Frost im Frühling

Liebe oder Karriere? Wie entscheidet sich eine junge Frau, die an einem schönen Frühlingstag zwei Anträge erhält: zuerst von ihrem Liebsten, der wie sie jung, schön und abhängig beschäftigt ist (sie will ihn ja, würde ihn nur gerne noch ein kleines bisschen hinhalten), dann vom reichen greisen Nachbarn, dessen Werbung in der Tat eher wie die eines Headhunters als eines Verliebten klingt und dadurch das Unerhörte doch plötzlich möglich erscheinen lässt, wäre da nicht… eine banale Geschichte, denkt man, und wird doch davon berührt.

Rudolf Blaumanis (1863-1908)

Frost im Frühling

aus dem Lettischen von Nicole Nau

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Blüten

Oben blauer Himmel, blitzende Wolkenschäfchen und das unaufhörliche Trillern der Lerchen; unten leuchtendes Grün, weiße Blüten, ein mannigfaltiger Duft, flinke Hände und Jubel in den Herzen. Flinke Hände, Jubel in den Herzen: ich weiß nicht, ob es allen so ging. Aber beim Falkenhof-Anders war es wohl so. Denn wenn auch die Sonne erst Frühstückszeit anzeigte, so war doch der große Acker, eine ebene Erhebung in der Mitte der Wiese, schon fast zur Hälfte gepflügt, und die geröteten Wangen des Burschen und sein dampfendes Pferdchen zeugten davon, dass diese Arbeit nicht ohne Mühe vonstattengegangen war. Als er die Furche bis zu den üppigen Traubenkirschen gezogen hatte, die am Rain in voller Blüte standen, hielt er den Grauen an, hob den Pflug, trieb das Eisen mit Kraft in die Erde und ließ sich im Schatten der Sträucher nieder. Der bittersüße Duft war so stark, dass er Anders schon fast unangenehm war. Er zog sein Messer heraus, schnitt einen tiefhängenden Zweig voller Blüten ab und rutschte ein Stück ab vom Strauch. Dann nahm er seinen Hut und wand die Blüten um das Band, während er fröhlich vor sich hin sang. „Raidaidaida!“ Der geschmückte Hut flog in die Luft, fiel in das leuchtende Grün, und der Bursche lachte. „Dummer Hut, da liegst du und weißt nicht, ob die Lerchen singen oder die Herbststürme heulen! Trallala, lalla, lullie! Was für ein schönes Wetterchen! Was für ein schönes Wetterchen – das Herz möcht‘ vor Freude…“ Anders machte sich lang, schloss die Augen, grinste und lag so eine gute Weile da. Die Sonne grinste zurück. küsste seine blühenden Wangen und trocknete seine feuchte weiße Stirn. Endlich hob er den Kopf, stützte ihn in die Hand und blickte zum Hügel, hinter dem der Schornstein des Hauses zu sehen war. Eine dünne Rauchsäule zeigte an, dass es zum Frühstück etwas Warmes geben würde. „Wer wird es wohl bringen? Sie? Ach, lieber Gott, lass es sie sein, die kommt und nicht Annule oder die alte Liese!“ Und der junge Mann behielt den Hügel entschlossen im Auge, und sah dort nach sechs, sieben Minuten langem Warten ein hellrosa Kopftuch, eine dunkelrosa Jacke, eine weiße Schürze und einen grauen Rock. Sein Lächeln wurde noch froher und seine Augen begleiteten die junge Frau bei ihrem Abstieg, beim Gang über die Wiese und ließen auch nicht ab von ihr, als sie ihr weißes Bündel in den Schatten der Traubenkirsche legte.
