Wie die Deutschen die Letten entdeckten

Eine kleine Kolonialgeschichte in drei Versionen aus dem 18. Jahrhundert

Erste Version, aus:
Stāsti no tās vecas un jaunas būšanas to Vizemes ļaužu, uzrakstīti 1753
[Geschichten von alten und neuen Begebenheiten der Livländer, aufgeschrieben 1753]
Aus dem Lettischen von Nicole Nau

Wird nun aber gefragt, woher die Livländer stammen, dann ist zunächst unleugbar, dass sie vom Urbeginn her kommen, von den Nachfahren Jafets, aber welchem Geschlecht ihre Vorväter entstammen und was diese tausend Jahre lang gewesen, das wird nicht von allen gleich angegeben und bewiesen; jedoch gibt es Kunde und Zeichen, die darauf weisen, dass die Letten von denselben Vorvätern abstammen wie die Russen, Polen, Böhmen und Wenden, wie das auch in ihren Sprachen ersichtlich ist, denn die Letten haben in ihrer Sprache viel solcher Wörter, wie sie auch die eben erwähnten Völker in ihren Sprachen haben. Es scheint, dass sie aus dem Land der Mecklenburger oder Preußen von anderen Völkern vertrieben wurden und in dieses Land kamen, wo sie, da sie für sich lebten, in Frieden blieben, sich mehrten und sich ausbreiteten in diesem Lande, doch den Deutschen und anderen Völkern, die fern von ihnen wohnen, waren sie gänzlich unbekannt, als ob es sie auf dieser Welt nicht gegeben hätte.
Du denkst wohl: wenn die Deutschen dieses Land nicht gekannt haben, wie sind sie dann hier hereingekommen? Das geschah so: Die Völker, die an der Küste leben, verstanden es immer besser mit Schiffen über das Meer zu fahren, so dass sie durch den Kauf und Verkauf von Waren etwas verdienen konnten und aus anderen Ländern Dinge bekommen, die ihnen fehlten. Dadurch sind den Bremer Kaufleuten die Lande der Finnen und Esten bekannt geworden, wohin sie manches Mal mit ihren Schiffen fuhren. Da geschah es einmal, dass die Kaufleute, wie sie zu Reval fahren wollten, ohne Absicht und Wissen durch einen großen Wind vom Großen Meer am Horn von Kolk entlang ins Kleine Meer und durch die Fahrrinne in die Düna getrieben wurden, und zu ihrem Erstaunen dieses Livland, das ihnen bisher gänzlich unbekannt gewesen, fanden. Das geschah im Jahre 1158 nach Christi Geburt.

Die „Geschichten…“ von 1753 sind das erste Buch über die Geschichte Livlands und seine Bevölkerung, das auf Lettisch geschrieben wurde, und das zweite auf Lettisch geschriebene Geschichtsbuch überhaupt. Als Autor wird allgemein Friedrich Bernhard Blaufuß (1697-1756) angenommen, jedoch ist man sich da nicht völlig sicher. Der Text ist in Handschriften erhalten, die nicht von Blaufuß sind. Er zirkulierte damals unter Letten, die der Herrnhuter Bewegung nahe standen, in jenen Kreisen, die für die Bildungsgeschichte (und mit Fernwirkung auch die Nationenbildungsgeschichte) der Letten eine große Rolle spielten. Von denen, die solche Texte lasen und abschrieben, kennen wir nur wenige Namen (davon vielleicht ein andres Mal). Im 18. Jahrhundert waren der Großteil der Letten rechtlose Leibeigene – auch ohne Recht auf eine eigene Geschichte. Die, die ihnen mit diesem Buch gegeben wird, ist huldvoll und freundlich, aber noch ohne Zweifel an der Verteilung von Rollen und Rang zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten. Immerhin wird der Vorzeit der Letten – d.h. der Zeit vor der Kolonialisierung – ein ganzer Abschnitt zugestanden, obwohl der Autor von dieser Zeit nichts weiß, was er dann gleich verallgemeinert. Typisch westeuropäische Perspektive. Auch im Folgenden werden die Ureinwohner als recht brav, unwissend ohne eigene Schuld und durchaus zu einigen anspruchsvolleren Tätigkeiten fähig geschildert. Der Autor bemüht sich häufig, die Perspektive der Beschriebenen einzunehmen, und wenn es nicht ganz gelingt, liegt das vielleicht auch an der Neuheit dieses Vorhabens. Die im Buch geschilderten geschichtlichen „Fakten“ und Motive sind dieselben wie in der deutschsprachigen Geschichtsschreibung der Region, so zum Beispiel die Idee, dass die Deutschen die Letten zufällig entdeckten, weil ein Wind sie von ihrem eigentlichen Ziel abbrachte. Der Text wurde 2015 in einem sehr schönen Buch mit Faksimile, Nachdruck und Umschrift in heutige Orthographie herausgegeben, mit Kommentaren und vier einführenden Aufsätzen aus verschiedener Sicht. Ich lese ihn mit sehr gemischten Gefühlen. Er machte mich neugierig auf andere Versionen aus vergleichbarer Zeit.

