An den 15. Oktober 1969 erinnere ich mich nicht. Wie sollte ich auch. Obwohl es ja Leute gibt, die behaupten, dass sie sich an ihre Geburt erinnern. Vermutlich habe ich richtig im Mutterleib gelegen, denn es soll eine natürliche Geburt gewesen sein. Sie war weder besonders lang noch kurz, die Wehen kamen alle fünf Minuten. Meine Mutter war bei meiner Geburt fünfundzwanzig, demnach jung und gesund, was sich allerdings später als nicht ganz richtig herausstellte. In meinem Gedächtnis oder vielleicht in meiner Vorstellung geblieben ist aber das milde goldene Oktoberwetter, in das sich die Vorahnung der dunklen Tage mischt. Ein Schwellenmonat, zumindest in unserer Klimazone, in der sich die Jahreszeiten abwechseln und der Herbst langsam in den Winter übergeht.
So beginnt Nora Ikstenas Roman Mātes piens („Muttermilch“), in den die Autorin Teile ihre eigenen Lebens eingewebt hat. Zum Beispiel den Geburtstag am 15. Oktober 1969. Dieser Roman, im Original 2016 erschienen, ist wohl der am meisten übersetzte lettische Roman aller Zeiten; 2025 erschien er noch auf Tamil und Portugiesisch. Er erzählt eine zeitlose Geschichte von Müttern und Töchtern vor dem zeitlichen Hintergrund des sowjetischen Lettlands. Er endet, als die Tocher-Erzählerin eine junge starke Frau ist und Lettland wieder unabhängig wird. An ihren Tod mitten im kalten Winter, am 6. Januar 2026, hat sich die Autorin darin nicht erinnert. Wie sollte sie auch.
In der Kurzgeschichte „Naģe“ beschreibt sie einen Tod, der zwar nicht schön ist, aber die Sterbende doch mit tröstlichen Gedanken gehen lässt. Solche hatte hoffentlich auch Nora, die der lettischen Literatur so viel gegeben hat.
Sich in das helle, feuchte Moos legen, einschlafen und warten, bis er kommt und dich nimmt. Der liebe Tod. Wie gut, daß es nicht damals geschah, sondern heute. Heute hat sie etwas zu geben.
(aus: Nadje. Aus dem Lettischen von Nicole Nau. In: Sinn und Form 72, 1)