Rainis hat Geburtstag

Rainis im Park, Riga 2015

Rainis im Park, Riga 2015

Rainis (Jānis Pliekšāns), 11.09.1865-12.09.1929

Ich hab einen Blütenschleier,
gestickt mit Sehnsucht und Traum, —
und Du?
Ich hab ein eisern Hemd
mit goldenem Saum.

Aus: Lettische Lyrik. Eine Anthologie. Übersetzt aus dem Lettischen von Elfriede Eckardt-Skalberg. Riga: A. Gulbis Verlag. [ca. 1924]. Zum Jubiläum folgen hier alle Gedichte von Rainis aus dieser Anthologie. Die Herausgeberin schreibt im Vorwort: „Nur Rainis hat alle seine Verse selbst übertragen; sie sind seiner demnächst erscheinenden Sammlung „Ausgewählte Gedichte“ entnommen.“

J. RAINIS

WIEDERKEHR

KREISWÄRTS kehr ich zurück
zum Ort, von welchem ich ausging:
anfangs da war ich allein —
nun bin ich wieder allein.
Fernen und Weiten durchschweift‘ ich
und spendete Wasser des Lebens:
Kühlung ward jeglichem Feld,
mir ward ein leeres Gefäss.

Meine Seele, du tiefe,
zu dir nun komm ich ermattet —
ganz ist verdorrt mir das Herz,
ganz ist verlassen mein Sein. —
Seele, o Seele, du tiefe,
aus dir ist die Kraft mir gequollen.
Füll mir nun wieder das Herz:
grössere Fernen zu gehn!

WERDENDE SEELE

KAUM bewusst geworden deines Wesens
suchst du Form schon dich zu offenbaren;
Hände tasten noch im Morgengrauen.

Voller Sehnsucht ringt das Herz nach Worten:
steigt in Tiefen, schöpft sie aus den Schmerzen,
Augen lesen sie von allen Blumen.

Langsam in gehemmtem Fluss wie Honig,
Blüten-Süssigkeit und Herbe tragend,
strömt das dunkle schwere Gold der Worte.

Alle Formen ruhn noch in dem Golde —
stumm im Liede offenbart die Seele
ihres Wesens Kern den andern Seelen.

DER KEIM

DEM Zeitgeist selber biete du Trotz und Kampf,
dann wirst du wachsen über das Mass hinaus,
in grossem Wachstum wird dein Wesen
Grenzen sich stecken in Zeiten-Enden.

In Einsamkeiten wirft dich des Tages Lärm,
reisst mit den Wurzeln den Baum aus der Erde Brust —
du aber stirbst nur deinen Zeiten,
sprossend im Einsein zu andrem Leben.

Das Welten-Werden nochmals wird es in dir,
schneller als dieses wird Zukunft in dir erblühn,
was war, was wird — du wirst es spiegeln:
Spiegel und Beispiel und Weges Leitstern.

WERK UND FREUDE

SIEGTEST du, so freue dich:
freie Bahn brach sich dein Werk.

Unterlagest du, so freue dich:
rückgesunken in die Brust reift still dein Werk.

Ist rings alles grau in grau, so freue dich:
glühend rot im Herzen brennt dein Werk.

Fandest Liebe du, so freue dich:
heller flammen wird und wärmen dich dein Werk.

Fandest Hass du — dennoch freue dich:
seiner selbst bewusster wird dein Werk.

Was dir auch begegne — freue dich:
bist in ewigem Rhythmus selbst das Werk.

DIE TAGE, TAGE GEHEN HIN

DIE Tage, Tage gehen hin
ohn Ende Stunde um Stunde.
Sie haben weder Kraft noch Sinn,
versickern wie Blut aus der Wunde.

DER SONNE THRON

DREI Strahlen erglūhn, wenn die Sonne verloht,
der eine gold, der andere grūn, der dritte rot.
Der grüne ist Erz,
der rote ist Krieg.
Inmitten erhebt sich in leuchtender Pracht
der Thron der Sonne, aus Gold gemacht.