„Komm Essen,“ forderte sie ihn auf, während sie dastand und ihr Gesicht in die Blütendolden hielt. „Ah, was für ein starker… lass es nicht kalt werden, Anders. Es gibt Grütze mit Fleisch. Und Erdäpfel.“ „Bring es her,“ sagte Anders mit freundlicher, neckender Stimme. „Oje, du Faulpelz! Kannst denn nicht mal mehr aufstehen? Sitzt es sich in der Sonne denn besser als hier?“ „Aus solcher Nähe ist mir der Duft zu stark,“ antwortete der Bursche, und das Mädel nahm das Frühstück auf und legte es neben Anders. Er griff sie bei der Hand, aber sie machte sich geschickt frei und tat einen kleinen Sprung von ihm weg. „Nichtsnutz!“ Der Bursche lachte herzhaft, machte das Bündel auf und begann zu essen. „Isst du denn nichts?“ „Ich habe schon daheim gegessen.“ „Ach so… Aber einen Bissen könntest du doch noch, mit mir zusammen. Bist ja auch schon wieder ein Stückel gelaufen.“ „Nein, nein.“
„Hier ist ein schönes mageres Stück. Das sieht dich so freundlich an. Du solltest dich erbarmen.“
„Lass mal. Iss du nur selbst.“ „Na dann nimm meinen Hut.“ „Wo ist er denn? Ach da! Hast du ihn einem Vogel hinterher geworfen? Und mit Blüten besteckt! Du hast doch gesagt, der Duft sei dir zu stark.“
„Vom ganzen Strauch, ja, aber nicht von einer Blüte. Im Übermaß ist er bitter. Ein Zweiglein ist angenehm. Das ist wie mit dir!“ „Was? Wie – mit mir?“ „Schau, wenn du zu viel… wenn du mir zu sehr die Stolze gibst, dann ist es mir bitter, aber wenn du es so ein bisschen tust, dann gefällst du mir gewaltig.“
„Hm. Ich gefalle ihm also… Hier hast du deinen Hut!“ Sie warf ihn so geschickt, dass er Anders direkt auf den Kopf fiel. „Na, wie war das?“ Anders drehte den Hut zurecht und winkte dann das Mädchen zu sich. „Komm her, sei so gut.“ Das Mädchen ließ sich am Feldrand nieder, aber nicht zu nah, und sah ihn schelmisch an „Nun sitze ich. Na, und was jetzt? Warum hast du deinen Hut so geschmückt?“ „Warum?“ Der junge Mann wurde einen Moment still und sagte dann mit fester Stimme: „Darum, weil ich um die Leni freien will.“ „Freien? Die Leni? Welche Leni?“
„Dieselbe, die hier am Feldrain sitzt.“ „Uj, mein Freundchen! So etwas!“ rief das Mädchen aus. „Sieh einer dieses Selbstbewusstsein! Und was, wenn du einen Korb bekommst?“ „Warum sollte ich? Meinst du, ich gefalle ihr nicht?“ „Ums Nichtgefallen geht es hier nicht, aber… aber… aber…“
„Na, was? Gibt es andere, bessere Freier?“ unterbrach Anders sie mit leicht zitternder Stimme.
„Ach, die anderen! Du weißt ja, dass es Bewerber gibt. Aber die sind… na also!… Aber sie will noch nicht. Sie ist ja noch so jung. Die Aussteuer ist noch nicht fertig, die Bettdecke noch nicht gewebt…“
„Ich wäre mit einer Pferdedecke zufrieden, wenn sie mich nur nähme.“ „Du! Das kann ich mir vorstellen! Mit was du nicht alles zufrieden wärst. Aber so geht das nicht. Alles braucht seine Ordnung.“
„Ach, geh mir mit der Ordnung, Leni, du machst mich noch ganz wirr damit! Nun sag schon, warum willst du mich nicht heiraten?“ „Nun fang nicht wieder an zu jaulen. Dann laufe ich gleich wieder weg. Schau, wie schön es hier ist, und bei so einem Wetter denkst du nur ans Heiraten!“ „Aber ja, gerade bei solchem Wetter! Wohin der Mensch auch schaut, da… ach, dieser Tage gehst du mir einfach nicht aus dem Kopf. Liebe Leni, nun sag doch ja! Sag ja!“ „Hast du schon aufgegessen?“
„Ich bitte dich, sag ja.“ „Und ich frage dich: hast du aufgegessen? Ich gehe jetzt.“
„Warte, warte, warte, ich esse doch noch,“ rief Anders aus und fing wieder an zu essen, bloß, damit Leni noch ein Weilchen in seiner Nähe blieb. „Dich hat wohl der Bauer angesprochen?“ fügte er mit etwas gepresster Stimme hinzu. „Angesprochen hat er mich wohl,“ antwortete Leni. „Aber dieser pockennarbige Affe… also nein, nur das nicht.“ „Aber er ist ein rechtschaffener und wohlhabender Mann!“ fuhr der Bursche fort, der mehr über seinen Nebenbuhler erfahren wollte. „Rechtschaffen und wohlhabend? Ein rechtschaffener und wohlhabender Mann! Wenn ich mich jedem rechtschaffenden und wohlhabenden Mann versprochen hätte, dann könnte ich jetzt schon Ketten aus den Ringen schmieden. Rechtschaffen und wohlhabend – Unsinn!“ „Na, dann wird dir zuletzt nichts anderes übrig bleiben, als mit mir vor den Altar zu treten,“ sagte Anders, klappte das Messer zu, strich sich den Schnurrbart glatt und sprang auf. Im selben Augenblick erhob sich auch Leni vom Feldrain.