Zweite Version, aus:
Geschichte von Livland, nach bossuetischer Art entworfen von Gustav von Bergmann, Prediger in Livland. Leipzig 1776.

Livland, die schönste und fruchtbarste Provinz von Norden, wurde im zwölften Jahrhunderte von heidnischen Einwohnern, den Liven und Letten, bewohnet. Es würde die undankbarste Beschäftigung seyn, eine zusammenhängende Geschichte von denen Begebenheiten aufzusuchen, die sich in diesem Lande zugetragen, ehe die christliche Religion daselbst bekannt wurde; daß aber die Christen ihre Religion in die Wohnsitze der Liven und Letten verpflanzet, dazu war die Veranlassung folgende: Einige bremische Kaufleute, die nach Wisby in Gothland segeln wollten, wurden nach Livland verschlagen. Ihre erste Landung schien ihnen nicht günstig zu seyn, weil sie von einem Schwarme Liven angegriffen wurden; aber, sie suchten ihre Zuflucht in ihren Schiffen, verglichen sich nach einigen Angriffen, und handelten mit den Einwohnern des Landes, die in der größten Unwissenheit lebten. Es war, wie gesagt, die unwissendste Völkerschaft: In ihrer Sprache ist kein einziges Wort, ein höheres Wesen, Tugend und Laster auszudrücken: Sie beteten die Sonne, den Mond, den Donner, den Blitz und die Winde an, und ordneten diesen Göttern wiederum gewisse Untergottheiten zu, als die Meer= Feld= Wald= Haus=Mutter etc.; von Tempeln und Bildern wußten sie nichts: Unter Bäumen, in heiligen Wäldern und Bergen verrichteten sie ihren Götzendienst, den Abergläubige noch in unsern Tagen heimlich fortsetzen. Sie bekümmerten sich wenig um den Ackerbau, noch weniger um andere nützliche Künste. a) Sie hatten keine Obrigkeit, oder, diese waren einige wenige Landesälteste; und ihr Verstand war so eingeschränkt, daß sie das neu erbaute steinerne Haus Uexkul mit dicken Seilen in die Düna ziehen wollten. b) Sie wohnten in schlechten Hüten, oder, unzugänglichen Wäldern: Sie lebten von Fischen und wilden Thieren: ihre Waaren bestunden aus ungeläuertem Honig, und Thierhäuten, welche sie, so wie die Wilden in Amerika den Spaniern ihr Gold, für Kleinigkeiten zubrachten, und gegen Messer und andere Bedürfnisse vertauschten.
Die Güte des Landes machte, daß diejenigen, welche erst, der Handlung wegen, ausgegangen waren, nun auf Eroberungen zu denken anfiengen. Bey dem zweiten Besuche der Bremer, begehrten sie Wohnplätze von den Heiden, und erhielten die Freyheit, eine Burg oder vielmehr eine Niederlage ihrer Waaren zu bauen. In den Ruinen von Uexkul und Dalen, entdecket man noch die alten Grundmauern der ersten gemauerten Festungen in Livland.
Als die Anzahl der Deutschen sich zu vermehren anfieng: so brachten sie einen Augustiner=Mönch Meinhard ins Land, welcher die Sprache der Einwohner erlernte, und in derselben zu predigen und Proselyten zu machen anfieng.
[Fußnoten]
a) Populus barabarus et incultus, sine Deo, sine Lege, sine Rege viuens. Gruber.
b) Origines Liuon. Putabant cum magnis funibus navium, castrum in Dunam trahere.
Kommentar

