein Ruck durch die Schlange der sich aus Riga Hinausbewegenden, die Fahrer legten den Gang ein und gaben Gas.

Vorwärts! Aufs Land! Mittsommer feiern!

So schnell, wie wir gehofft hatten, kam die Schlange allerdings nicht vorwärts. Die Kavalkade der mit Wiesenblumen geschmückten Autos erinnerte direkt an ein Gefolge von Hochzeitskutschen zu Zeiten von Blaumanis‘ Kristine. Langsam und würdevoll bewegte sie sich. Dafür gab es aber noch einen Grund.

Unter Missachtung der aufgestellten Halteverbotsschilder stoppte jedes dritte Auto, um einen Anhalter mitzunehmen, insbesondere eines der überaus hübschen Mädchen mit Blumenkranz im Haar. Da wurde gescherzt und verhandelt: wohin soll’s gehen, junge Frau, springt nur auf den Wagen, wir fahren Sie hin, aber mit Vergnügen.

Für Mädchen ist es leicht, Autos anzuhalten. Wer ließe sich wohl die Chance auf etwas frischen Wind in seinem Gefährt entgehen, wenn der noch dazu frei und ohne Hintergedanken scherzt, singt und lacht über das Leben als solches? Wer hätte etwas gegen junge Mädchen, die sich gedankenlos eine Mohnblüte ins Haar stecken, obwohl die so schnell welkt, und in deren Augen hyazinthenblaue Funken tanzen? Niemand!

Ich nehme immer Anhalter mit, vor allem, wenn ich über Land fahre, und ich halte auch von selbst bei alten Weiblein oder Frauen mit Kleinkind. Ein Fußmarsch von drei Kilometern kann manchmal sehr schwer fallen, deshalb halte ich immer an.

Außerdem bin ich dazu verpflichtet. Vor zwanzig Jahren, als ich selbst mit dem Daumen im Wind kreuz und quer durch Lettland gereist bin, hat ein Fahrer mir wie ein Zauberer seinem Lehrling das ungeschriebene Gesetz des Autostops weitergegeben: Fürs Mitfahren musst du nichts bezahlen, aber wenn du mal selbst ein Auto hast, nimm andere mit und bringe sie umsonst ans Ziel. Dafür, dass dich in deiner Jugend ein freundlicher Fahrer ohne böse Absichten, aus reiner Nettigkeit, in sein Auto gelassen hat, kannst du dich bedanken, indem du andere mitfahren lässt – Studenten und Abenteurer, Weltverbesserer und Sonderlinge, Waghalsige, Glücksritter und Volkskundler. Menschen, die sich von Regengüssen und Unbequemlichkeiten nicht einschüchtern noch abschrecken lassen. Menschen, die gerade kein Geld für eine Fahrkarte haben. So bildet sich ein informeller Club der Daumenreisenden, sagte der Fahrer. Und er hat Recht.

In der Schlange der Autofahrer entdeckte ich plötzlich zwei ganz und gar ungewöhnliche Männer. Im Bruchteil einer Sekunde erkannte ich, dass die beiden so verschieden waren wie Tag und Nacht, wie Schwarz und Weiß. Sie fielen mir sofort ins Auge.

Trotzdem hatten die beiden auch etwas, was sie irgendwie einte, mit einem unsichtbaren Band zusammenhielt. Möglicherweise waren die beiden nicht erst seit gestern zusammen, sondern schon seit der Entstehung des Denkens, möglich, dass beide in verschiedenen Positionen das Flussbett der Daugava gegraben und Berge gewälzt hatten und dass sie ungeachtet aller äußerlichen Unterschiede uralte Freunde waren, Kompagnons und Verbündete.

Der eine war ein Typ wie Krišjanis Barons, der rauschebärtige Vater der lettischen Folklore. So ein weißes Väterchen wie der Klassiker Rainis. So einer wie der Weiße Johnny zur Blütezeit der Rigaer Hippies, der den Weltfrieden und die weise Weltsicht eines Dalai-Lamas, Papstes, Schamanen und Mullahs in sich aufgesogen hatte und den menschliche Schwächen nicht aus der Ruhe bringen konnten.

