„Junge Balten“ vor 100 Jahren: Elfriede Skalberg

Elfriede Skalberg (nach der Heirat – Elfriede Eckardt-Skalberg), Riga 1884 – Überlingen 1964. Deutschsprachige Lyrikerin und Übersetzerin.

Nachdem ich ihre Übertragungen von Gedichten zeitgenössischer lettischer Lyriker gelesen habe (auf lettlandlesen bisher zitiert: Aspazija, Bārda, Skalbe), haben mich auch ihre eigenen Werke interessiert. Hier sind drei Gedichte, die mir gefallen.

Fremde Füße

Manchmal kommt eine Reihe von Tagen,
an denen fremde Füße Dich tragen –
heben sich, treten auf Staub und Steine,
weißt nicht: sind ihre Wege auch Deine,
weißt nur nach ihrem Willen zu wandern
eine Straße lang nach der andern…

Wie nur kamst Du in diese blassen,
dunklen und unbekannten Gassen,
in denen jedes Auge erblindet,
aus denen niemand sich heimwärts findet?
Weißt Deinem wirren Weg kein Ende,
fühlst nur des Grauens kalte Hände…

Ich war die Königin. Ich war die Schwester

Ich war die Königin. Ich war die Schwester.
Mich dem erlauchten Bruder zu verbünden,
auf starke Felsen seine Macht zu gründen,
war ich der Freunde eifrigster und bester:

Ich schuf Dir Wege, und Dein Schritt ward fester.
Ich zwang die Sterne, Dir sich zu entzünden.
Ich hieß die Vögel Deinen Ruhm verkünden —
sie flogen auf und ließen ihre Nester.

In Freiheit dienend saß ich Dir zur Rechten…
Du aber wolltest Wort und Tat von Knechten
und Sklavenmienen angstverzerrt und blaß.

So fandest Du ein Brandmal mich zu ächten.
Nun sinne ich Verrat in bösen Nächten
und bin Dir untertan in heißem Haß.

 

Der Ring

Ich schau die Erde an. Sie ist so rund,
daß alle meine Schritte gar nichts gelten.
Die Wege, die sich wirr und flüchtig stellten —
sie halten heimlich einen festen Bund.

Und alle Tage einen Mund
und rufen mich zurück aus fernen Welten.
Und alle Nächte, die sich mir gesellten,
sie einen sich und tun das Ziel mir kund…

Ich kannte nicht die Sehnsucht der Geleise:
geschlossen sein zu einem ewigen Kreise,
und dünkte mich nach fremder Bahn entbrannt.

Mein Herz ging töricht auf die weite Reise
und sah die Erde an und wurde weise
und kehrt zurück zu Dir in Deine Hand.

Diese drei Gedichte sind einem Band mit dem Titel „Die jungen Balten“ entnommen, der 1916 als Band 4 einer Reihe erschienen ist, deren Name die mich heute sehr befremdende damalige deutsche Sicht auf das Baltikum widerspiegelt (Ostsee und Ostland. I Die baltischen Provinzen. Erschienen im Felix Lehmann Verlag Berlin). Die Universität Tartu hat den Band netterweise ins Netz gestellt. Mit „Balten“ waren damals nicht Letten, Litauer und Esten gemeint, sondern Baltendeutsche bzw. Deutschbalten, wie sie sich selber lieber nennen. Deren Welt ging, wie so viele andere, mit dem Ersten Weltkrieg unter und ist heute wohl den meisten Deutschen völlig unbekannt.

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