Doch aus der Tiefe steigt lichtlos empor
undurchdringliche Nacht.
Und Gold und Rot und Grün
und der Thron der Sonne verglühn,
und versinken in Nacht.

DER BAUER

DUMPF erdröhnen des Bauern schwere Schritte,
wenn er schafft auf dem Feld im saurem Schweisse,
wenn er Sonntags Erholung schöpfend schreitet.
Rasch der Zukunft entgegen eilt er nimmer,
immer rückwärts zur Flur sein Blick sich wendet.
Fest verwachsen in seiner Scholle steht er,
mag nicht schweifen in hohen, blauen Lüften,
saugt sich Kraft aus der Brust der Mutter Erde,
ganz ein Riesenkind, ungeschlacht und täppisch, —
doch wenn einst er erwacht, zerreisst er Bären.

DER WOBLTÄTER

REICH ist er, doch weichen Herzens
hört er arme Leute klagen,
gleich greift er in seine Tasche,
zieht heraus sein — Tränentüchlein.

HARTES HERZ

V0N bittren Tränen ist das Herz dir voll,
wie herbstlich regenschweres Grasgelände,
seit deinen Kinderspielen quoll und quoll
die Tränenquelle, und es ist kein Ende.

Wer weinend sich von Tränen kann befreien,
wohl dem, — sein Ruhm in aller Munde scholl:
wie herzensgut, sich fremdem Leid zu weihen!

Du weinst nicht. Voll dein Mass. Dir bleibt nur Kampf:
die Tränen wirf ins Volk wie Schwefeldampf!

DIE GEBROCHENEN FICHTEN

DIE höchsten Fichten am Meeresstrand
brach nieder der Sturm mit rauher Hand,
die Wipfel strebten zum fernen Licht,
sich biegen, sich beugen, das konnten sie nicht.

„Du hast uns gebrochen, du feindliche Macht,
noch ist der Kampf nicht zu Ende gebracht:
die Sehnsucht auch nicht im Tode erlischt,
der Hass in jedem Zweige noch zischt!’“

Und siehe: — die man schon tot geglaubt,
die Fichten erheben aufs neue ihr Haupt:
als Schiffe tauchen sie auf aus der Flut —
zum Kampf mit dem Sturm in erneuter Wut:

„Wohlan ihr Wetter der Finsternis,
wir sind des fernen Zieles gewiss!
Ihr könnt uns zerbrechen, uns spannen ins Joch —
den Aufgang der Sonne, wir schauen ihn doch!“

ICH HÖRE FERN DIE WINDE WEITERJAGEN

ICH höre fern die Winde weiterjagen,
in hartem Fall zerbricht noch irgend was,
ein Fenster wird noch krachend zugeschlagen,
dann sinkt der Lärm, und jeder Ton wird lass.

Die Stille spannt den Raum zu klaren Weiten,
die Wolke schmilzt in diesem Licht, wird blass,
der Himmel lässt den Atem nicht mehr gleiten.

Das Herz verstummt voll Angst vor dem Geschehn
O Herz, nun kannst du dir nicht mehr entgehn!

ABENDFRIEDE

AM Himmelsrande
rötlich verlöschend loht,
erdrückt von Wolken,
schwindendes Abendrot.

Am Walde fern ein Feuerlein
unstet verflackernd brennt,
leis zirpt die Grille,
Frieden das Herz nur nicht kennt.

Tiefer und tiefer
sinkt Finsternis auf das Licht,
feucht weht die Kühle,
heisser glüht dein Gesicht.

SCHWER VON LEIDE

SCHWER und schauernd
kehrt die Windsbraut
Wald und Weide.

Füllt mit kaltem
Herbsteswehen
Feld und Heide.

Kommt in grauer
perlenschwerer
Nebelseide.

Beugt die Halme,
beugt die Raute
mit dem Kleide.

Welkt die Raute,
welkt das Herz mir
schwer von Leide.

ZUR NACHT

DIE Nachtigall singt schönsten Sang
zur Nacht.
Das Glück geht seinen liebsten Gang
zur Nacht.

Wenn du dich sehnst, geh hin allein
zur Nacht,
dass niemand darum weiss, allein
die Nacht.

