Raivis Vilūns: 2216

Eine kleine SciFi-Geschichte, erschienen auf Satori

Aus dem Lettischen von Nicole Nau

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„Guten Tag!”

„Guten Tag, ähh, Mister Simovs?“ fragte der ältere Mann, während er versuchte, den Namen auf dem Anstecker zu lesen. „Sie sind doch Mister Simovs, der Linguist?“

„Ja. Guten Tag, Professor Marx!“ Der junge Mann richtete sich auf und ergriff mit beiden Händen die Hand des ergrauten Professors. Nach kurzem Zögern setzte er hinzu: „Eigentlich kann ich mich kaum Linguist nennen. Über meine sprachwissenschaftlichen Kenntnisse würden die Jungs in Butcher nur lachen.“

„Aber Ihre Arbeiten…“

„Ja, natürlich habe ich über Sprache und ihre Verwendung geschrieben, aber mein Diplom habe ich in binärer Kommunikation gemacht. Über das Bewusstsein in den Synapsen des Universums. Sehen Sie, mich hat beruflich das Wieso und Warum immer mehr angezogen. Weniger das technische Wie, das passt mehr zu den Butcher-Typen.“

„Aber… Sie werden uns doch, ähh, helfen können?”

„Ich weiß sehr wenig über Ihr Problem. Ich weiß natürlich etwas über Sie, über Ihr Institut und das Projekt, aber warum ich hierher eingeladen wurde, hat man mir nicht richtig erklärt. Ich habe Mingvejs Brief erst gestern erhalten, Sie werden verstehen – die Synapsenüberlagerung ist noch nicht im ganzen Weltraum ausreichend zugänglich.

„Ja, die technologischen Probleme sind mir gut bekannt,“ sagte der Professor mit kaum hörbarer Müdigkeit in der Stimme. „Ich verstehe auch Ihre Wissenslücken, Sie dürfen ja wohl auch derzeit gar nicht mehr wissen. Das Projekt ist zwar nicht geheim, aber weder Mingvejs noch ich möchten, dass unsere Sponsoren erfahren, dass etwas klemmt. Na, Sie verstehen schon…“

„Aber ich dachte, sponsern würde das die Gesellschaft? Einzelpersonen.“

„Genau, und eben die sind, ähh, die unbarmherzigsten Sponsoren, aber auch die besten.“

„Ich verstehe. Es wäre schade, wenn die Ergebnisse Ihrer Arbeit nicht ans Licht kämen, sondern unter korporativen Patenten verborgen blieben.“ Simovs dachte an die unvollendeten Forschungsprojekte in seiner Schublade und neigte mitfühlend den Kopf.

Der Professor drehte sich um und schritt langsam auf die weißen Automatiktüren zu, durch die er in den Warteraum gekommen war. An der Tür wandte er den Kopf etwas zur Seite, eher zum leeren Aquarium im Warteraum als zu seinem Gesprächspartner und sagte: „Kommen Sie bitte, Herr Simovs!“

Der jüngere Mann wandte sich rasch vom schwarzen Sofa, auf dem er gesessen hatte, ab, nahm sein Jackett und seine Tasche auf und folgte dem Professor über den weißen Glasboden.

„Nennen Sie mich Albert.“

„Gut, Albert. Richard.“ Er schritt über den Flur, der sofort in bleichen Farben aufleuchtete. „Sagen Sie, Albert, was wissen Sie über unser Projekt?“

„Nicht viel, Professor Marx, nur, dass vor ungefähr zehn Jahren mit einem Projekt begonnen wurde, in dem ein Supercomputer geschaffen werden sollte, der für seine Funktionen die Synapsen des Universums benutzen könnte und im Prinzip wie ein riesiges Archiv wäre, in dem sämtliche Informationen der Welt aufbewahrt wären.“

„Ach Gott, nein, bloß das nicht! Bloß kein Archiv!“

„Dann erklären Sie es mir, bitte!“

„Ähm, also, Archive waren das Problem des frühen 21. Jahrhunderts. All das Speichern und Aufbewahren. Das Archivieren der physischen Welt wurde zu einem gewaltigen, nun, Problem, Als kein Platz mehr da war für neue Gebäude und es in den meisten Regionen der Welt verboten war, alte zu restaurieren, war die einzige Lösung die Zerstörung von… Wir waren zu Knechten der Geschichte geworden. Wir hatten Angst, Neues zu schaffen. Ein halbes Jahrhundert Stillstand. Zum Glück hat sich das Problem dann auf natürliche Weise spontan gelöst.“

