Stroika – Maloche mit Blick auf London

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Vilis Lācītis: Stroika ar skatu uz Londonu
Rīga: Mansards, 2010

Fragment des Romans, aus dem Lettischen von Andreas Jäkel

 

In London
2. Kapitel
HAGER, aber elegant, in grauem Jackett mit einer schwarzen Fliege ging Vasilij Livanov die Karteikarten in seinem Kästchen durch, auf denen die Namen von Verbrechern geschrieben standen, und beugte sich zu Vitalij Solomin herüber.
„Metjuz. Nu eto tot samyj, kotoryj vybil mnje ljevyj klyk na Tscheringkrosskom vokzalje.“
Livanov nahm ein paar Karten aus dem Kästchen heraus und setzte sich in einen Polstersessel an einem mit Schnitzereien verzierten Tisch.
„Da, Vatson, vsje eto tjeni proschlovo, kotoryje mogut ozhytj toljko s pomoschtschju vaschevo pjera.“
Und er lächelte engelsgleich, während er weiter in seinen Karten stöberte.

Verflucht, jetzt stand ich hier, genau hier, am Bahnhof von Charing Cross, und starrte auf den Londoner Metroplan. Sherlock Holmes kannte all die Stationen garantiert auswendig. Er konnte die Londoner Stadtbezirke an ihrem Matsch unterscheiden, er wusste, wo mit Kokain gedealt wurde und wo sich der durchtriebene Colonel Moran versteckte. Der einzige, den Conan Doyle Holmes nicht suchen und schnappen ließ, war Jack the Ripper, der in dem ärmlichen Prostituiertenviertel mit dem unschuldigen Namen Whitechapel sein Unwesen trieb. Vielleicht hatte Conan Doyle zu großen Respekt vor dem Königshaus, man munkelt schließlich, dass der Wahnsinnige von dort gestammt habe.
Der Morgen hüllte sich in Nebel. Es war gegen fünf Uhr und die Luft war erstaunlich warm und feucht, verglichen mit dem lettischen Dezemberwetter. Die Vögel zwitscherten wie verrückt. Ich ahnte, dass ein richtig harter Tag vor uns liegen würde, wenn dieses Regenwaldklima so weiterging. Nach der langen Fahrt waren wir alle halbtot. Die Nervosität vor der Grenze und der Freudenausbruch, als wir sie passiert hatten, hatten wahrscheinlich unsere letzten Reserven verbraucht und auf der M25, die ganz London in einem riesigen Ring umschließt, waren wir gänzlich am Ende. An die Fähre über den Ärmelkanal erinnere ich mich überhaupt nicht mehr – wir stiegen aufs Deck, sackten auf dem Boden zusammen und kamen erst wieder zu Bewusstsein, als wir hinunter zum Auto mussten.
Armands zankte sich am Telefon mit seiner Frau. Er fühlte sich völlig geschlaucht und sie war gerade zwei Stunden früher als gewöhnlich aus dem Schlaf geklingelt worden, beide konnten sich nur schwer beherrschen. Armands hatte seinen Londoner Stadtplan in Lettland vergessen und jetzt bemühte er sich, mit ihrer Hilfe seinen Aufenthaltsort und den Weg zu unserem Fahrtziel ausfindig zu machen. Liliana schlief mit meiner Gitarre im Arm auf der Rückbank, sie sah fahl und zerbrechlich aus. Ich stand draußen und schaute zu, wie in einer Richtung der Strand im Nebel verschwand und in die andere ein roter Doppeldecker davonfuhr. Ein einzelner Sonnenstrahl brach durch den Nebel und wurde vom altmodischen Schaufenster eines Teeladens reflektiert. Ein Jamaikaner mit Dreads und einer übergroßen Markenstrickmütze lief an uns vorbei und über sein Gesicht zog sich ein so breites Grinsen, wie du es auch mit einer Gesichts-OP aus niemandem in Lettland herauspressen wirst. Londons Geist fing an, sich unaufhaltsam durch die Poren in meiner Haut zu saugen und auf mich zu wirken, aber in diesem Moment war mir das noch nicht bewusst.