DER BÜHL ĪST WARM BEDECKT

DER Bühl ist warm bedeckt
mit Sonnenschein,
ringsum ist der Bühl besteckt
mit gelben Blumen, Löwenzahn, Kressen,
sein Rock ist aus grünem Tuch gemacht
mit goldenen Tressen.

Behaglich der Bühl sich streckt
und lacht.

HINTER WÄLDERN, HINTER BERGEN

HINTER Wäldern, hinter Bergen
brennen nachts geheime Feuer,
brennen nachts geheime Feuer:
falbe Flammen, rote Strahlen.

Wälder schweigen, Berge schweigen,
wenn geheime Feuer brennen,
wenn geheime Feuer brennen,
die von niemand nie entzündet.

DREIFAGH DUFTEN ALLE BLÜTEN

DREIFACH duften alle Blüten,
vierfach duften nur die gelben:
Duft der Süsse, Duft der Freude,
Duft der jungen Frühlingstage, —
welches ist der vierte Duft?
Duft der ungestandnen Liebe.

MÄHERS MITTAGSRUH

MEIN Sonnenstrahl von Golde!
Zu meines Herzens Heile
scheinst alle Weile,
scheinst alle liebe Weile.

Ein Zweig mit weicher Dolde,
so streichst du mir die Wangen,
hast Seide hangen,
am Finger Seide hangen.

Ich lieg im Gras wohl gerne,
zwei Sonnen scheinen mir:
eine in Himmelsferne,
dein Herz, die andre, hier.

LIEBE IST DUFT

LIEBE ist Duft,
lange hängt er im Haare —
wohl einen Tag.

Liebe ist Süsse,
lang auf den Lippen liegt sie —
wohl eine Stunde.

Liebe ist Wärme,
lange umfängt sie die Hände —
wohl einen Blick.

Liebe ist Gift,
lange im Herzen es herbergt —
eine Ewigkeit lang.

DEM SONNENKINDE

LIEBE mich nicht,
meine Freude, mein Kind !
Sonne verbietet’s
und Mond und Wind.
Wie Schnee im Frühling
dein Stern zerrinnt —
liebe mich nicht,
meine Freude, mein Kind!

MIT WISSEN

ICH tue es mit Wissen, —
die rote Rose lass ich stehn,
den Duft nur halt ich im Verwehn,
die Schmerzen von des Dornes Rissen.

Vergeht die Rose in der Hand,
die Dornen stechen unverwandt, —
ich tue es mit Wissen.

Ich küsste dich ein einzigmal,
die lange Süsse würde schal, —
ich tue es mit Wissen.

ICH HAB EINEN BLÜTENSCHLEIER

ICH hab einen Blütenschleier,
gestickt mit Sehnsucht und Traum, —
und Du?
Ich hab ein eisern Hemd
mit goldenem Saum.

BLÜTEN SIND ZEICHEN DER LIEBE UND LUST

BLÜTEN sind Zeichen der Liebe und Lust,
steckt wer eine Blüte sich an die Brust
und fühlt nicht Liebe und Güte,
der hat, was Liebe versprochen,
gebrochen.

DANN, WENN DU LACHST

DANN, wenn du lachst, —
dann fliesst der Bach durch grüne Wiesen murmelnd.
im Sonnenlichte Schmetterlinge flirren,
und süsse Ruhe lockt im Birkenschatten.

Dann, wenn du lachst, ~-
dann spielen Kinder sommerliche Reigen,
und Mützen fliegen, goldne Zöpfe schwirren,
und plötzlich schreiend flieht die frohe Schar.-

Dann, wenn du lachst, —
dann sitzt der Greis im winterwarmen Winkel,
die Hände über Harfensaiten irren,
er hört die Bäche und die Kinder und sieht dich.

SIE NAHMEN MIR DEN GLANZ DER JUNGEN TAGE

SIE nahmen mir den Glanz der jungen Tage, –
durch Dich
wägt späten Abglanz mir des Schicksals Wage.

ICH LIEBE DIGH

ICH liebe Dich
wie die Welle den Strand,
wie die Blūte den Duft,
wie die Nacht den Mond,
wie der Herbst die Sonne.

