Weißkeese

Annele Slišāne

aus tuoraga stuosti (Kleine Geschichten vom Quark)

Die Schlange war lang, etwa zwölf Menschen standen an. Süß, schwer und heiß stand die Luft im Raum. Sie gelangte an die Glasvitrine, gab acht, sich nicht dagegen zu drücken, um nicht ausgeschimpft zu werden, bemühte sich, die Namen zu lesen und im Kopf zu behalten, die Anzahl, den Preis für jedes Stückchen. Nur nit durcheinanderkomme, dachte sie und wiederholte im Kopf die Namen, die Anzahl, den Preis. Langsam bewegte sich die Schlange vorwärts, alle sagten rasch, was sie wollten, die Verkäuferinnen erledigten alles rasch, rollten Papier zu Tüten, taten die Stückchen hinein, gaben rasch das Wechselgeld heraus. Ob das Geld langt, sie rechnete es nochmal im Kopf und versuchte, alles zu behalten, die Namen, die Anzahl, den Preis. Auf einmal war sie furchtbar aufgeregt, das Blut stieg ihr in den Kopf, die Kehle war wie ausgetrocknet, noch zwei vor ihr, noch ein Onkel vor ihr, die Verkäuferin tat nett mit dem Onkel, lächelte ihn an. Jetzt kam sie an die Reihe, sechs Krapfen, sagte sie leise und nannte den Preis. Plötzlich hatte sie vergessen, wie die anderen Stückchen hießen. Die Verkäuferin war verärgert, sagte, sie solle alles rascher sagen, sie stotterte: die, also die mitm Weißkeese. Die Verkäuferin fuhr sie an, sie solle erstmal normal reden lernen: mit Quark hieß das richtig. Das Geld langte, sie hatte richtig zusammengerechnet. Sie rannte raus aus der süßen, stehenden Luft, weg von der Schande. 

(aus dem Lettgallischen von Nicole Nau)

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