Mit sicherem Lächeln ging Anders auf sie zu. Leni wich zum Strauch zurück. „Was tust du,“ rief sie aus. „Komm nicht näher! Das gibt es nicht. Ich binde mir die Schürze um den Kopf.“ Und dann sprang sie hinter den Strauch, wo Anders sie einholte und umarmte. „Anders!“ rief Leni ungnädig. „Einen Kuss bekommst du nicht!“ Sie wickelte ihren Kopf in die Schürze, aber er riss sie ihr ab und küsste das Mädchen vom Fleck weg. Nun gab sie den Widerstand auf und als Anders sie von Neuem liebevoll fragte, ob sie ihn heiraten würde, da antwortete Leni leise: „Was fragst du so viel, du weißt doch, dass ich keinen anderen nehme!“ Aber kaum gab er sie frei, da rief sie doch aus: „Du Lump!“, griff die leere Schüssel und das Tuch und eilte über die Wiese nach Hause. Anders gab seinem Pferdchen einen tüchtigen Kanten Brot und verfolgte Leni wieder mit den Augen, bis der graue Rock, die dunkelrosa Jacke und zuletzt das hellrosa Kopftuch hinter dem Hügel verschwunden waren. Dann breitete er die Arme aus, als wolle er seine Glieder strecken… Ah! Das Leben! Das Glück! Das schöne Wetter! Das Glück! Das Glück! „Meine Blume!“ Und pfeifend fing er wieder an zu pflügen.
Frost

Gleichzeitig mit Leni, nur von der anderen Seite, traf der Herr vom Grubenhof auf dem Falkenhof ein, ein langer, vertrockneter Alter, dessen Haus man vom Falkenhof aus im Westen sehen konnte, im Tal, am Rande eines Birkenhains, zwischen Eichen und Apfelbäumen. Er war sorgfältig gekleidet und grüßte das Mädchen mit sonderbarer Stimme, warf ihr auch einen gar sonderbaren Blick zu und ging in die Stube. Leni legte Schüssel und Tuch ab und begann, sich in der Küche zu schaffen zu machen, wobei sie dachte, dass der Grubenhofer in letzter Zeit etwas zu oft für sein Alter auf den Falkenberg stieg. Da kam der Hausherr in die Küche. Er wirkte erhitzt und ein bisschen erschrocken.
„Denk dir, Leni,“ stieß er hervor, „der alte E- Herr vom Grubenhof ist um dich gekommen.“ „Was? Was?“ fragte das Mädchen unaufmerksam. „Der Grubenhof-Wirt will mit dir reden.“ „Du siehst doch, dass ich keine Zeit habe. Er soll in die Küche kommen!“ „Versteh doch, er ist gekommen… er will um dich anhalten.“
„Anhalten?“
Leni stützte sich an der Mauer beim Herd ab. Ihre rosigen Wangen wurden bleich, und erst nach einer Weile antwortete sie: „Das kann nicht sein.“ „Komm und hör ihn an,“ sagte der Falkenhofwirt und verzog das Gesicht, als er Lenis Veränderung bemerkte. „Ach du liebe Güte!“ rief Leni aus. „Was soll ich denn mit ihm reden! Ist er denn verrückt geworden! Ach Gott!“ Und vor Verlegenheit fing sie an zu lachen. ”Nun komm schon,” befahl der Wirt mit strenger Stimme. In Lenis Lachen war etwas, das ihn verletzte.
„Ach Gott, ich weiß nicht, was ich sagen soll! Wie peinlich! So ein Alter! Was bildet der sich ein! Verrückt, komplett verrückt! Ach Gott, ach Gott, ach Gott!“ Und wieder lachte sie, und ihre Gedanken liefen wild durcheinander: „Zweiundsiebzig Jahre alt… Witwer… Das Haus sein Eigentum… abbezahlt… keine Kinder… Im Vorderhaus vier Zimmer und eine verglaste Veranda… In drei, vier Jahren ist der Alte tot… vielleicht schon in einem Jahr… Und Geld muss auch da sein… Und ein Obstgarten mit Apfelbäumen… und Pflaumen, und Kirschen, und Weinranken an der Sonnenseite, und vielleicht stirbt der Alte ja schon in einem halben Jahr.. Ach Gott, ach Gott, und Anders…“ „Jetzt komm aber!“ sprach der Falkenwirt kühl und verließ die Küche. Unter heftigem Herzklopfen wusch sich Leni eilig die Hände, machte auch das Gesicht nass, obwohl sie sich ja am Morgen gewaschen hatte, und trocknete sich sorgfältig ab. Dann ging sie in die Gesindestube und setzte sich auf ihr Bett. Sie war ganz verwirrt. Sie konnte doch den Alten nicht heiraten. Nein, nein, was würde denn Anders, was würde die Welt… Aber abweisen, einen so reichen Mann abweisen, welches Mädchen würde das denn tun?
