Kantri

Der Videoclip mit dem Lied „Cirvja kāta zupa“, den ich für die zweite Sommerhälfte auf die erste Seite gestellt habe, hat viele Assoziationen in mir geweckt – über das lettische Land, lettische Musik, lettische (Selbst-) Ironie und lettischen Witz –, und mich zu mehreren Recherchen veranlasst, so dass ich nun mal versuchen werde, selber etwas zu schreiben, anstatt immer nur zu übersetzen. Und zwar zuerst über etwas, von dem ich fast keine Ahnung habe, deshalb wird es auch kurz. Ich bin absolut kein Fan von Countrymusik und habe auch erst vorige Woche herausgefunden, dass es einen lettischen Country – eben „Kantri“ – gibt. Aber irgendwie fasziniert mich diese Erscheinung. Über das Video und das Lied „Cirvja kāta zupa”, das kein typischer Vertreter dieser Richtung ist, schreibe ich dann später. Jetzt also ein paar Worte über lettische Musik mit Cowboyhut.

So, wie sie die Schreibweise adaptieren, machen lettische Musiker sich auch die Musikrichtung zu eigen. Der lettische Kantri kommt zwar auch mit quietschenden Gitarren, steht aber für meine Ohren mehr in der Tradition lettischer Populärmusik und damit näher am Schlager als am Rock’n’roll. Die Western-Accessoires und musikalischen Anleihen an Musik aus den USA waren zur Sowjetzeit Exotik und auch ein bisschen Protest. Auf der Webseite http://www.countrymusic.lv/kantri-muzika-latvija ist noch eine Gruppe verzeichnet, die aus dieser grauen Vorzeit stammt:

CountryStones

Country Stones (Foto von http://www.countrymusic.lv)

die 1971 gegründeten „Country Stones“, die damals nicht unter diesem englischen Namen figurieren durfte und sich daher lettisch Laukameņi („Feldsteine“) nannte. Auf YouTube findet man z.B. ihre lettische Version von „Help me make it through the night“.

Linita2

Linita Mediņa (Foto von http://www.countrymusic.lv)

Heute scheint Kantri vor allem ein fröhlicher, selbstbewusster Mix verschiedener Stilrichtungen zu sein, der meist von nicht mehr ganz jungen Männern gepflegt wird und besonders auf Freiluftkonzerten und Festivals das Publikum mitreißt. Der obige offizielle Videoclip der Gruppe Klaidonis (ins Englische übersetzt: The Tramp) zeigt Szenen des diesjährigen lettischen Country Festivals Anfang Juli in Bauska. Frauen gibt es im Kantri weniger. Eine, die ich gefunden habe (Linita Mediņa) kopiert stimmlich die amerikanischen Vorbilder mehr als ihre männlichen Kollegen, eine andere hat nicht nur ihren Namen anglisiert (aus Guna Kalna wurde June Hill), sondern singt auch gleich auf Englisch.

Die Texte des Kantri sind meistens, naja, wie halt die Texte von lettischen Schlagern so sind. Muss man nicht übersetzen. Nur manchmal handeln sie vom Leben auf dem Land, und dann sind sie sehr lettisch. DAS LAND hat ja mythische Bedeutung für die Letten. Auch wenn inzwischen mehr als die Hälfte der Einwohner Lettlands in und um Riga versammelt ist, werden Ihnen drei von drei Letten sagen, dass der wahre Lette ein Landmensch ist. Nur auf dem Land kann sich seine Seele entfalten, nur hier ist er im Einklang mit sich und der Umwelt. DAS LAND heißt auf Lettisch lauki, das ist formal der Plural von lauks (Feld), hat aber viel mehr Bedeutungen. Lauki ist das Land im Gegensatz zur Stadt, es ist Land wie in „auf dem Land“ und in „Landwirtschaft“, es ist Provinz und Dorf, es ist Natur und Heimat und glückliche Kindheit. Es ist der Ort, von dem wir stammen, auch wenn wir schon in der zweiten Generation in Riga leben. In der Stadt sind wir alle immer nur Zugezogene. Auf dem Land haben Oma und Opa einen kleinen, abgelegenen Hof, wo sie selbstgenügsam, arm, aber glücklich leben und wir sie in den Sommerferien besuchen. Diesen Ort besingt einer der jüngeren Kantri-Sänger, Aivars Birzmalis, im Lied mit dem unübersetzbaren Titel Manas lauku mājas. Das unsensible Google-Translate macht daraus „Meine Landhäuser“, dabei ist māja(s) doch auch eines dieser Wörter, die in Singular und Plural unterschiedliche Bedeutung haben. Im Singular heißt es „Haus“, im Plural aber „Heim“. Eine ungefähre Übersetzung wäre also „Mein Zuhause auf dem Land“.

Die erste Strophe skizziert die Idylle (meine freie assoziierende Übersetzung):

Oma schimpft wie immer: lass das Tor nicht offen!
Stapft zur Weide und die Kannen scheppern.
Opa macht den Rücken krumm und jätet,
Sein Gesicht voll Schweiß und Apfelblüten.

Aber im Refrain erfahren wir, dass diese Idylle Vergangenheit ist:

Weißer Nebel legt sich auf die Felder.
Es ist ja nicht, dass ich nicht mehr nach Hause wollte.
Doch keiner ist mehr da, der auf mich wartet,
keiner, der im Türrahmen steht und schimpft,
keiner, dem ich zurufe: Hallo, Oma, ich bin da, wie geht’s?

Denn das lettische Land ist leer und wird ständig leerer. Trotz mythischer Bedeutung und emotionaler Bindung hält die Landflucht seit Jahrzehnten an, denn das Land ist arm und bietet jungen Leuten keine Perspektive. Sie finden Arbeit in Riga oder in Irland und kommen selten zurück. Besonders dicht besiedelt war Lettland wohl nie, und Dörfer im deutschen Verständnis gibt es auch kaum. Wenn schon Land, dann richtig: der Einzelhof war schon immer der Traum der lettischen Landbevölkerung. In den 1920er und 1930er Jahren, als das Land früherer Großgrundbesitzer verteilt wurde, konnten ihn sich relativ viele erfüllen. Was ihnen dann unter der stalinistischen Besetzung zum Verhängnis wurde, als jeder Kleinbauer als „Kulak“ entlarvt und nach Sibirien geschickt werden konnte. Aber das ist ein anderes Thema.

Einen Eindruck von der Weite und Leere des lettischen Landes vermittelt der Videoclip der Gruppe Sestā Jūdze (“Die sechste Meile”).

Im Text geht es um kurze und weite Wanderungen, daher schreiten die Musiker in dem Video so entschlossen voran. Refrain:

Wer weiß wie lange man zu Fuß gehen muss – fünf Schritte, eine Woche oder ein Leben lang.

Allerdings ist mir nicht klar, warum sie dabei so grimmig gucken. Dass das Land weit und leer ist, hat doch auch sein Gutes: es bietet jede Menge Platz zum Entfalten. Und in der Tat findet man auf dem lettischen Land viele wunderbare, eigensinnige und kreative Menschen, denen die Stadt zu eng ist. Kantri singen die aber eher nicht.

 

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