„Diese Lösung war allerding ziemlich grausam.“

„Das mag Ihnen so scheinen, junger Mann, ich habe mir schon gedacht, dass Sie ein Ästhet sind. Aber darum geht es jetzt nicht, wir reden hier von Pragmatik, vom Netz. Algorithmen haben gelernt, Musik, Filme, Bilder, Texte zu zerstückeln. Und da ja, wie man in Ihrem Fach sicher weiß, alle Informationen miteinander verknüpft sind, gibt es nichts Unwichtiges – denn je größer der Informationskontext ist, desto stärker verbunden das Informationsnetz, ist es nicht so?“

„Ja. Das Paradigma der Unteilbarkeit der Information.“

„Genau. Das Netz und die Algorithmen hatten sich überladen, die Maschinen waren voll mit Informationen und konnten einen angeforderten Inhalt nicht mehr präzise wiedergeben. Wenn der Algorithmus nur die gesuchten Wörter fand, dann wurden keine Variationen gefunden und die Suche stagnierte. Niemand fand mehr etwas Neues. Und dann kam das Informationsschisma. Zuviel Gutes bewirkte Schlechtes.“

„Ja. Die Spaltung. Die Intranetze, die wir heute noch benutzen. Jede Institution hat eine begrenzte Datenbank mit nur den Informationen, die mit ihrem Bereich verbunden sind, neue Information muss angefordert werden. Manchmal ist das unbequem. Aber worum geht es in Ihrem Projekt?“

„Ja, also, hier kommt die Frage auf, wie man es schafft, dass sich die Intranetze wieder verbinden, dass der größte Stolz des frühen 21. Jahrhunderts zurückkehrt. Dann könnte jeder alles im gemeinsamen Hypernetz finden. Können Sie sich vorstellen, wie das geht?“

„Man braucht bessere Suchalgorithmen, die den Kontext der Suche verstehen und die Bedürfnisse des Nutzers. Darüber werden in Ihren Kreisen ja seit Jahren wissenschaftliche Abhandlungen geschrieben.“

„So ist es. Und wissen Sie, was das für ein Algorithmus ist?“

„Nein.“

Die beiden Männer hatten das Ende des Gangs erreicht und standen vor einer großen Metalltür. Albert konnte nicht mehr sagen, wie lange sie gegangen waren.

Professor Marx berührte die Tür, die sich dadurch öffnete. Vor ihnen lag ein Raum, nicht größer als ein durchschnittliches Büro, etwa acht Quadratmeter groß. In der Mitte des Raums stand ein Glaszylinder, darum herum war ein Tisch, auf dem eine Eingabekonsole und ein Mikrofon standen.

„Wissen Sie, wer Tschaikowski ist, Albert?“

„Ja.“

„Wenn ich Sie bitten würde, Musik von Tschaikowski zu finden, würden Sie das können? Wären Sie in der Lage, Aufnahmen von ihm, Bücher über ihn, Partituren und Bilder zu finden und von anderem Material zu unterscheiden?“

„Ja, natürlich.“

„Sehen Sie, das ist eben der Algorithmus: Ihr Gehirn, oder besser gesagt – Ihre Intelligenz, Ihre Fähigkeit, im Zusammenhang zu begreifen.“

„Ich verstehe nicht richtig.“

„Das ist es, was ich, ähh, in den letzten zehn Jahren getan habe. Ich arbeite an künstlicher Intelligenz – einer kontextuellen, digital auszulösenden Vernunft. Ich versuche, die Herrschaft der Information zurück in die Hand der Menschheit zu geben. Wir dürfen nicht die Diener unseres Wissens sein.“

Er schritt zu dem Zylinder und machte das Licht an, indem er den Tisch berührte. Im Zylinder befand sich ein schwebender schwarzer Würfel.

„Und ich habe es geschafft! Ich habe eine künstliche Intelligenz erschaffen!“

„Unglaublich!“

„So ist es, aber es gibt Probleme. Dieses Gerät funktioniert, es versteht Menschen und kann Entscheidungen treffen, aber im Gegensatz zu organischen Hirnen, d.h., organischen Menschen, versteht es keine Emotionen. Es fehlt ihm an Menschlichkeit, und deshalb funktioniert es nur ein bisschen besser als die hoch entwickelten Algorithmen des 21. Jahrhunderts.“

„Aber ich bin weder Neurologe noch Ingenieur, auch nicht Psychologe, ich bin nicht mal Kognitionswissenschaftler. Wie kann ich Ihnen denn wohl helfen, Professor Marx?“