Ich liebe Dich so
wie Worte Dein Ohr,
wie Strahlen Dein Auge
und wie der pulsende Schlag Dein Herz,
ich liebe Dich so.

DA, WOHIN KEIN BOOT, KEIN SEGEL REICHT

DA, wohin kein Boot, kein Segel reicht,
fliegen noch von gleichem Wind getrieben leicht:
schwarzer Rabe, weisse Möve.

Wo das Boot versinkt, das Segel fällt,
fliegen noch selbander, trotzend aller Welt:
schwarzer Rabe, weisse Möve.

DOCH WENN ICH STŪRBE —

DOCH wenn ich stürbe —
tief in der Seele würdest du erbeben,
in Stücke rissest du dein eigen Leben,
für mich — du könntest alles, alles geben,
— ja, wenn ich stürbe.

Doch da ich hier bin und zu leben trachte,
nach deinem kleinsten Finger sehnend schmachte,
dass er mir Leben gebe — „Nein, nein, sachte!“ —
Denn alles gäbest du nur —
wenn ich stürbe.

W0 FANDEST DU, MÄDCHEN

WO fandest du, Mädchen,
das helle Wort:
„Sterne deine Augen,
Sonne du selbst?“

Brachst es als Blüte
in Himmelshohn,
hobst es als Wasser
aus Seelentiefen?

Von deinem Worte
will ich leben
dies Sonnenalter
für andere Sterne.

DAS FRAGENDE MÄDCHEN

SAG, Freund, mein Freund,
wo nahmst du her so bunte Worte?
„Ich schaute lange ins Gewühl der Menschen“

Wo nahmst du her so glühnde Worte?
„Ich schaute lange in der Sonne Gleissen.“

Wo nahmst du her so grosse Worte?
„Ich schaute lange in des Meeres Ferne.“

Mein Freund,
wo nahmst du her so stille Worte?
„Ich schaute lange in die eigene Seele.“

Wo nahmst du her so liebe Worte?
„Ich schaute lang in deine lieben Augen.“

Wo nahmst du her so tiefe Worte?
„Ich schaute lange in den Schoss des Todes.“

Ach Freund, mein Freund, mein Freund!

DAS LIEBE LICHT

IN Mondesnächten muss ich deiner denken,
wenn Märchen spinnen hinter Bett und Wand,
und Wehmut dunkel die Natur umspannt,
in deren Schmerzen meine sich versenken

Der Worte schäm ich mich am lauten Tag,
tief berg ich, was du gabst in leisem Schenken:
die Liebe, die Unendliches vermag,

die ungebeten strahlt aus liebem Lichte,
dem Monde Glanz verleiht und dem Gedichte

DEINE AUGEN

DEINE Augen sind nur Funken,
angefacht von kaltem Feuer, —
sieh, es spiegeln sich in ihnen
Sonne, Mond und alle Sterne,
Faihilla!

Deine Augen sind nur Tropfen,
hingetropft vom Lebenswasser, —
sieh, es spiegeln sich in ihnen
Morgentau und Bach und Weltmeer,
Faihilla!

Deine Seele ist nur Atem,
eingehaucht von süsser Liebe,
sieh, und sie umfasst in sich
Sonne, Welten, All und mich,
Faihilla!

SO VIEL VON GLŪCK…

SO viel von Glück mir ward in meinem Leben,
es kam von Frauen, auch die Schmerzen alle,
die sie mir brachten, haben Glück ergeben.

Einst betten sie zur Ruh mich, wenn ich falle,
wenn meine Glieder Erde werden müssen, —
sie löschen aus die Lichter nach dem Balle.

Die feinen Frauenhände werd ich küssen,
der Haare Duft, der Lippen zart Gebilde,
die Augen segnen mit den letzten Grüssen, —

sie führen einst mich durch die Sterngefilde.

RINGS BLÜHEN HIMMEL…

RINGS blühen Himmel, Farben, Licht und Flieder
du bist ganz still:
dein Auge spiegelt bildend alles wider.

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