Aspazija: So bin ich

Eine kleine persönliche Auswahl von Aspazijas Gedichten

So bin ich

Ein heiter sprudelnder Quell
über dem eine Weide trauert.
Trotzfunken lauert im Aug,
Blitz in den Fingerspitzen.

Dass so ich bin sollt ihr wissen!
Nun kommt doch mein Rätsel zu lösen!

Umgeben von Alltagspflichten,
von Richtern und Neidern, stolz
blüht die Rose im Rübenbeet,
sprüht der Funken ins trockene Holz.

Dass so ich bin sollt ihr wissen!
Nun kommt euch die Finger verbrennen!

(Deutsche Nachdichtung von Nicole Nau, 2015)

Alltagsmenschen

Ihr wagt es nicht im stolzen Hasse
Zu trotzen einer ganzen Welt,
Demütig beugt ihr euch der Masse
Und bangt, wie sie das Urteil fällt.

Ihr wagt sie nimmer zu ergründen,
Die Tiefe heisser Leidenschaft,
Und nicht in Taten zu entzünden
Die ganze Wucht der Manneskraft.

Ihr sorgt mit Zagen und mit Zittern
Auf festem Boden stets zu stehn,
Im Kampfesbrausen, in Gewittern
Wagt ihr kein glorreich Untergehn.

Wer trägt von euch wie ein Geweihter
Der Seele hehres Königskleid?
Ihr wandelt so behaglich weiter
Im Schlafrock der Alltäglichkeit!

(Von Aspazija auf Deutsch geschrieben – ins Lettische hat es dann Rainis übersetzt)

Josephs Träume

Als du deinen Brüdern deine Träume sagtest
von der Sonne, von den Sternen und dem Mond,
als du von dem Ährenvolk zu sprechen wagtest,
das dir diente — o, wie ward es dir gelohnt!
War die Strafe, Joseph, war der Zorn zu scharf,
der dich packte und dich in die Grube warf?

Mannigfach und seltsam sind auch meine Träume
aus dem hellen Morgen, aus der tiefen Nacht,
über denen ich so oft den Tag versäume,
und der Abend findet mich noch nicht erwacht.
Aber keinen würde ich erzählen dürfen
ihnen, die mich sicher in die Grube würfen.

Wie verberge ich den Mond, der mich bekränzt,
wie die Sterne, die mich ganz mit Licht erfüllen,
und die Sonne, die aus meinem Innern glänzt ?
Welche Finsternis genügt, sie zu verhüllen ?
Aus der tiefsten Grube, allen, die mir nahten,
würden meine Strahlen meinen Traum verraten.

(Deutsche Nachdichtung von Elfriede Eckardt-Skalberg)

Mich übertreffen

Ich bin der Weg zu dir:
Wer wollte dich gewinnen ohne mich?
Wer über meine Brücke gehen,
wer meine Tiefe überstehen,
der müßte soviel mehr auch sein als ich.

(Deutsche Nachdichtung von Ursula Wehlitz)

Faustischer Augenblick

Der Augenblick, der alleinzige,
Der darf mir doch nicht entgehn!
Der muss mir doch kommen, muss mir erblühen –
So schön ist er doch, so schön!
Nichts anderes will ich mehr sehn,
Nur ihn will ich gierig trinken,
Jeden Schluck mir so einverleiben,
Dass Leib und Seele zusammen glühen,
Und dann in das Nichts versinken:
Soll Asche nur übrig bleiben!

Den Augenblick, den goldglücklichen,
Den einzigen Augenblick,
Den möchte ich noch erleben
Und in Seligkeit schweben
Ohne Kummer und Sorgen,
Alles für heute, nichts mehr für morgen,
Dass das ganze Leben zusammenkracht
Über mich wie ein brennendes Dach!

(Deutsche Nachdichtung von Valdis Bisenieks)

Der innere Sturm

Was mich erfasst und was mich trägt,
wie eine Blüte im Winde,
ist nicht von äusserer Macht erregt –
ich bin es, von mir selbst bewegt,
dass ich mein Schicksal finde.

Nicht eine Epheuranke spannt
sich um mein Grab in grünem Erinnern.
Meine Spur verliert sich unerkannt,
und mich begräbt im Wüstensand
Der Sturm in meinem Innern.

(Deutsche Nachdichtung von Elfriede Eckardt-Skalberg)

Bote der Zukunft

Nicht sanft soll ich schwinden
wie Tau am Morgen
am Rande des Blattes
beim Aufgang der Sonne

Nicht leicht mich vertändeln
wie Spinnlein schwebend
am seidnen Faden
hinauf und hinunter.

Nicht sicher mich bergen
als volle Ähre
im wogenden Felde
zwischen den andern.

Nicht süss entschlummern,
als Meeresperle
am schwarzen Busen
des Abgrunds geborgen.

Meine Rast ist – Unrast,
Mein Glück ist – Leiden,
nicht soll ich ruhen,
nicht darf ich weilen.

Mich weckt der Morgen,
eh‘ selbst er wach ist,
mich sendet die Zeit,
eh‘ selbst sie gekommen.

Ich treibe als Sturm,
die Wolkenfetzen
zu Wetterknäueln
zusammenballend.

Ich eile als Zukunft
mit brennenden Sohlen
über das Heute
sausend hinweg.

Deutsche Nachdichtung von Aspazija selbst

Die „Alltagsmenschen“ sowie die Übersetzungen von Valdis Bisenieks und Ursula Wehlitz sind dem Band „Uguns ledū“ entnommen, der 2014 in Lettland erschienen ist. Die Übertragungen von Elfriede Eckardt-Skalberg und Aspazijas Übersetzung von „Bote der Zukunft“ entstammen dem um 1924 in Riga erschienen Buch „Lettische Lyrik“.

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