Mütter und Töchter (2). Nora Ikstena.

Nora Ikstena: Muttermilch
Rīga: Dienas Grāmata, 2015.

Ausschnitt aus dem Roman, aus dem Lettischen von Nicole Nau

Zwei Tage später wurde ich aus dem Unterricht heraus in das Zimmer der Direktorin gerufen. Dort saß ein Mann in einem grauen Mantel. Die Direktorin sagte, der Genosse wolle sich mit mir unterhalten.
Ich war kein ängstliches Mädchen, aber aus irgendeinem Grund überkam mich eine fürchterliche Panik. Richtige Todesangst beim Gedanken, dass ich mit diesem Genossen allein im Büro der Direktorin bleiben sollte. Ich muss so blass geworden sein, dass die Direktorin erschrak, denn sie ließ mich mich setzen und schenkte mir ein Glas Wasser ein. Ach du meine Güte, wie dir das Herz schlägt, sagte sie. Vielleicht sollte ich die Krankenschwester rufen? Vielleicht warten wir? Sie blickte bittend auf den Genossen, der unerschütterlich an ihrem Tisch saß und mit seinen dicken Fingern darauf trommelte. Nein, jetzt. Gehen Sie, sagte er in harschem Ton zur Direktorin.
Wir blieben zu zweit im Zimmer zurück. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. So ist das wahrscheinlich, wenn man stirbt, dachte ich.
Der Genosse fasste mich schmerzhaft an der Schulter und zog mich auf einen Stuhl ihm gegenüber.
Jetzt Schluss mit dem Gezappel und antworte auf meine Fragen, sagte er.
Hat deine Mutter dir jemals etwas erzählt, was du nicht in der Schule lernst?
Ich fing an zu weinen. In dem Moment begriff ich, dass die einzigen Verdächtigen in der Sache mit der Kreideschrift auf dem Asphalt wir waren, meine Mutter und ich. Wie ungerecht, wie gemein.
Beruhige dich und antworte mir. Vorher kommst du hier nicht raus, sagte der Genosse mit verärgerter Stimme.
Und da beruhigte ich mich zu meinem eigenen Erstaunen. Eine unglaubliche innere Kraft machte mich ruhig. Ich zog laut Luft ein und sagte: „Ja, sie hat mir erzählt, wie die Kinder entstehen. Sie ist Ärztin, sie weiß das, und ich weiß das jetzt auch. In der Schule habe ich das nicht gelernt.“
Der Genosse saß da wie ein begossener Pudel. Und ich fühlte, wie meine unterbewusste Angst nachließ und ich mich nicht mehr fürchtete. Ich fühlte so etwas wie einen süßen Kloss in meinem Hals, ich hatte das Gefühl, er könne mir gar nichts tun und er würde niemals, unter keinen Umständen, etwas aus mir herausbringen. Nichts, niemals. Nichts über meine Mutter, nichts über die Freiheit, nichts über die Läuse, nichts über die Sklaven. Das würde er niemals erfahren.
Der Genosse fühlte sich sichtbar unbehaglich.
Ist das alles, was sie dir erzählt hat?
Nein, das ist noch nicht alles. Sie hat mir aufgezeichnet, wie das Baby in der Gebärmutter liegt und wie schwierig es ist, herauszukommen. Und überhaupt, wie schwer es ist, auf die Welt zu kommen.
Der süße Kloss in meinem Hals machte mich stark. Ich sah, wie das verschwitzte Gesicht des Genossen auseinanderlief. Wie er sein schmutziges Taschentuch herauszog und sich abwischte.
Es braucht viel Kraft, sagte ich, damit das Baby aus der Mutter herauskommt. Meistens kommt der Kopf zuerst.
Danke, das genügt, sagte der Genosse. Keine weiteren Fragen. Er stand auf, öffnete die Tür und rief die Direktorin herein, die gehorsam draußen gesessen und gewartet hatte.
Alles in Ordnung hier, sagte der Genosse. Ich sah eine ungeheure Erleichterung in den Augen der Direktorin.
 

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