Zwischen Riga und Kalifornien, zwischen Berlin und der Schweiz liegt Pfifferlingen, ein mehr oder minder idyllischer, mehr oder minder imaginärer Ort in Schwaben. Kann Schwaben 1944 idyllisch sein? Was kann ein Lette auf der Flucht vor der Roten Armee und den Bomben in Berlin hier finden? Genug für einen Roman!
Die lettische Perspektive auf das Dritte Reich kurz vor und nach seiner Kapitulation – das ist etwas höchst Ungewöhnliches. (Helmut Böttiger, Deutschlandfunk Büchermarkt)
Anšlavs Eglītis: Schwäbisches Capriccio
Aus dem Lettischen und mit einem Nachwort von Berthold Forssman
Guggolz Verlag, 2024 https://www.guggolz-verlag.de/buecher/schwaebisches-capriccio
Hier ist der Anfang des Buches aus der Leseprobe von der Verlagswebseite, wo wie erfahren, wie es den Letten nach Pfifferlingen verschlägt:
Pēteris Drusts döste vornübergebeugt im Zug. Alles Erlebte erschien ihm wie ein sinnloser Albtraum: das brennende Berlin, die Flucht durch die Flammen, das Umherirren in den Trümmern, der Ansturm auf die Züge, die langen Nächte in den überfüllten Waggons, das endlose Warten, mal auf offenem Feld, mal in zerstörten Bahnhöfen, wo in allen Ecken der Wind pfiff und Schnee umherwirbelte. Drusts war bereits die vierte Nacht unterwegs. Von jeder Endstation war er mit dem ersten Zug weiter nach Südwesten gefahren, in Richtung Rhein und Schweizer Grenze.
Der Zug hatte die großen Städte hinter sich gelassen, und nun ging es, soweit es sich anhand der langsamen Fahrt und des schweren Keuchens der Lokomotive beurteilen ließ, durch eine bergige Gegend. Im Waggon herrschte Dunkelheit, nur das Glimmen von Zigaretten war zu sehen. Ganz Deutschland lag in dichter undurchdringlicher Finsternis. Die Bürger waren folgsam und gewissenhaft: Man konnte hunderte Kilometer fahren, und nirgends drang ein einziger Lichtschein durch den Spalt einer nachlässig vorgezogenen Verdunklung hervor. Nur in den Bahnhöfen warfen fahle Birnen gespenstisches Licht auf schmale Bahnsteige, auf denen sich die Menschen drängten wie graue Schatten.
Irgendwo hier sollte er aussteigen, dachte der zu Tode erschöpfte Drusts. Aussteigen, einen Gasthof suchen und endlich eine Nacht in einem Bett verbringen. Aber an welcher Station? Dies war eine wichtige Hauptstrecke, und die Bahnhöfe konnten jederzeit zum Ziel von Luftangriffen werden. Statt wie erhofft in einem Bett auszuschlafen, würde er dann nur wieder in einem Schutzraum herumlungern. Wo ließ sich jetzt in ganz Deutschland bloß ein sicheres und ungestörtes Nachtquartier auftreiben?
Drusts presste die Hände gegen seine Schläfen und drückte die Stirn gegen die Fensterscheibe. Auf dem Nebengleis standen, im Dunkel kaum zu erkennen, eine kleine altertümliche Lokomotive und ein paar ebenso eigentümliche Reisezugwagen, offenbar der Zug einer kleinen Nebenstrecke zu einer vollkommen unbedeutenden Ortschaft.
Einer plötzlichen Eingebung folgend sprang Drusts auf, stolperte aus dem Waggon hinaus ins Dunkel und tastete sich zu dem kleinen Zug hinüber.