Glückwunsch, Estland!

Estland hat heute Geburtstag: am 24.02.1918 wurde die estnische Republik ausgerufen.

Deshalb leihe ich mir heute bei lyrikline ein paar estnische Gedichte in deutscher Übersetzung aus. Eine kleine, ganz spontane Auswahl nach zwei Kriterien: die Autoren müssen bereits ein halbes Jahrhundert erlebt haben und das Gedicht mir gefallen.

Auf der Originalseite findet man Gedichte von insgesamt 18 estnischen AutorInnen mit Übersetzungen in verschiedene Sprachen. Man kann sich das Gedicht vorlesen lassen, was man unbedingt versuchen sollte – bekanntlich ist Estnisch eine der schönsten Sprachen der Welt. (Nur ein Beispiel für den Wohlklang des Estnischen: ööülikool heißt wörtlichlich übersetzt Nachthochschule, aber geben Sie das mal auf Youtube ein!)

Doris Kareva

Herb, karg ist das Licht des Nordens,
der Schlitten wird dort von schweren Schatten gezogen,
wach sind die Eulen, die Wölfe.
Das Wort knirscht zwischen den Zähnen.

Ich weiβ nicht, ich kann hier nicht sein,
die Geschichte macht mich frösteln.
Alle Grenzen sind Käfige,
jede Geschichte ist abgeschlossen.

Wovon ich spreche, vom
Tanz der Staubkörner
in der bodenlosen Sonne.

Aus dem Estnischen von Gisbert Jänicke und Irja Grönholm

***
Was ist, kann ausgedrückt werden
in einer anderen Sprache,
die wir bei unserer Geburt vergessen.

Manchmal erinnert man sich dennoch an ein paar Wörter –
zum Beispiel wenn man den Strand entlanggeht
ohne Gedanken, ohne Sorgen,
ohne einen einzigen Cent…

Die Steine sprechen langsam davon,
aber ganz ohne Akzent.

Aus dem Estnischen von Gisbert Jänicke und Irja Grönholm

Tõnu Õnnepalu

Es gibt keine Freiheit

Es gibt keine Freiheit die Frühlingsluft
glüht und wogt um uns hin
an diesem Festtag da der letzte Schnee schmilzt
wenn die Erlenkätzchen
vom gelben Blütenstaub schwer sind
und das Land vom Wasser schwer ist
und die Augen die Menge des Lichts schwer ertragen können
wenn die Freude
kommt und mit ausgebreiteten Armen
den Berg herunterstürmt
die Lerche durch die Luft fällt
wenn der Himmel
uns in seine vollkommene Leere aufnimmt
deren Farben keinen Namen haben
blau blau blau
tausendmal alles
mit verschiedenen Bedeutungen aber
das Vorjahrsgras und die Erde
duften wie das erste Mal im Leben
und die Kiefern
beginnen zu rauschen
wenn plötzlich
vom Meer ein eiskalter feuchter Windstoß kommt
und die Wipfel der Kiefern im Himmel wiegen
gleichsam wie inmitten einer großen Traurigkeit
denn es gibt keine Freiheit

Aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt

Eeva Park

Die Kleider an den Haken gehängt,
die Schuhe ausgezogen,
dreimal hintereinander auf die Waage gestiegen,
und da war klar,
dass es das Herz ist, das immer schwerer und schwerer und schwerer und

Aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt

Paul-Eerik Rummo

Landschaft sein, grosszügig Landschaft sein,
auf den Hügeln schäumen die Zapfen in Fichtenwipfeln;
Landschaft, schneeweiß, windspursträhnig,
Landschaft sein, erhabene Landschaft, durchzogen
vom Fluss, Kinderherden trägt auf dem Eis er,
die tollkühn drehn sich im Kreise,
zugleich fällt grün es vom Damm, schneeumweht,
in Röcken und Rüschen das Wasser, Wasserläufer;
Landschaft sein, in der die alte Wollmühle
die Asche dreht gemächlich, und rüttelt
leise dabei… bis in alle Ewigkeit;
Landschaft zu krächzen den hungrigen Krähen;
Landschaft aus Wolfsnacht, Landschaft vor Sonnenlicht,
Landschaft, zu drehen des Ringelspiels Aschenlast,
die Sternwarte zu tragen, das Gewölbe zu tragen aus Glast,
Landschaft sein, Landschaft sein mit aller Sinne Gewicht

In einem Kleinstadtmuseum an der Wand,
strahlende Landschaft, an den Rändern verblassend,
hinter Glas bleichen Münzen-Knochen im Sand,
müde Heimatkundler davor, ein Gähnen hören lassend;
seiend sein, wissend, dass niemals man findet
für deinen richtigen Namen das Wort; wissend,
dass man es immer wird missen;
Landschaft sein, die mit Schneelicht blendet;
Landschaft sein, in Ruhe nach dem Sturm der Schnee,
bis einer, dem das Herz so weh,
durchs Zimmer rast, weil die Brust zerbricht,
das Messer in die Leinwand sticht.

Übersetzt von Ralf Thenior

Hasso Krull

Der Weg hat Löcher. Die Erde hat Löcher.
Ich geh meines Wegs und bemerke: die Stiefel haben Löcher.
Da gucken die Socken raus, die haben Löcher,
ich seh und weiß es, denn mein Schädel hat Löcher.

Wenn Regen aufs Wasser fällt, hat das Wasser Löcher.
Die Tropfen prasseln, ich höre es, denn meine Ohren haben Löcher:
ich bleib stehen und atme, denn meine Nase hat Löcher,
ich gehe weiter und denke. Ja, meine Gedanken haben Löcher.

Meine Wörter haben Löcher. Laotse meinte, das wichtigste
sei Leere – – aber sag, mein Freund,
wozu Leere, wenn da nicht die ganze Zeit
Loch an Loch ist? Große Löcher. Kleine Löcher.

Das Sein besteht aus Löchern. Geburt und Tod sind Löcher.
Die Schwarzen Löcher im Weltraum – – vielleicht kommt man da raus,
irgendwohin, wo vielleicht Löcher anderer Art sind.
Auswege sind Löcher. Mund, Herz, Gedärm – – Löcher.

aus dem Estnischen von Gisbert Jänicke und Irja Grönholm

So fängt das auf Estnisch an:

Tee sees on augud. Maa sees on augud.
Kui astun edasi, märkan: saabastes on augud.
Sealt paistavad sokid, mille sees on augud,
näen seda ja tean, sest mu pealuus on augud.

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