Zu diesem Text braucht man wohl nicht viel zu sagen. Kolonialgeschichte par excellence. Die Geschichte vor der Entdeckung des Landes ist unwichtig, einer näheren Untersuchung nicht würdig. Die Aborigines so dumm und unfähig, dass sie das schöne Land, das sie bewohnen, nicht verdient haben. Da müssen ja die Deutschen, die das ganz zufällig finden (hat nicht auch Kolumbus Amerika zufällig entdeckt, als er auf dem Weg anderswo hin war?), kommen und etwas Kultur hineintragen. So in der Art ist die Geschichte schon früher erzählt worden, der Autor greift auch ein paar seit dem 13. Jahrhundert überlieferte Legenden auf – in diesem Ausschnitt die, dass die Wilden, die steinerne Mauern und Gebäude nicht kannten, versuchten, die Burg der Deutschen mit Stricken nieder zu reißen, in den Fluss zu ziehen. Oh Ironie des Schicksals : heute stehen die Reste dieser ältesten Steinbauten, nämlich die der Kirche von Uexkul (Ikšķile), tatsächlich mitten in der Düna. Aber nicht, weil die Liven oder Letten sie mit Stricken dorthin geschleppt hätten, sondern weil die Sovietadministration ein großes Wasserkraftwerk gebaut hat und den Fluß dort gestaut wurde.

Dritte Version, aus: Die Letten vorzüglich in Liefland am Ende des philosophischen Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Völker- und Menschenkunde von Garlieb Helwig Merkel. Nach der Ausgabe Leipzig 1796 herausgegeben, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort versehen von Thomas Taterka. Wedemark: Verlag Harro v. Hirschheydt 1998.

Vom Sturme verschlagene und beschädigte Handelsschiffe aus Bremen, die wahrscheinlich nach Wisby bestimmt waren, erblicken eine unbekannte Küste und laufen in die Mündung eines vielleicht noch nie befahrenen Stromes. Die Schiffenden steigen ans Land und sehen sich sogleich von Menschen umringt, deren wilde Mannheit und Stärke sie zittern machen: aber bald legen diese arglosen Naturmenschen ihren Trotz und ihre Waffen ab. Sollten sie sich gegen Unglückliche zu sichern brauchen, die ihres Mitleids bedürfen und um ihre Hülfe werben? Feindseligkeit ist die erste Regung jedes Wilden bey dem Anblicke des Fremden, dessen Absicht er nicht weiß, da er nur im Kriege andere Nationen kennen lernt: aber wenn dieser nicht droht, wenn er Beistand bedarf und um Beistand fleht, ist Zutrauen und Gastfreundlichkeit gewiß die zwote Empfindung. Die Letten brachten herbey was ihre Felder, ihre Heerden, ihr Wald ihnen gab. Sie ernährten die Fremdlinge, halfen ihnen bey der Ausbesserung ihrer Schiffe und ließen sie endlich bereichert davon ziehn, nachdem sie mit gutherziger Einfalt um Erneuerung ihres Besuchs gebeten hatten.
Ja, sie kamen wider, diese freundlichen gefälligen Ausländer, aber nicht mehr als ruhige Kaufleute, sondern als gierige Räuber, die ihre Saaten verbrannten und ihre Heerden forttrieben. Sie brachten geharnischte Kriegsschaaren mit und, was noch ärger war, hinterlistige Pfaffen. Die Letten kämpften als Helden für Habe und Boden: aber wenn sie auch den bessern Waffen der gebildetern Kriegskunst der Erstern zu widerstehen vermochten, so waren sie doch den Kunstgriffen der Leztern nicht gewachsen. Diese brachten bald Zwiespalt unter ihnen hervor. Sie wußten Tausende zur Taufe zu bereden; sie eröfneten ihnen eine künftige Welt und nahmen dafür, welche Genügsamkeit! ihnen nur alles ab, was sie in dieser besaßen. Sie erschmeichelten die Erlaubnis, Schösser zu erbauen, und lachten dann stolz und hämisch der armen Betrogenen, die mit Stricken herbei eilten, die fürchterlichen Mauren in den Strom zu schleppen. Der blinde Fanatismus, der die Zähne gen Himmel bleckt, indeß sein Fuß den Nacken der Unschuld zerknirscht, predigte das Kreuz gegen Unglückliche, die ihren väterlichen Heerd und ihre Kinder vertheidigten.