„Vilis, auf, wieder ins Auto, wir fahren nach Dulwich“, rief Armands mir entnervt zu und ließ sich so energisch hinters Lenkrad fallen, dass das arme Autochen schaukelte. Das Kleine hatte sich ja Wege und Unwege entlangtuckernd auch müde gefahren. Ich beeilte mich, wieder auf meinen Sitz zu krabbeln und wir drehten eine Ehrenrunde um den Trafalgar Square und das Denkmal des einäugigen Admirals. An diesem Morgen sahen die Löwen an den Ecken des Denkmals riesig groß aus, vielleicht weil ich sie zum ersten Mal in meinem Leben sah.
Dulwich war für Londoner Verhältnisse einfach ein Kaff. Zum Glück blieben wir dort nicht lange. In der Wohnung, in die wir einzogen, wohnten noch Nansen und eine Englischlehrerin. Wenn man letztere zu Gesicht bekam, dann höchstens, wenn sie sich wieder über irgendetwas besserwisserisch aufregte. Ansonsten war sie entweder in der Schule oder auf Reisen in exotischen Ländern. Wie viele Lehrer es wohl in den Ländern, in die sie reiste, gibt, die sich reisen überhaupt erlauben konnten?
Kurzum, die Lehrerin war eine blöde Zicke und Nansen unser gemeinsamer Freund und ehemaliger Klassenkamerad. Nansen hatte halblanges schwarzes Haar, ein kurzes Bärtchen und eng anliegende Hosen, die seine leicht dystrophen Beinchen betonten. Er mochte Blues und Classic Rock, und die Leute nannten ihn oft Jesus. Schon ein gutes Weilchen hockte er in London und schnorrte an allen Enden, denn einen Job hatte er nicht – Weihnachten rückte schlagartig näher und die Engländer bereiteten sich auf den Winterschlaf vor. Auch wir liehen uns großzügig Geld und erzählten uns bei Vladivar-Flaschen und Selbstgedrehten Marke Drum immer wieder, mit welcher Leichtigkeit und wie viel wir verdienen würden, sobald sich nur Möglichkeiten auftun.
„Im Prinzip ist das Wichtigste, die Ruhe zu bewahren und freundlich zu sein“, wusste Armands. Er versuchte, nicht auf die ordentlich aufgereihten Plastikbecher auf dem Boden zu treten, die wir in einer Imbissbude in der Nähe hatten mitgehen lassen. „Wir haben mal für einen Engländer ein Gartenhäuschen gemauert, völlig schepp, weil wir noch nicht wussten, dass man aufm Bau sowas wie ’ne Wasserwaage benutzt. Während wir so mauerten, dachten wir „super duper“, und dann ham wir uns die Sache angeguckt – ein einziger Murks. Völlig dahingefrunzt. Kein einziger Stein lag gerade aufm andern, weil wir nicht auf die Idee gekommen waren, den Mörtel gleichmäßig zu verteilen. Die reinste Katastrophe.“
„Er hat euch gefeuert?“ Liliana blies den Zigarettenqualm Richtung Decke.
„Wo denkst du hin, der war völlig aus dem Häuschen! Er zahlte uns ja auch nur vierzig Pfund am Tag. Die englischen Bricklayer hätten ihm mindestens fünf Hunnis für so ’ne Arbeit abgeknöpft. Wir ham da zwar zwo Tage lang herumgefuhrwerkt, aber unser Arbeitgeber hat ganz ordentlich an uns gespart und uns später an den Typen weiterempfohlen, für den ich jetzt arbeite.“
Mann, wir bissen uns immer wieder auf die Zunge und verkniffen uns die Frage, ob Armands’ Arbeitgeber nicht auch was für uns haben könnte. Vorerst zumindest hatte er nichts. Es war in Armands’ eigenem Interesse, so schnell wie möglich irgendwas für uns zu finden. Wir beide schuldeten ihm pro Kopf schon locker einen Gebrauchtwagen und auch wenn er keine Zinsen verlangte, stieg die Summe stetig weiter in die Höhe. Wir riefen ihn eben jeden zweiten Tag an, um uns wieder was von ihm zu leihen, weil alles teurer war, als wir uns gedacht hatten.