„Wenn mir doch jemand einen guten Rat geben könnte,“ dachte sie, „wenn mir doch jemand sagen könnte, wie lange der Kerl noch lebt? Zwei Jahre, drei Jahre? Mehr als vier Jahre ja wohl nicht. Sechsundsiebzig… Das ist ein hohes Alter. Ob Anders so lange wartet? Nein, nein, so lange wird der Grubenhofer nicht mehr leben. Kaum jemand lebt so lange. Aber wer weiß? Er ist von der alten Art… ein starkes Geschlecht. Und wenn er achtzig wird? Na dann könnte man – pfui, was für Gedanken… er soll gehen, wohin der Pfeffer wächst, wenn man nicht sagen kann, wann er stirbt.“ Leni wollte aufstehen und aus dem Zimmer hinauslaufen, aber die Beine gehorchten ihr nicht und sie blieb sitzen. So saß sie da lange und dachte hin und her, bis endlich die Tür zur Herrschaftsstube aufging und der Falkenwirt heraustrat und sagte: „Nun komm endlich herein.“
„Ach, ich weiß nicht, ob ich gehen soll oder nicht.“ „Wovor fürchtest du dich? Er wird dich ja nicht gleich mitnehmen.“
Das Mädchen erhob sich, ging langsam durch das Zimmer und verschwand durch die Tür zur Stube.
Eine tiefe Falte zwischen den Augen sah der Falkenwirt ihr nach. „Verdammt, verdammt!“ Und er ging hinaus und wanderte unruhig im Hof herum. „Ob sie wirklich so dumm sein wird?“
In der Stube blieb Leni bei der Tür stehen und traute sich nicht, die Augen zu heben. Sie bereute schon, dass sie überhaupt hineingegangen war. Vor Scham wäre sie am liebsten im Boden versunken.
Der Grubenhofer verhielt sich völlig gegensätzlich. Mit ruhigem Wohlgefallen schaute er auf Lenis blühende Wangen, nickte mit dem Kopf, als sähe er einen früheren Gedanken bestätigt und strich sich mit seiner knitterigen, knochigen Hand übers Knie. „Komm doch näher,“ sagte er dann und zeigte auf einen Sessel. „Der Bauer hat dir wohl gesagt, warum ich gekommen bin?“ Er wartete auf eine Antwort, aber Leni bewegte sich weder, noch sagte sie etwas. „Ich wollte ja gleich nach dem Tod meiner zweiten Frau wieder heiraten,“ fuhr der Grubenhofer fort. „Ich bin daran gewöhnt, von Frauenhänden versorgt zu werden, und komme schwer ohne sie aus. Aber bis jetzt habe ich keine gefunden, die nach meinem Sinn wäre. Die Jungen sind zu zappelig und die Älteren zu langsam. Und alle zusammen haben zu wenig Verstand für eine große Wirtschaft. Meine beiden Verblichenen waren kluge und verständige Hausfrauen, so eine suche ich nun wieder. Ich beobachte dich schon seit zwei Jahren und sehe, dass du nicht wie die anderen Mägde bist. Du hast den Sinn einer Wirtin. Ohne dass du es bemerkt hast, habe ich dich beobachtet und deine Tugenden erwogen. Auf der Weide brüllst du nicht sinnlos mit dem Vieh herum, wie es meine Mägde tuen und auch eure großen und kleinen Hirten. Das Vieh spürt zwar nicht, ob man es einen Teufel und Höllenbraten nennt oder… oder… oder ob man ihm liebevolle Namen gibt. Ihm ist das egal. Aber ein Menschenherz kann man an solchen Namen erkennen… Und so, wie du deine Zunge beherrschst, beherrschst du auch deine Hände. Ich rede nicht nur von Schlägen. Du beherrschst deine Finger auch in anderen Dingen. Salz ist billig. Aber hast du deshalb je eine Grütze versalzen? Wasser gibt es umsonst. Aber hast du deshalb den Teig je zu dünn angerührt? Anderen Mägden ist das einerlei. Wie es kommt, sind sie’s zufrieden. Du überlässt nichts dem Zufall, du machst alles mit Sorgfalt. Das zeigt den Geist einer Hausfrau. Und was sagst du nun zum Grubenhof? Wirst du dort als Herrin einkehren?“