Wir sind „am Ende des philosophischen Jahrhunderts“ angelangt, und Garlieb Merkel, das enfant terrible unter den Geschichtsschreibern der Zeit, zeigt uns den Letten (die Lettin gab es offenbar damals noch nicht) als edlen, hilfreichen, guten Wilden. Die Bösen in dieser Geschichte sind die Kolonisatoren und Missionare. Die unheimlichen Fremden sind nicht die am Ufer, sondern die, die mit Schiffen kommen. Die bekannten Motive und Mythen werden jetzt mal anders präsentiert: die Sache mit den Stricken zum Beispiel war das Ergebnis einer Hinterlist, und darüber zu lachen ist gemein. In diesem unerhörten Stil geht es weiter, auch ein Vergleich mit der spanischen Kolonisierung Amerikas findet sich wieder:

Heere geweihter Mörder strömten nach Liefland. Sie badeten in Blut und kehrten dann entsündigt, ja heilig wieder heim oder siedelten sich an in der Mordhöle der Pfaffen. Endlich bedienten sich diese der Bekehrten selbst, die Widerspenstigen niederzumetzeln oder zur Taufe herbey zu zerren, und da nun das ganze Land unter ihren segnenden Fäusten ohnmächtig dalag, theiten sie die Besiegten und die überlisteten Werkzeuge ihres Siegs unter sich und den Gesellen ihrer Gräuelthat, den Schwerdtbrüdern. Vergebens rafften noch verschiedene Male im 13ten und 14ten Jahrhunderte die unglückseligen Söhne Lieflands ihre Kräfte zusammen, um die unverdienten Fesseln von sich zu schütteln: Jeder Versuch dazu, stürzte sie nur noch tiefer ins Elend: sie verloren sogar die Rechte eines glebae adscripti. Bergwerke hat Liefland nicht, zum Glück seiner eigenthümlichen Herren: sonst hätten diese, so gut als die Mexikaner, in denselben verschmachten müssen. Jetzt kamen sie damit ab, daß sie ihre Felder für die Fremdlinge, deren Eigenthum sie selbst geworden waren, bearbeiten mußten und indeß Hungers sterben mochten; daß sie ihre Weiber und Töchter von ihnen schänden sahn, und auf den willkührlichen Wink ihrer berauschten Tyrannen zum Tode geschleppt wurden. (S. 19-20).

Aber wessen Perspektive wird hier eingenommen? Eindeutig nicht die der Kolonisatoren, aber eben auch noch nicht die der Kolonisierten, bzw. nur vermeintlich. Der Erzähler dieser drastischen Geschichte ist eine externe moralische Instanz mit einem eindeutigen Anliegen: Sklaverei als ein Unrecht darzustellen, das ohne Wenn und Aber abgeschafft werden muss. Damit ist Merkel in die Geschichte Lettlands eingegangen. Bis zur Bauernbefreiung dauerte es noch ein Weilchen (in Livland und Kurland wurde die Leibeigenschaft zwischen 1816 und 1819 aufgehoben), und noch länger dauerte es, bis die Letten ihre Geschichte zurückeroberten und anfingen, sie selber zu erzählen.

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