Das ist doch mal ein schöner Satz in einem Nachruf. Das können sie auch über mich schreiben. Wobei es bei einer Lettin natürlich eine andere Bedeutung hat – in Deutschland sterben sicher täglich viele Frauen, die nie Mitglied eines Chores waren, in Lettland ist das seltener.
Amanda Aizpuriete war eben anders. Vor einer Woche, am 22. Oktober 2023, ist sie gestorben, und noch am selben Tag veröffentlichte die Journalistin Elita Veidemane einen Nachruf, in dem sie sich an die Amanda aus der gemeinsamen Schulzeit erinnert:
In den Pausen stand sie am Fenster und las in einem Buch, sie beteiligte sich an keinen Streichen, tanzte nicht in der Volkstanzgruppe und sang nicht im Chor. Sie war gut in der Schule, ein stilles Mädchen, das fast nie lächelte. Nur ab und zu zog sie die Stirn kraus, als ob sie sich über einen frechen Windstoß ärgerte, der ihre Buchseiten durchblätterte, und rief aus: “Was soll das denn jetzt?!”
https://nra.lv/viedokli/elita-veidemane/433388-aizgajusi-amanda-aizpuriete-karstas-milestibas-un-pilnas-dzives-dzejniece.htm, übersetzt von Nicole Nau
Amanda Aizpuriete war eine international anerkannte Dichterin. 2022 bekam sie den ruhmreichen internationalen Literaturpreis von Vilenica. Auch in Deutschland war ihr Werk bekannt. Drei Gedichtbände in der Übertragung von Manfred Peter Hein sind bei Rowohlt erschienen. Die Zeitschrift die horen veröffentlichte 2002 eine von Amanda Aizpuriete getroffene und kurz kommentierte Auswahl lettischer Gedichte von acht AutorInnen, darunter sie selbst. Über sich schreibt sie da:
“[Ich] verbringe mein Leben in einer relativ ruhigen Gegend. Kontakte zur Außenwelt unterhalte ich hauptsächlich über das Telephon – wenn es nicht abgestellt ist wegen nichtbezahlter Rechnungen. Mit Freunden und Kollegen treffe ich mich meist auf Beerdingungen von anderen Freunden und Kollegen. […] In den letzten sieben Jahren habe ich etwa 20 Romane aus dem Deutschen und Englischen übersetzt und selber einen Roman geschrieben. Meine letzte (siebte) Gedichtsammlung Vēstuļu vējš (Briefwind) liegt zu Hause in der Schublade, denn es findet sich kein Herausgeber. Die nachfolgend abgedruckten Gedichte sind aus diesem Manuskript.“
die horen, H 10331 (2002); Übersetzung von Margita Gūtmane
Hier ist eins davon, übertragen von Horst Bernhardt und Manfred Peter Hein:
Zu oft hab ich geschrieben: Ende.
Mit dem Glühwürmchen der Zigarette nachts,
mit ziellos eiligen Schritten,
mit nicht abgehobenem Hörer – der bezog sich
mit sengendem Rauhreif des Schweigens.
Meine Lieblingsunterschrift: Stummheit.
Heut morgen
ist die Luft voll kalter Asche der Dämmerung
und der Spiegel an der Wand, eine dünne Schicht Eis
über der Leere, bekam einen Riß.
Die ausgehungerte Katze hascht
nach mageren Küchenschaben.
Könnte ich doch
alles Aufgeschriebne löschen – damit uns nur bliebe, was sein wird.
Und hier kann man hören, wie die Autorin dieses Gedicht auf Lettisch vorträgt.
Das Motiv der Schlaflosigkeit und ein Spiegel finden sich auch in ihrem Roman Nakts peldētāja (Nachtschwimmerin). Hier ist ein Ausschnitt in meiner Übersetzung:
Ich kann einfach nicht einschlafen. Versuche es mit einem langweiligen Buch nach dem anderen, mit Dantes vornehm steifen Paradies in der Göttlichen Komödie und Tolstois endlosen Schlachtenbeschreibungen in Krieg und Frieden – nichts hilft. Ich gehe in die Küche und koche mir einen Tee. Ich glaube, es war Dick, der gesagt hat, Schlaflosigkeit und Tee passen gut zusammen. Ja, das war Dick, der letzten Sommer an Schlaflosigkeit litt, so dass ich mich im Halbschlaf aus dem Bett wälzte und in die Küche schlich, um Wasser aufzusetzen. Ein paar Mal stand Mamma auf und schaute nach, was mit mir los sei. Sie hat einen dünnen Schlaf, Papa nicht, der schläft wie ein Toter. Mamma ist zurzeit auf Dienstreise, und ich kann so laut herumscheppern, wie ich will. Im Badezimmerspiegel sehe ich mir in die Augen. Na, junge Frau, warum können Sie nicht schlafen?
Doch die eingangs zitierte Schulfreundin schließt ihren Nachruf mit den folgenden Zeilen der Dichterin:
durch die wasser wacher nächte
waten heiter albtraumkinder
durch die wasser wacher nächte
alte träume flösse winden
durch die wasser wacher nächte
ruft ein strudel wie ein freund
und am ufer jault der tod
negulēto nakšu upēs
līksmi murgu bērni bradā
negulēto nakšu upēs
veci sapņi plostus vada
negulēto nakšu upēs
atvari kā draugi sauc
krastā nāves suņi kauc
(Amanda Aizpuriete, deutsche Übertragung von Nicole Nau)
Möge sie all ihre beerdigten Freunde wiedertreffen. Und vielleicht doch noch im Chor singen.