Mit keinen anderen Worten hätte der Alte Leni den Weg zum Grubenhof besser glätten können. Sie fühlte sich beflügelt von diesem unerwarteten Lob, und ihre Scham begann zu schwinden. Acht Jahre lang war er schon Witwer, acht Jahre lang hatte er vergeblich gesucht und dann sie gefunden. Das war eine Ehre. „Na, was sagst du?“ „Ich weiß nicht. Ich habe noch nicht darüber nachgedacht,“ antwortete Leni unsicher. „Was gibt es da viel zu denken. Die Sache ist klar. Ich bin ein alter Mann, der eine Pflegerin braucht. Das ist das Eine. Der Grubenhof braucht eine verständige Hausfrau. Das ist das Zweite. Für diese beiden… beiden… wie soll ich sagen?… Aufgaben bekommst du in drei, vier Jahren den Grubenhof zum Erbe. Länger werde ich wohl nicht leben. Mein Vater starb mit neunundsechzig, mein Großvater mit dreiundsiebzig. Meine Zeit ist auch bald gekommen und ich sollte besser über einen Sarg nachdenken als… als… eh… aber was hilft’s! Ich habe halt so eine Laune: ich kann es nicht ertragen, dass auf dem Grubenhof, solange ich noch die Augen offen habe, keine Ordnung herrscht. Ich habe es versucht. Aber fremde Hände sind und bleiben fremde, da kannst du noch so einen hohen Lohn zahlen. Schau, deshalb habe ich beschlossen, wieder zu heiraten. Ich sage dir das alles klar und deutlich. Wir werden leben wie Vater und Tochter, wie ein Kind mit seinem Vater. Was gibt es da lange zu überlegen? Komm, gib mir deine Hand und sag ja!“
Er sprach so vernünftig, seine Stimme klang so überzeugend, dass es Leni ganz natürlich vorkam – hingehen und ihm die Hand reichen. Anders konnte doch warten. Für so ein Haus konnte man doch drei, vier Jahre warten. Und länger würde der Grubenhofer nicht leben, das hatte er selber gesagt, und er hatte doch gesagt, was er fühlte. Ein Aufschneider war der nicht. Leni hob den Kopf und – fuhr zusammen. Dort am Tisch saß ein Alter mit einer von dünnen, weißen Haaren bekränzten Glatze, einem dünnen, langen, grauen Bart, runzligem Gesicht und Augen, die in Fett zu schwimmen schienen. Seine Lippen waren bleich, die Zähne lang, angeschwärzt und eingesunken. Ekel erfasste Lenis Seele. Die Frau dieses Greises! Niemals! … Aber das Haus! Aber Hof und Gut, und ein freies und leichtes Leben! Ach weh, ach weh!
„Komm, komm, gib mir die Hand und sag ja.“ „Ich weiß nicht… ich weiß nicht… ich glaube, wir passen nicht zusammen.“
„Warum passen wir denn nicht zusammen, sag das nicht. Ich bin ein friedliebender Mensch, und du bist auch kein Wildfang. Du wirst mich doch nicht abweisen? Wenn ich das gewusst hätte, dann… dann… ehrlich gesagt habe ich noch eine andere im Auge. Die ist noch jünger als du, sie passt nicht so gut und sie gefällt mir auch nicht so gut wie du. Aber die käme bestimmt, das weiß ich sicher. Ich kann dir auch ihren Namen nennen. Die Jüngste vom Stackelhof ist es. Soll ich mich jetzt von dir zu ihr wenden? Du wirst mir doch nicht diese Schande machen?“
„Geh nur zu ihr,“ wollte Leni sagen, aber ihre Zunge bewegte sich nicht. Ihr Mund war wie ausgetrocknet. Die Jüngste vom Stackelhof! Die war zwei Jahre jünger als sie, ein hübsches Mädchen und Tochter eines reichen Bauern. Und die wollte den Grubenhofer nehmen! Warum sollte sie der gönnen, was ihr selbst angeboten worden war? Was würden die Leute sagen, wenn sie erführen, dass sie so ein Glück hatte vorbeiziehen lassen? Würden sie überhaupt glauben, dass der Grubenhofer um sie angehalten hatte?… Und Leni ließ den Kopf wieder sinken, biss sich auf die Unterlippe und quälte sich damit, die rechte Antwort zu finden. Nach einem Augenblick des Schweigens fing der Grubenhofer wieder an:
„Dein Zögern kann ich wohl verstehen. Wenn du bisher ans Heiraten gedacht hast, dann standen dir nur junge Männer vor Augen. Und jetzt kommt stattdessen so ein alter Knacker wie ich. Das hat dich erschreckt, du fühlst dich wie… wie… betrogen, und dein Herz schreit: nein, nein! Aber man darf nicht immer auf die Stimme des Herzens hören. Bedenke wohl, was du verschmähst. Ich habe ein Haus, für das man mir – ohne, dass ich danach gefragt hätte – zwölftausend geboten hat. Auf der Bank habe ich zehntausend mit Zinsen angelegt. Die habe ich noch von damals gespart, als ich