Frühling in der Stadt

Gunars Saliņš (1924-2010)

Frühling in der Stadt

An einem Tag, der nieselte
so lau und lind,
spürte ich an der Backe,
spürte ich am Kinn,
keinen Bart,
nein, zartes Grün aus mir sprießen.

Da haste dir aber ein Plätzchen gewählt! brumme ich und, so gut es geht,
weiche Passanten aus dem Weg.

Doch bevor ich im Untergrund versinken kann,
spricht mich einer ganz sacht von hinten an:
Was bist du dumm! Kannst du nicht sehen –
wo soll das Gras denn sprießen in der Stadt,
wenn es sprießen muss,
auf Stein etwa?

Ich wandte mich um: auch auf seiner Wange
grünte das
zarte Gras,
und blühten die ersten Buschwindröschen…

Es war Frühling in der Stadt.

(aus dem Lettischen von Nicole Nau)

Saliņš schrieb dieses Gedich in der (und für die) Stadt, in der er lebte: New York. Ein ähnliches Motiv fand ich in den Zeichnungen, die Miguel Porlan 2017 unter dem Titel „Green Spring“ für das Magazin The New Zorker entworfen hat, siehe hier und das folgende Beispiel.

miguel-porlan-illustration-spot-series-the-new-yorker-green-spring-7

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