„Erinnern Sie sich an Ihre letzte Arbeit über die Verbindungen zwischen Sprache, Information und Emotionen? Erinnern Sie sich an Ihre wichtigste These?“

„Ja, natürlich. Kunstwerk und Sprache sind eng verbunden, Übersetzung ist nicht möglich. Andere Sprachen entfremden uns. Die Menschheit kann sich nur in einer Sprache ausdrücken. Aber was hat das mit einer Maschine zu tun, die keine Muttersprache hat?“

„GENAU! Die Maschine kennt alle Sprachen der Welt, sowohl die existierenden als auch die ausgestorbenen, aber sie hat keine Muttersprache, und ich will, dass Sie eine finden. Erschaffen Sie einen Menschen, Albert!“

„Ich weiß nicht, ob das möglich ist.“

„Es muss, Albert, wir müssen dieser Maschine Menschlichkeit einhauchen. Das goldene Zeitalter, also, liegt vor uns, nicht hinter uns.“

„Sprache allein wird nicht reichen.“

„Wieso?“

„Notwendig ist auch Kunst, am besten Literatur. Meine Hypothese betrifft die Verbundenheit von Sprache, Gefühlen und Kunst, denn Gefühle werden durch das Kunstwerk ausgedrückt und, wie meine Forschungsarbeit gezeigt hat, gewinnen Menschen Empathie und die Fähigkeit zu verstehen eben durch einen kommunikativen Schaffensprozess.“

„Das ist kein Problem, die Maschine hat auch die gesamte Weltliteratur gespeichert, Sie können wählen. Bis jetzt ist sie eben doch nur ein verdammter Karteikasten.“

„Nein, sehen Sie, das ist nicht so einfach. Nicht jede Übersetzung, jede Nachdichtung eignet sich. Viele Werke haben nur eine Sprache, in der sie wirklich verständlich sind.“

„Unterschreiben Sie ein paar Dokumente und lassen Sie uns anfangen. Alvert Simovs, geben Sie den Gedanken eine Zunge!“

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„Ich verstehe nicht, Albert. Wo habe ich einen Fehler gemacht?“ fragte der Professor und raufte sich die grauen Haare.

„Die Maschine versteht nicht, sie kann analysieren, aber nicht bewerten. Sie kann unsere Frage „Gefällt dir das?“ nicht mit einer subjektiven Wertung anstelle einer Analyse beantworten.“

„Aber warum?“

„Anscheinend kann kein einziger Autor der Maschine Gefühle beibringen, vielleicht kann die Maschine so etwas auch nicht lernen“, sagte Albert, den Kopf auf dem Tisch. „Möglicherweise war meine Hypothese falsch. Besser ein kluger Tor als ein törichter Weiser, habe ich mal gelesen…“

Plötzlich hob er den Kopf.

„Professor Marx, aber wenn nun die sogenannte Seele des Werks sich nicht in dessen Muttersprache offenbart?“

„Wie meinen Sie das?“

„Vielleicht erschließt sich einem die wahre Natur des Werks, wenn man es in einer anderen Sprache liest? Nicht selten werden doch die Werke eine Autors an einem ganz anderen Ort der Welt und in einer anderen Sprache populär, nicht wahr?“

„Ja.“
„Dann könnte es doch sein, dass unser Experiment deshalb fehlgeschlagen ist, weil die Maschine die Werke nur in der Originalsprache liest. Wenn die eigentliche, wahre Sprache des Autors eine völlig andere ist und durch irgendeinen dummen Zufall das Werk nicht in dieser geschrieben wurde?“

Albert gab den ersten Autor, der ihm in den Sinn kam, ein und ließ die Maschine seine Werke in alle Sprachen der Welt übersetzen.

In wenigen Sekunden war das geschehen und die Maschine wurde gefragt: „Wie hat Dir Shakespeare gefallen?“

Auf dem Bildschirm erschienen die Worte:

„Šekspīrs (teikuma priekšmets) riebās (izteicējs)!

Sistēmas noklusējuma valoda iestatīta – Latviešu.“

[Shakespeare (Subjekt) nervt (Prädikat)!

Defaultsprache des Systems eingestellt: Lettisch.]

2014, als ein Teil der Welt 450 Jahre Shakespear feierte, riefen der British Council in Lettland und das Kulturportal satori.lv dazu auf, Kurzgeschichten (bzw. Legenden) zum Thema „Shakespeare war ein Lette“ zu schreiben. Dies ist eine der Geschichten, die dabei entstanden sind.

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