mit Holz gehandelt habe. Jedes Jahr wächst mein Vermögen um mindestens fünfhundert Rubel. Bis auf eintausend, die mein einziger lieber Patensohn erben soll, werde ich dir mein ganzes Hab und Gut noch vor der Hochzeit testamentarisch vermachen. Für uns Bauersleute ist das ein großes Vermögen. Ich prahle nicht damit, aber es ist, wie es ist. Liebe kann man bekanntlich auch für doppelt so viel nicht kaufen. Aber ein freundliches Gesicht und weiche Hände für meine alten Knochen… ich denke, vier-, fünftausend im Jahr für ein freundliches Gesicht und weiche Hände sind kein schlechter Lohn. Die Bewirtschaftung des Hofs wird noch gesondert entlohnt.“
Während er diese Worte sprach, war der Grubenhof-Wirt aufgestanden und näher an Leni herangetreten, die sich kraftlos gegen die Wand gelehnt hatte. „Zehn- und zwölftausend! Was für eine riesige Summe! Für so reich hätte den Grubenhofer niemand gehalten. Und in ein paar Jahren könnte man mit damit machen, was man will!“ Langsam stieg Leni das Blut zu Kopf, und plötzlich bemerkte sie, wie der Grubenhofer ihre Hand in der seinen hielt. Ob sie sie ihm entgegengestreckt hatte oder ob er sie selbst ergriffen hatte, wusste sie nicht, sie hörte nur, wie er sagte: „Du bist ein vernünftiges Mädchen, Leni, du wirst es nicht bereuen,“ und dann war sie allein in der Stube.
Wie betäubt ging sie zum Tisch und sank auf den Stuhl, auf dem der Freier gesessen hatte, und stützte den Kopf in beide Hände. War es wirklich wahr? Hatte sie zugesagt, einen so alten Mann zu heiraten? Nein, nein, das war unmöglich, sie war verwirrt, das viele Geld hatte sie durcheinander gebracht… Also sollte sie so einen Reichtum abweisen? Ach nein, ach nein, das war auch unmöglich…. und doch, und doch musste sie ihn abweisen, sie musste… Da knarrte die Türklinke und Leni sprang auf und drehte sich um. Der Falkenwirt war eingetreten. Mit einem süßsäuerlichen, halb verächtlichem Lächeln schaute er die junge Frau an und ging dann auf sie zu und drückte ihr die Hand.
„Ich habe… habe gerade… eine äußerst frohe Kunde vernommen. Ja, ja, Leni, wer hätte das gedacht… Solch ein Glück… das ist so groß, dass für weitere Glückwünsche gar kein Platz mehr ist.“
In seinen Worten klang dieselbe Ironie und Verachtung mit, die sich in seinem Blick widerspiegelte und die Lenis erregte Gefühl verletzte. Warum durfte er so mit ihr reden? Es war doch nicht ihre Schuld, dass der Grubenhofer um sie angehalten hatte. War es denn unehrenhaft, ihn zu heiraten? Warum verhöhnte er sie? Wohl deshalb, weil sie eine einfache, arme Magd war?… Und sie erfasste der unbezähmbare Willen, diesen Stand zu verlassen, sich über andere zu erheben, über das ganze Dorf, über den ganzen Kreis, und den Falkenhof-Bauern zu ihren Füßen zu sehen. Und so antwortete sie mit demselben Lächeln und derselben Kälte in der Stimme, mit der der Falkenbauer gesprochen hatte:
„Ja, mir ist das Glück in den Schoß gefallen. Jetzt werde ich zehn-, fünfzehnmal so reich sein wie die Falkenhofer.“ „Na klar, na klar, an der Seite eines zehn-, fünfzehnmal so alten Mannes,“ warf der Falkenwirt ein. „Hm! Kennst du nicht das Sprichwort: lieber unter dem Bart eines Alten als unter der Knute eines Jungen!“ gab Leni zurück und wandte sich zur Tür. Die ging auf und der Grubenhofer trat ein. „Der Bursche mit dem Korb kommt gleich“, sagte er fröhlich und erklärte, dass er, den glücklichen Ausgang seiner Werbung voraussehend, noch zu Hause ein paar Flaschen Wein in einen Korb gelegt und befohlen hatte, der Bursche solle warten, bis er vom Hof mit einem Taschentuch winken würde. Dann solle er den Korb den Hügel hinauf tragen. „Trinken wir ein Glas auf die Gesundheit der kommenden Herrin.“ „Ich weiß nicht, ob das nötig ist“, sagte Leni leise. „Aber ja doch“, antwortete der Alte und bat den Falkenwirt um Gläser.
