Zwei Gedichte von Arvids Viguls

Wir wohnen nicht in den Städten, in die wir geboren wurden,
und übernachten in Häusern, die nicht geplant wurden
in Gedanken an uns.
Träumen wir deshalb im Schlaf von Trümmern?

Ich bin wie die Nordstadt:
in mir sind viele verlassene Räume,
doch ihre Wände bewahren die Spuren
derer, die dort einmal waren.

Ich komme vom Binnenland,
wo die Häuser so dicht aneinander gebaut sind,
dass man durch die Fenster nur einen schmalen Streifen Himmel sieht,
wo es ein halb geöffnetes Rasiermesser ist,
was Flügeln am nächsten kommt.

Wir wohnen nicht in den Städten, in die wir geboren wurden,
wir haben uns weit von unseren Ursprüngen entfernt,
jetzt müssen wir unbemerkt mit unserem Leben verschmelzen
wie eine Gottesanbeterin mit dem Halm, an den sie sich schmiegt.

(Veröffentlicht auf Satori, Oktober 2014. Aus dem Lettischen von Nicole Nau)

Waschtag

Im Hof hängt Wäsche auf der Leine.
Die Garderobe einer jungen Familie mit Mammas Jeans und Papas Hemden,
und den Kleidchen der Kleinen, aus denen sie bald rauswächst.
Und Bettwäsche und Schlüpfer einer alten Witwe,
hoffnungslos wie Seniorenkontaktanzeigen in diesen traurigen schwarzweißen Zeitungen.
Und die Kleidung der Jugend für ein schnelles Leben – ohne Knöpfe und mit vielen Taschen,
die nur dafür gedacht sind, leer zu bleiben.

Nachher holen sie die Wäsche rein,
bügeln die Knitter raus und den Abdruck der Wäscheklammern,
falten sie zusammen und legen sie in den Schrank.
Und die Hemden duften frisch,
als hätten sie nie voll Schweiß am Körper geklebt,
die Laken sind glatt gebügelt,
als hätte darin nie einer gevögelt oder sich schlaflos hin und her gewälzt,
und die Kissenbezüge sind rein und weiß,
als hätte nie einer in die Kissen geweint.

Wie oft kann man Stoff auswaschen, bevor er zerschleißt?
Wie lang ist das Leben der Kleider?
Wie viele Waschtage machen Baumwolle, Synthetik, Seide mit?
Und warum muss ich am Abend, als die Leine im Hof leer ist,
denken:
wie viele Hemden werde ich auftragen, wie viele Socken und Hosen,
wie viele Schuhe laufe ich durch,
bis auch mein letzter Waschtag gekommen ist,
wenn man mich auszieht und wäscht,
und in den schweren Holzschrank legt?

(Veröffentlicht auf Satori, Juli 2013. Aus dem Lettischen von Nicole Nau)

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