Der andere hingegen… Das war ein Zappelphilipp, der nicht still stehen konnte, unaufhörlich an etwas nestelte, von Schluckauf geschüttelt wurde, mit einem langen unsauberen Fingernagel in seiner einem Schweinerüssel ähnlichen Nase bohrte und die Öhrchen spitzte. Zweifellos wackelte er auch mit dem Schwanz, bloß konnte man den nicht sehen. Stutzerhaft rieb er über die Uhrkette, die an einer Ecke seiner Weste befestigt war, aber mir sagte ein sechster Sinn, dass dieser Stutzer gar keine Uhr hatte…

Na also, wer würde denn solche Underground-Typen in sein Auto nehmen, wenn rundum blumengeschmückte junge Mädchen ihr Lächeln blitzen ließen? Doch wohl niemand!

Ich hielt an.

Das sonderbare Uraltfreunde-Gespann kletterte in meinen alten Ford, dass der nur so ächzte, und wir fuhren los. Vorwärts Richtung Ostnordost, quer durch Livland.

Herr Barons hüllte sich neben mir in Lächeln und wohlwollendes Schweigen, Herr Stutzer jedoch rutschte auf der Rückbank herum und schnatterte in einem fort – über das schöne, ungewohnt sonnige Mittsommerwetter, über die wiesenblumengeschmückten Mädchen, und als ihm schließlich der Atem ausging, schloß er mit einer direkten Frage. „Verdammt, was für ein prachtvolles Wetterchen, was? Mittsommer! Soll man’s für möglich halten, wie schnell die Zeit vergeht! Ja, ja, so geht das Leben dahin… in einem einzigen Gerenne. Kommst nicht dazu, dich mal richtig hinzusetzen – schwuppdiwupp ist schon wieder ein Jahr um und die kürzeste Nacht ist da, tja, was soll man dazu sagen… Und wie werden Sie Johannis feiern, Verehrteste?“

Als Herr Stutzer bei dieser Frage angekommen war, war mir längst klar geworden, dass er alles wusste und nur aus Höflichkeit fragte. Ganz als wäre er in meinen Kopf gekrochen, wäre auf den Terrassen meiner Hirnfalten herumspaziert und hätte mich inspiziert wie eine Wohnung.

„Ich? Das Gleiche wie alle anderen. Ich zünde ein Feuer an, singe, esse viel und gut, winde Kränze… Das übliche Programm eben, Sie wissen ja…“

„… wir wissen, wir wissen…“, stimmte Herr Stutzer zu. „Der Mensch ist ja so genügsam. Einmal im Jahr sich den Bauch vollschlagen, aber so, dass es kracht, bis er platzt von den Erbsen und Bohnen in Speck, dem Kümmelkäse und den sauren Gürkchen…“

Stop! Ich versuchte, mich zu bremsen, aber es war klar, dass Herr Stutzer jeden Augenblick aussprechen würde, was ich noch niemals irgendjemandem verraten hatte und auch niemals verraten werde – und wenn mich der Teufel holt!

„… und möchte eigentlich eine Elfe sein, eine Waldfee, eine Hexe, eine Nixe…“

Der weiße Herr Barons saß neben mir wie der Oberste Richter, und Herr Stutzer rappelte nicht ohne seinen Segen so sorglos drauflos, zerrte meine in der hintersten Ecke versteckten Träume ans Tageslicht, legte bloß, was ich in mir verscharrt und schon vor langem begraben hatte. Herr Stutzer war frei! Er schwatzte fort, seine Rede war flink und geschmeidig wie der Schwanz einer Füchsin, und er schien seinen eigenen Worten zu lauschen, als hätte jemand ihm endlich nach langer Zeit einmal erlaubt, anderen die Ohren voll zu quasseln.