Der Falkenwirt hatte keine Weingläser und stellte ein kleines, dickwandiges Schnapsglas auf den Tisch.
„Was sollen wir mit diesem Fingerhut!“ rief der Grubenhofer lachend aus. „Weg damit! Hol Teegläser, Herr Nachbar.“ Der Falkenhofer nahm Teegläser aus dem Schrank und bald darauf traf der Korb mit dem Wein ein.
Leni trank zum ersten Mal in ihrem Leben guten Wein. Sie kostete ihn vorsichtig, und nachdem sie ihn für gut befunden hatte, nahm sie einen kräftigen Schluck. Auf Drängen des Grubenhofers trank sie noch einen Schluck und spürte, wie eine sonderbare, angenehme Wärme ihren Körper ergriff. Ihr Ärger über den Falkenwirt legte sich und die Unruhe schwand aus ihrem Herzen. Jetzt schien es ihr nicht mehr falsch, was sie getan hatte. Sie ging zum Fenster, von dem aus man den Grubenhof sehen konnte, und weidete ihre Augen an dem hübschen Bild, das sich ihr dort im Tal bot. Wie sich die roten Ziegeldächer von Wohnhaus und Klete vom Grün der dichten Bäume abhoben, wie die weiße Rinde der Birken im Hain leuchtete und sich wand, wie der Bach funkelte! Stolze Freude erfüllte Lenis Herz. Dort würde sie tun können, was und wie sie wollte, ganz nach ihrem Geschmack, denn das alles würde ihr gehören. Ach mein Gott, wer hätte sich das erträumt! „Willst du nicht auch den anderen Hausgenossen ein Glas reichen?“ fragte der Grubenhofer, der sich neben Leni gestellt hatte. „Wein ist noch genug da.“ „Ja“, antwortete die junge Frau, „aber eben war niemand in der Gesindestube.“ „Ich gehe sie alle zusammenrufen“, eilte sich der Falkenwirt zu sagen und ging hinaus. Dort befahl er dem Hausburschen, er solle auf den Hügel laufen und dem Anders pfeifen, und rief den Rest des Haushalts selbst zusammen. Inzwischen stand Leni noch immer am Fenster, aber der Grubenhofer hatte sich an den Tisch gesetzt.
Ob das nun der Wein bewirkte oder die Freude des Bräutigams, auf jeden Fall sah der Alte jetzt ein ganzes Stück jünger aus als zuvor. Wangen und Stirn waren leicht gerötet und in seinen Augen, die er nicht von Lenis schönem Gesicht abwandte, blitzte ein eigenartiges Feuer. So saß er ein Weilchen da ohne ein Wort zu sagen, ein glückliches Lächeln um den Mund, und lauschte der Lerche, die draußen sang. Oder hörte er sie gar nicht?… Dann stand er auf und tat ein paar Schritte, um Leni wieder nahe zu sein. Etwas trieb ihn ihr die Hand auf den Scheitel zu legen und ihr volles Haar zu streicheln, wenn nicht mehr. Aber er hielt sich zurück, zögerte kurz und setzte sich dann wieder an den Tisch. Jugendliche Leidenschaft stand ihm nicht an, hier galt es, nichts zu überstürzen. Und er saß da und schaute auf seine Braut und lächelte glücklich. Dann trat der Falkenwirt ein und verkündete, die Mitglieder des Haushalts seien versammelt. „Gehen wir“, sagte der Grubenhofer und stand auf. „Du, Leni, nimmst das Glas und reichst es herum.“ Leni nahm das Glas und die Flasche, der Grubenhofer nahm auch noch eine und zu dritt gingen sie in die Gesindestube. Leni hielt zwar ihren Kopf stolz erhoben, aber ihr Herz zitterte unter der Frage: „Was werden sie wohl sagen?“ „Ich bin hier um zu verkünden, dass ich euch die Leni wegnehme“, sprach der Grubenhofer fröhlich. „Sie wird meine Hausfrau. Trinkt auf ihr Wohl.“ Die Leute, die die Neuigkeit schon von ihrem Herrn erfahren hatten, brachen in laute Rufe der Verwunderung aus: „Wer hätte das gedacht! Schau an, schau an! Was für einen prächtige Hausfrau das wird! Ja, der Grubenhofer hat weise gewählt! Eine Bessere hätte er in ganz Liefland nicht finden können!