Und dann waren auch Armands’ Geldquellen erschöpft. Er hatte selbst keine Arbeit und die bescheidenen Einkünfte seiner Frau holten kaum das wieder rein, was die Familie ausgab. Wir kratzten das letzte Geld von unseren Kreditkarten zusammen, verdrehten den letzten Drum, setzten uns einander gegenüber an den vom Tabak vollgekrümelten Küchentisch und rauchten erst mal eine. Die Situation fing merklich an, an unseren ohnehin schon strapazierten Nerven zu zehren. Vor dem Fenster ragten wie eine nicht enden wollende Armee aus Klonen die Dächer von Dulwich auf, auf denen sich dann und wann rege die Eichhörnchen tummelten.
Bevor wir einen konstruktiven Vorschlag äußern konnten – was vor allem deshalb schwierig war, weil wir alles schon zehntausendmal sinnlos durchgekaut hatten – kam die Lehrerin, geradeerst von irgendwelchen Inseln im Pazifischen Ozean zurückgekehrt, in die Küche hinein und drohte uns mit Sanktionen, wenn wir nicht aufhören würden, unsere Schuhe im Flur rumstehen zu lassen und in der Küche zu rauchen. Wir warfen einander einen Blick zu, und eines war immerhin klar: Was auch immer unser Plan sein würde, an allererster Stelle stand eine neue Bleibe. Das gab uns wenigstens das Gefühl, eine Richtung zu haben, in die wir uns bewegten. Wir drückten unsere Zigaretten aus, behielten in weiser Voraussicht die Stummel, damit wir das nächste Mal was zum Drehen hätten, und klingelten zu Armands durch, um ihn über unseren neuen Einfall zu informieren. Wir brauchten eine andere Behausung, und zwar schnell. Wir hatten nur nicht die leiseste Ahnung, wie wir eine finden sollten.
Wie gewöhnlich war auf Armands Verlass. Seine Frau kannte über Ecken ein paar Ukrainer, die immer Leute suchten, mit denen sie sich das Haus teilen konnten. Und überhaupt war Armands’ Frau einfach spitze, auch wenn die beiden jetzt geschieden sind. Eine schlanke, schöne Frau, deren weibliche Zartheit den Drang weckte, höflich und ehrerbietig zu sein und nicht so häufig wie sonst zu fluchen. Und gleichzeitig war Liva so durch und durch optimistisch und ausdauernd, wie nur zarte Frauen es sein konnten. Die Ukrainer kannten Liva nicht, aber Liva kannte jemanden, der die Ukrainer kannte. Typische Londoner Immigrantenwirtschaft. Anfangs hätten die Ukrainer angeblich zu fünft gewohnt, dann sei einer umgezogen und jetzt richteten sich an seiner statt drei Letten dort ein. Die Auslastung des einzigen Duschklos stieg mit unserem Einzug an, dafür fiel der Pro-Kopf-Mietanteil, worüber die Ukrainer happy waren. Zwei von ihnen waren Brüder – Mischa und Grischa, wie dämlich es sich auch anhören mag – und ihre Freunde Ljocha und Zhenja. Obwohl die Jungs aus Winnyzja kamen, konnten sie so gut wie gar kein Ukrainisch und unterhielten sich auch untereinander auf Russisch, und doch wogte regelmäßig beim Küchenklatsch der Patriotismus hoch auf. Ljocha arbeitete bei der Security und war fast nie zu Hause, Zhenja seinerseits arbeitete in einem Restaurant als Tellerwäscher und war fast nie zu Hause.

Letten als Gastarbeiter auf den Britischen Inseln – zu diesem Thema sind nun schon 3 lettische Romane erschienen. Dies ist der zweite und der bisher einzige aus Männersicht. Um der permanenten Geldnot zu Hause zu entfliehen, begibt sich der Held des Romans, der ja lieber Musiker wäre, nach England, um dort auf dem Bau ranzuklotzen (Stroika ist das russische Wort für Baustelle). Die bunt-graue Welt der vorwiegend mittel- und osteuropäischen Immigranten in London wird mit viel Ironie geschildert. Die Neigung zu ironischen Scherzen verrät schon der Autorenname (ein Pseudonym), der einerseits an den umstrittenen Klassiker der 1930ger und 40ger Jahre Vilis Lācis erinnert, sich aber andererseits niedlich harmlos mit „Willi Bärchen“ übersetzen lässt.

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