Ich zerbrach mir eilig den Kopf, was ich nun sagen sollte, wie ich es Herrn Stutzer geben könnte für die kleinen Gemeinheiten, dafür, dass er öffentlich damit herausplatzte, aber in mir war noch jemand, der mit mir redete. Hör mal, warum jetzt lügen? Warum mich besser machen als ich bin, vor dem, der höchstselbst mich aus der Rippe des Mannes gemacht hat, der mir Leben eingehaucht hat und ohne dessen Wissen mir nicht ein Haar vom Kopfe fällt?

„Ja, ich will den Farn blühen sehen! Ich will, Herrgottnochmal, will eine echte Farnblüte sehen!“

„Na schau an, kluges Mädchen….“ Herr Stutzer wurde sachlich, „und wir dachten schon, du lässt die Gelegenheit vorübergehen und wirst das dann dein ganzes Leben lang bedauern…

Es ist doch Mittsommer! Zeit des Ligo-Feierns!

Līgo, Lingham!

Die ganze liebe lichte Welt steht offen wie das Ehrentor zum Empfang der Braut und wartet nur darauf: dass Feuer in Wasser wiedergeboren wird, dass Erde zu Luft wird…

Nur einmal im Jahr erbarmen wir uns und geben zwei oder drei von Euch diese Möglichkeit…“ Herr Stutzer verfiel in aufgeregtes Flüstern.

„… leider gibt es ein Zeitlimit – die kürzeste Nacht des Jahres… kein dreitägiger Weihnachtsmarathon mit Schmorkohl und Würsteln, he, he.. Viel Zeit hast du nicht mehr, die Nacht ist kurz… gib dich hin und du darfst dir erlauben, nicht an die Folgen zu denken…“

Bei Berzkrogs stiegen die beiden aus. Sagten, sie würden ein bisschen durch Piebalga wandern – wie wohl die Leute dort Ligo feierten. Die jährliche Visite abstatten.

Langsam fuhr ich weiter über die Chaussee durch Livland. Plötzlich versteckte sich die Sonne hinter einer Wolke und es sah nach Regen aus. Naja, es war schließlich Mittsommer, da geht’s ja nie ohne Regen.

Ich musste mal pinkeln. Ich stieg aus dem Auto und ging ein Stück in den warmen regennassen Wald hinein. Überall tropfte und plätscherte es. Es rann aus mir heraus und murmelte zu meinen Füßen. Überflutung allenthalben.

Ich ging durch das Dickicht zurück, und die Schuhe warn im Nu voll mit blauen Blütenblättchen, he, das ist ja ein Gedicht, holladi, als ich durch den Farnwald ging…

Pling!

Etwas säte sich in mich ein. Etwas quoll in mir, zog sich zusammen, keimte, spross und ging auf.

Eine Art drittes Auge.

Meine Gefühle und Gedanken wurden auf eine Schwertspitze gespießt, lagen bloß wie auf der flachen Hand, frei zur Betrachtung aus der Nähe. Ungefähr so, als würde Nebel sich vor den Augen lichten.

Als ich durch das nasse Gras watete, überkam mich ein starkes Gefühl von Freude. Ich fing an zu singen und gab mich Vorstellungen hin, die mich selbst völlig unvorbereitet trafen. Ganz unvoreingenommen gelangte ich zu den aberwitzigsten Schlüssen, erlaubte mir, meine Mitfahrer zu identifizieren, ihnen göttlich hohe Ränge zuzuschreiben. Aber ja doch! Warum auch nicht? Wer könnte mir am Johannisabend solche Gedanken denn verbieten?

Niemand!

Wer oder was könnte sie daran hindern, an Mittsommer leibhaftig zu uns auf die sündige Erde herabzusteigen und hier herumzuwandeln, ha, mit erhobnem Mantelsaum, und nach den Feldern zu sehen, ob sie grünen oder brachen, zu überprüfen, ob die Kühe Milch geben und ob Hexen durch die Gegend fliegen? Wo selbst der römische Papst mindestens einmal im Jahr auf Visite zu seinen Schäfchen ausfährt.