…“ Und eine heuchlerische Mutter von mehreren Kindern, die sich dachte, dass sie ihre Bälger im nächsten Sommer bei Leni als Hütejungen unterbringen könnte, hätte ihr beinahe die Hand geküsst. Der Lärm gab Leni Sicherheit, und während sie mit dem Wein die Runde machte, wandte sie die Augen nicht zu Boden, sondern sah jedem direkt ins Gesicht. Und als alle getrunken hatten, wusste sie, dass sie richtig gehandelt hatte, indem sie sich dem Grubenhofer versprochen hatte. Denn in allen Gesichtern war hinter der zur Schau gestellten Freude und Verwunderung ein mehr oder weniger versteckter Neid zu spüren gewesen. Würdigen Schritts ging sie noch einmal herum, um, wie der Grubenhofer lachend sagte, „einen für das zweite Bein“ auszuschenken, als Anders eintrat. Als er das ganze Haus versammelt fand und den Grubenhofer und die Leni mit Flaschen in der Hand, blieb er überrascht stehen. „Was ist hier denn los?“ rief er aus und schob unbewusst den noch immer geschmückten Hut in den Nacken. „Eine Verlobung, mein Freund, eine Verlobung“, antwortete der Falkenwirt und zeigte mit einem seltsamen Lächeln auf das Paar. „Hier ist der Bräutigam, dort die Braut… Lenilein, sei so gut und schenk ihm auch ein Glas ein.“
Leni fuhr unmerklich zusammen, drehte sich aber sofort zu Anders um und schenkte ihm Wein ein, wobei der Flaschenhals mehrmals an den Rand des Glases schlug. „Hier“, sagte sie leise und machte einen Schritt auf Anders zu. Der junge Mann stand wie erfroren vor ihr. Was ging hier vor? Hielten diese Leute ihn zum Narren? War er verrückt geworden? Oder war das ein Albtraum?… Er blickte sich um und sah aller Augen auf sich gerichtet, und alle Gesichter erschienen ihm in unnatürlicher Schärfe. Da, die Mutter von Janjuk hatte vier Falten in der Stirn, das hatte er früher nicht bemerkt… sollte er schreien? Und was sollte er mit dieser Hand anfangen, die er in einem hellrosa Ärmel vor sich sah? Und mit dem blutroten Wein? Trinken? Oder der Geberin ins Gesicht schütten?
„Nun, trink, trink – trink auf das Glück der jungen Grubenhoferin“, ermunterte ihn der Alte, und Anders ergriff das Glas und leerte es in einem Zug. Dann drehte er sich um und ging hinaus.
Im Zimmer waren alle verstummt. Mit zusammengekniffenen Lippen ließ der Grubenhofer seinen Blick herumschweifen und ging dann zurück zur Herrschaftsstube. „Ein hübscher, starker Bursche“, sagte er ruhig, während er die Flasche auf den Tisch stellte. „Den sollten wir nächstes Jahr auf dem Grubenhof anstellen.“ „Ich glaube nicht, dass er kommen wird, ihm geht es hier gut“, antwortete Leni ebenso ruhig und blickte den Alten freundlich an. „So, so“, sagte der Grubenhofer.
Anders war inzwischen zum Stall gegangen zu seinem Grauen, der hungrig Heu vertilgte. Er legte einen Arm um den feuchten Hals des Pferdes, drückte die Stirn in seine Mähne und tätschelte es. Das Pferd schnaubte kurz und fraß weiter. Der Bursche hörte nicht auf mit dem Streicheln und das Pferd schnaubte noch einmal, drehte den Kopf, als wundere es sich, und stieß mit der Nase an Anders Ellbogen.
„Mein Grauer!“ flüsterte Anders gebrochen. „Mein Grauer!… Mein Pferdchen!… Mein Grauer!… Mein Glück!… Mein Glück!… Meine Blume!…“

 

 

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