Wer und was hindert uns, wenigstens einmal im Jahr, wenn auch nur in der allerkürzesten Nacht, bis zum Morgen dem unschuldigen Drang nachzugeben, zu sehen, zu hören, zu fühlen? Zu fühlen, dass auch der Körper noch lebt, nicht nur der Verstand! Selbst die, die das Rad der Welt drehen, geben einmal im Jahr menschlichen Schwächen nach und wollen herumfahren, per Anhalter durch Lettland!

Der Regen nahm zu. Irgendwo in der Gegend von Smiltene blitzte etwas Weißes oben im Himmel. Es würde ein Gewitter geben, das wusste ich schon. Ebenso, wie ich wusste, was hinter der nächsten Kurve geschehen würde, wo am Weg ein durchgeregneter Student stand, der es nicht mehr nach Hause zum Ligofeiern geschafft hatte, deutlich sah ich, was bei uns los sein würde, wenn ich gegen Morgen mit verrutschtem Blumenkranz im Haar in den Hof einbiegen würde.

Und mehr noch.

Ich wusste, wie sich das Rad der Welt drehte, wie es die beiden Konkurrenten und Kollegen, meine in Berzkrogs zurückgebliebenen Weggefährten, gegen- und miteinander lenkten und drehten. Ich sah, wie alles angefangen hatte mit Herrn Barons‘ sechs produktiven Arbeitstagen und Herrn Stutzers Bemühungen, ihm Knüppel zwischen die Räder zu werfen.

Ich sah, wie die verdammt hübsche Eva ihrem tumben Adam einen Apfel zum Mittag auftischte und wie alles schließlich weiterging – mit Brudermord, Verrat und Kriegen, mit der Entstehung von Völkern, der Wanderung über Kontinente, mit Ausrottung und dem Gestöber tausender zum Himmel fahrender Seelen, als das Vaterland in Ländereien und Parzellen geteilt wurde und es die Menschen nach der eigenen Scholle, dem eigenen Eckchen verlangte.

Ich wollte schreien, als ich sah, wie wir, während wir vom Wunder der Auferstehung faselten, den ans Kreuz Geschlagenen noch einmal festnagelten – diesmal richtig.

Ja, ja, ich sah Menschen, die meine Vorfahren waren, und ich verstand ihr Handeln. Voller Nachsicht erfasste ich den nörglerischen Charakter meines Mannes und seine Unfähigkeit, aufzumucken, denn so hatte ihn, den Armen, seine Übermutter dressiert. Menschen stürzten über mich hinweg, die nur ihr eigenes Glück und ihren Vorteil suchten, solche, die das Leben zu Zynikern gemacht hatte oder die aus verschiedenen Gründen zu Mördern, Spielern, Kartenlegerinnen, Dieben, Polizisten, Professoren oder ähnlichen suspekten Gestalten geworden waren, die sich in dunklen Toreinfahrten und Präsidien herumtrieben.

Wissen ist eine Last.

Befreit mich von dieser Bürde, von dieser Gabe, die Welt in ihrer Gesamtheit zu sehen, zum Teufel damit, um Gottes Willen!

Das Atmen wurde mir schwer, ich bremste und hielt am Straßenrand. Ich stieg aus dem Wagen und überließ mich dem Regen.

Danach geschah alles so, wie ich es vorausgesehen hatte. Zu meinem heimlichen Entsetzen fasste der durchgeregnete Student, dessen Autostoppversuche erfolglos gewesen waren, mein Anhalten als ihm geltendes Zeichen auf. Er sprintete über den schlüpfrigen Straßenrand und, wie ich es in meinem plötzlichen Vorgefühl gewusst hatte, rutschte aus und stürzte der Länge nach hin.

„… ganz in der Nähe ist ein See, bitte seien Sie doch so nett, wenn Sie es nicht eilig haben, warten Sie bitte, bis ich mir den Schmutz abgespült habe…“ Der Knabe/Student schaute mich kläglich an.

Ja, ja, ich hab’s nicht eilig, sagte ich, während der Regen strömte und Blitze zuckten. Gehen wir.

Ich begann zu tun, was ich wollte.

Ich, die ich gerade erst den Büroblazer und den braven Faltenrock ausgezogen hatte, stand nun vor einem durchgeregneten, nackten, mit Straßendreck beschmierten Jungen und schämte mich nicht meiner Jahre, nicht meiner lieben Bauchfalten und der etwas abgesackten Brüste. Ich nahm den Studenten bei der Hand und dachte nicht an mein Kind, meinen Mann, an Brüder, Schwestern und Tanten. Auf die Schwiegermutter pfeif ich sowieso, und was die anderen sagen würden, war mir völlig egal.

Der Student watete tief in den See, bis seine zum Pferdeschwanz gebundenen rotbraunen Haare aussahen wie das schwimmende Nest eines Haubentauchers. Er schwamm mit langen heftigen Zügen, in der naiven Hoffnung, sein Verstand und sein blühender Leib würden dadurch zur Ruhe kommen.

Keine Chance! Daraus wird nichts, Jungchen, und das weißt du sehr gut. Eine nasse Hexe in der Johannisnacht lässt dir keine Ruhe! Ach, in deinen späteren Jahren, wenn du selbst zu einem glatzköpfigen Dickerchen geworden bist und dich nach Frieden und Wohlstand sehnst und dem Häuschen im Grünen, dann wirst du dir ein Täubchen wünschen, aber wenn du jetzt allein im Bett liegst, Sprachen studierst, erwartest du eine Raubkatze. Sollst du haben!

Du kriegst eine Raubkatze im Röhricht am See!

Kriegst sie!

Oho!

Ich sprang aus meinen Schuhen .. um … ja … etwas zu tun…

Ich wusste genau, dass ich diesen Knaben am See hatte verführen wollen, so weit ich mich überhaupt darauf verstand. Mich ihm überstülpen wie einen Fingerhut, wie einen Punkt aufs i, sein frisch rasiertes Kinn und die sensiblen Lippen küssen und aus ihm den Samen locken, mit dem ich den See einsäen würde… mit Seerosen, damit das Ufer voll würde mit Farnblüten!

Nun also nicht. Mir tat der kleine Student leid. Seine unschuldige Freundlichkeit.

Etwas in mir war zur Ruhe gekommen. War erfüllt, ja. Nicht verbrannt, zerbrochen oder niedergedrückt, nein, sondern befriedigt.

Ich ging nicht in den See und bedrängte den Jungen nicht mehr.

Alles war erfüllt.

Langsam zog ich mich zurück.

Kehrte zurück ins Hier und Jetzt.

Der Student, verwirrt vom Nichtgeschehenen, trocknete sich ab.

Ich schüttelte die Johanniskräuter aus den Schuhen.

Ich zog das Kostümchen der braven Angestellten an. Band die stets bereite, wenn auch für die Augen unsichtbare Schürze der ordentlichen Hausfrau um, puderte mir die distanzierte Maske der wohlerzogenen Frau um die Nase.

Brav gingen wir in Richtung Straße. Um uns herum die Nacht war so hell. Johanniskäferchen leuchteten und die Luft unter der Kuppel des Universums strahlte mit eigenartigem Schimmer. Der Student setzte seine Brille auf und rief aus:

„Was ist das denn? Was leuchtet denn hier? Schauen Sie, das ist doch… eine Farnblüte…“

Ich hatte sie so unbedingt sehen wollen, und hier war sie. Wie es in den Biologiebüchern geschrieben steht: goldfarbene Blüten, diamantener Tau, blüht nur in der Johannisnacht…

In dieser Kurzgeschichte erfährt man eine Menge über lettische Traditionen, aber so unaufdringlich und witzig wie selten. In dem 2002 erschienenen Band „Ducis“ sind 12  (natürlich, denn ducis heißt ja das Dutzend) solcher Geschichten versammelt, jede ist mehr oder weniger direkt mit einem lettischen Feiertag verbunden. Ein paar sind schon übersetzt – hallo, Verleger… !!

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